Noms de lieux et de
lieux-dits du Haut-Valais

Lemme supérieur

Wichel

Wichel ‘Winkel’ ist zu schwdt. Winkel, ahd. winkil, wdt. Wiichl, Winkl, Wiichäl, Wiichul, Wiichil (ID. 16, 675 ff.; GRICHTING 1998, 238) wesentlich wie nhd. ‘Winkel’ zu stellen. In FlN bedeutet Wichel ‘winklig zugespitzte Flächen in Wiesen und Feldern’, auch ‘Tälchen’ (ZINSLI 1984, 590 und ZINSLI 1946, 341; ID. 16, 675 ff.).

Die frühen belegten Formen zeigen einerseits Spuren der Entwicklung k > ch (an dien Winchlen, 1383, Termen) und anderseits den Schwund von /n/ vor velarem Reibelaut (Wichilwald, 1389, Ulrichen). Schwierig zu deuten sind frühe Fälle mit Wigen (1289 (sic!) Wigenriedero, Visp; 1304 in dem obern Wigenriede, Zeneggen), bei denen ein auslautendes /l/ fehlt; es könnte sich um eine Schreibweise für Wier ‘Weiher’ handeln; AWWB (294) stellt Wichenried zu Winkelried, übersetzt es aber als ‘Weiherried’ – es scheint also zwei FaN ‘Im Wichenried’ und ‘Im Winkelried’ zu geben, die wohl irgendwann lautlich zusammengefallen sind; im heutigen Familiennamenbuch ist jedoch nur noch Imwinkelried (FAMILIENNAMENBUCH DER SCHWEIZ 3, 896) bezeugt.

Von den rund neunzig belegten Fällen kommt das Simplex im Singular Wichel (auch Wichil, Wichul, Wichu (mit l-Vokalisierung von -el), Wiihel, Wihil) fünfzehn Mal vor, einmal im Dativ als de Winkeln (13??, Ernen, 1546 Winchel). Der Plural des Simplex ist vor allem als Wiichja / Wiichje belegt (sechs Belege, mit der Palatalisierung von /-la/ zu /-ja/); in Steinhaus ist t Wichja jedoch ein Femininum im Singular – es könnte sich hier um eine Re-Interpretation des maskulinen Plurals t Wichja handeln. Nur historisch belegt ist an dyen Wynkiln (1320, Zwischbergen).

Einen Sonderfall stellt der vorangestellte Genitiv in Hans Jost Wichellen Erb ‘das Erbgut des Hans Jost Wichel’ (1750, Lax) dar, wo wohl ein FaN vorliegt, der jedoch sonst so nicht belegt ist; belegt sind nur die oben erwähnten FaNN Wichenried und Winkelried.

Der Diminutiv Singular ist belegt in ts Wiiulti, auch ts Wichulti (Saas-Fee, für die gleiche Flur).

Konstruktionen mit attributiven Adjektiven sind selten; es kommen Inner und Üsser, Ober und Unner vor.

Wichel ist als Grundwort in zweigliedrigen Komposita nur in Bowiiriwiichil ‘der Winkel beim Bowiiri’ (Albinen) und der Chriswiichel ‘der Winkel (Dorfteil) mit Chris (Reisig)’ (Kippel) belegt. Im FLNK-Beleg Schilligwichil ‘der Winkel der Familie Schillig’ (Agarn) ist der FaN Schillig (AWWB 234) enthalten (cf. HL SCHILL FAN).

Häufiger ist das Lemma als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita. Dabei sticht das mehrfach belegte Wichelmes (1832, Blitzingen; 1846, Selkingen), ts Wiichilmäs (Niedergesteln), Winkelmäs ‘Winkelmass’ (1860, Mund) hervor, das ein Gelände in Form eines Winkelmasses meint (ID. 4, 456); das Instrument ist im Allgemeinen rechtwinklig. die übrigen Grundwörter sind Äbi, Acher, Bode, Chriz, Fura, Gand, Gassa, Grabe, Grund, Haalta, Matta, Stäg, Tola, Ture, Wald und Zug.

Komplexere Konstruktionen sind etwa t Wiichelmattfura ‘die Furche bei der Winkelmatta (Teil von Zermatt)’ (Zermatt) und ts Wichel binner Brigge ‘zum Winkel bei der Brücke’ (Ulrichen). Unsicher ist die Interpretation von alpem nominatem (sic!) Winckell Riedero Alpÿ (1687, Ergisch u. Turtmann) – es kann sich um den ‘Winkel auf der kleinen Alpe der Familie Rieder oder der Leute vom Ried’ handeln, oder um ‘die kleine Alpe der Familie Winkelried’. Die Schreibung lässt das im Unklaren.

Eine Reihe von Belegen stellen bislang unlösbare Probleme, so das oben erwähnte Wigenriedero, das wohl mit ts Wicheried (Zeneggen) identisch ist. Unklar ist auch t Wiichera (Täsch; 1659 in der Wicherún); das Register schreibt “Winkern” und FLNK hat Wiichra. Nur 1809 steht Winchlärra - offenbar ein Versuch einer Ableitung auf -ERRA von Winkel (vgl. SONDEREGGER 1958, 551, der aber nur von Verben abgeleitete Formen als Stellenbezeichnungen annimmt). In Randa gibt es Wiicherza. Es handelt sich um eine Wasserleite, die laut Beschreibung der Bewässerung von Wichje ‘die Winkel’ diente. Randa hat mit Känetza einen zweiten Wasserleitungsnamen auf -ZA, der sonst nicht belegt ist. Noch unklarer ist der Beleg t Wihu Ballma (Stalden) (cf. HL WI). Es handelt sich um ein Adjektiv wih, phonetisch mit offenem /i/ notiert (ID. 15, 1036 ff. kennt das Verb wīhen ‘weihen’ und dessen Partizip, nicht aber ein Adjektiv); ahd. wîch ‘heilig’ (LEXER 3, 815) ist jedoch gut belegt. Die Beschreibung notiert “Tuffstein”, eventuell als geweihter Stein oder für den Kirchenbau verwendet (vgl. APNB 2, 3, 2100 s. v. Wiehebalmen).

VSNB, Bd. 4, Sp. 549

Ocurrences

wiche

wichel

wichellen

wichginen

wichil

wichja

wichjen

wichu

wichul

wichulti

wigen

wiichel

wiichera

wiicherza

wiichie

wiichil

wiichja

wiichje

wiichji

wiichul

wiihel

wiihil

wiihul

wiiulti

winchil

winchkil

winchlen

winckell

winkel

wynkiln