Noms de lieux et de
lieux-dits du Haut-Valais

Lemme supérieur

Rottu

Rottu ‘Rhone’ ist die dialektale Form des Flussnamens, der hdt. die Rhone, frz. le Rhone genannt wird. Der Fluss entspringt beim Rhonegletscher und fliesst durch das ganze Wallis in den Genfersee, den er bei Genf verlässt, um durch Frankreich ins Mittelmeer zu fliessen. Zu Grunde liegt eine aus dem Keltischen ins Lateinische übernommene Grundform RHODANUS, ein in Westeuropa weit verbreitetes Hydronym. Die frühe Entlehnung ins Deutsche hat das finale /-S/ des Lateinischen und Romanischen nicht bewahrt; die althochdeutsche Verschiebung von /d/ zu /t/ hat bereits im 8. Jh. stattgefunden, also vor der Immigration der Alemannen ins Wallis (MÜLLER 1993, 799–805; SONDEREGGER 1966/67, 266; BESSE 1997, 744). Es ist deswegen von einer exonymen Form auszugehen, die schon vor der alemannischen Besiedlung des Oberwallis entstanden ist (ähnlich wie Sitten < Sedunum). KRAHE stellt Rhodanus zu einem rekonstruierten *redho ‘quellen, fliessen’, resp. *rodhos ‘Flusslauf’, das sich in den zahlreichen Rhodanus-Namen erhalten habe (KRAHE 1953, 44–47; ZINSLI 1977, 78). GREULE (2014, 449) schlägt hingegen vor, auf ein urkelt. *ROTO ‘Wagen’ zurückzugehen, das sich zu *RODO-/*RODĀ ‘Wasserlauf’ entwickelt habe.

In der Datenbank VSNB finden sich verschiedene Schreibweisen, so lat. RHODANUS und RODANUS, davon abgeleitet gelehrtes Rhodan und Rodan, in einigen Fällen hdt. Rhone wie in Rhonegletscher, Rhonefirn, Rhonestock und Rhoneglut (Sportplatz in Raron). In Einzelfällen lässt sich nicht entscheiden, ob statt Rottu das Farbwort rot gemeint ist; letzteres hat zwar ein langes /o/, das kann aber trotzdem als Rott verschriftlicht werden. Die rund 120 Belege sind auch sonst nicht unabhängig von einander, da der gleiche Fluss durch alle Haupttalgemeinden des Oberwallis fliesst. Das führt auch dazu, dass das Simplex in praktisch allen diesen Gemeinden belegt ist, meist in der Form Rottu oder Rotte, manchmal auch als Rotten oder Rhone. Das Simplex kann mit Präpositionen oder Lokaladverbien versehen sein, wie in bei Rotten aúff ‘beim Gebiet aufwärts des Rotten’ (1578 u. später, Brig) oder Uber Rotte ‘jenseits des Rotten’ (Reckingen) oder lateinisches Vltra Rhodanum ‘jenseits des Rotten’ (1628, Lalden) usw.

Ein einziges Mal kommt ein Diminutiv mit einem Adjektiv vor: Chli Rottji ‘der kleine Rotten’ (Mörel), ein Nebenfluss zum Rotten.

In den meisten anderen Fällen ist Rottu Bestimmungswort. Sehr prominent ist hier ts (e)Rottubett ‘das Bett des Rottens’, häufig mit dem Attribut alt wie in ts Alt Rottebett ‘das frühere Bett des Rotten’ (Reckingen). Der Rotten verlief bis zur ersten Korrektion (1863/64) immer wieder in neuen Betten; die Korrektionen selbst hinterliessen ebenfalls stillgelegte Arme. Vermutlich ähnlich zu verstehen ist das nur selten belegte der alte Rhodanrús ‘das alte Rottenbett’ (1848, Oberwald), zu dem es ein Gegenstück der neue Rhodannrus ‘das neue Rottenbett’ (1848, Oberwald) gibt. Rüüs (< Runs) ist sonst eher eine Wasserleitung, wird aber hier auch auf den Fluss angewandt. Auch die lateinische Form Cursum Veterem Rhodani (1680, Varen) meint wohl altes Bett (wörtlich: Lauf) des Rottens. Nur zweimal belegt ist jm Rotten Schwung (1655 u. später, Obergesteln) und beim únteren Rottenschwúng (1797, Ulrichen) – beide Male sind frühere Biegungen des Flusses gemeint, der später begradigt wurde. ts Rottusand hiessen die ursprünglich vom Fluss-Sand gebildeten Gebiete entlang des Rottens; in Brig ist daraus ts Rhonesand geworden, obwohl der Rotten seit dem Bau des Simplon-Tunnels vom Briger Gebiet abgeschnitten ist.

Brücken über den Rotten sind mehrfach als Rottubrigga oder Rottubriggu (Leuk) bezeugt. Die Gemeinden mussten für die Brücken sorgen und sie in Stand halten. Eine Reihe weiterer Grundwörter wie Acher, Gassa, Gletscher, Halta, Schlag, Stei und Wasserleita sind belegt.

Einen Sonderfall stellt in Oberwald der Rotterhüs dar; FLNK nennt den gleichen Ort Rotterüüs. Schon das Genus Maskulin des Beleges mit Hüs ‘Haus’ deutet auf ein Missverständnis hin: die Gwp. hat den Sinn von Rotterüüs ‘(altes) Bett des Rottens’ nicht mehr verstanden und daraus ‘das Haus der Rotter’ gemacht. Unklar ist in Visp der Beleg vsque ad magnum lapidem dictum der Rottenstein ‘bis zum grossen Stein, der Rottenstein genannt wird’ (1595) – hier kann sowohl der Stein beim Fluss Rotten, wie auch ein roter Stein gemeint sein. Ähnlich unklar ist ze Rote Räbu ‘bei den roten Reben / bei den Reben am Rotten’ (Brigerbad), wo ein historischer Beleg von 1673 in den Rotten Reben oder Rotten Weingarten eher an den Fluss denken lässt; die Reben befinden sich heute direkt oberhalb der Rotten-Ebene in Brigerbad.

Die hdt. Belege Rhonefirn, Rhonegletscher, Rhonestock verdanken sich der Nomenklatur der Landestopografie; die SK nennt den Fluss Rhone. Das neue Kompositum Rhoneglut (Raron) ist hdt.

Wie üblich gibt es auch hier komplexere Formen, etwa t Rottebriggeri ‘die Wasserleite bei der Rottenbrücke’ (Niederwald) oder der Rottebriggerwaud ‘der Wald bei der Rottenbrücke’ (Niederwald, mit /l/-Vokalisierung) und weitere.

Ein moderner Name findet sich in Radio Rottu Hüsi ‘das kleine Haus von Radio Rottu’ (Visperterminen) – es handelt sich um eine Sendeanlage des Oberwalliser Regionalsenders Radio Rottu in Visperterminen (cf. HL RADIO), das inzwischen ausser Funktion ist.

In Salgesch gibt es den Flurnamen Tschanderüünu ‘das Feld am Rotten’, der die dialektale Übernahme der Patios-Form Runo ‘Rotten’ enthält (cf. HL RÜÜNU).

VSNB, Bd. 3, Sp. 502

Ocurrences

(e)rott

(e)rottu

(e)rottun

(e)rrottun

rhodan

rhodani

rhone

rodan

rodani

rodanus

rohten

rote (Rottu)

rothen (Rottu)

rott

rotte

rotten

rotter

rottji

rottu