Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Doore

Doore m. ‘Dorn’ ist zu schwdt. Doren, Dorn bzw. Torn, im Wallis -ō-, -un, -on, in Lötschen Tōrn m., diese Endung /-rn/ geht auf /-ren/ zurück (Konsonant + Schwachtonvokal + n > Konsonant + n), Pflanzenname wesentlich wie nhd. ‘Dorn, Dornstrauch, Dornzweig’, ahd. und mhd. dorn und wdt. Doore, Doorä (Goms), Doora (Mattertal), Doorn (Lötschental), Dooru (ID. 13, 1622 ff. bes. 1631 Anm.; SDS 2, 142; GRICHTING 1998, 59; HENZEN 1929, 130) zu stellen. Das HL kommt in rund 75 Flurnamen vor. Gemeint sind in den Flurnamen generell Gebiete mit Dornsträuchern wie Schwarzdorn, Weissdorn und andere. Bei Namen mit neutralem Genus sind Kollektiva gemeint.

Das HL ist als Simplex im Singular selten belegt: ts Dooru ‘bei den Dornsträuchern’ (Ried-Brig), jm Dorr ‘im Gebiet mit Dornsträuchern’ (unklar) (1777, Niedergesteln). Ganz unsicher ist der Beleg zúr Doren (1667, Ernen; 1838 zúr Thorn), ein seltenes Feminin, das am ehesten als Reanalyse aus dem Plural verstanden werden kann.

Häufig sind dagegen Plurale des Simplex: Doorna (FLNK, Eggerberg, EK: Dorna; FLNK, Embd), di Doorna (Ausserberg, Baltschieder, Eggerberg, Hohtenn, Raron), ze Doornu (Termen (dreimal), Visperterminen), jn Dornen ‘im Gebiet mit Dornsträuchern’ (1557, Mund), jn den Dorun (1545, Unterbäch).

Als Diminutiv im Singular kommt Dori (FLNK, Albinen) in Frage, das als Dori / Im Dori auch bei MATHIEU (2006, 19) vorkommt. Ob aber überhaupt das HL DOORE oder ein frpr. Etymon vorliegt, lässt sich nicht sagen. Im Plural sind di Doorlini ‘die kleinen Dornensträucher’ (Hohtenn, Steg) belegt.

Mit attributiven Adjektiven finden sich: Grawi Dorne ‘die grauen Dornsträucher’ (FLNK, Bürchen), wozu wohl auch das nur einmal historisch belegte die Graden Dorna (1576, Bürchen) gehört. Bei LAUBER / WAGNER / GYGAX (52014) ist kein Graudorn oder ähnlich belegt; hingegen gibt MARZELL (1972, 2, sp. 872, s. v. HIPPOPHAË RHAMNOIDES für den Sanddorn) auch Blawe Dore ‘blaue Dornen’ (nach STEBLER 1928, 78) an. Als Kompositum kommt auch t Wiissdoorna ‘die Weissdornsträucher (Crataegus monogyma oder laevigata)’ (Eggerberg) vor. Weiter ist belegt im (lat.: Superiori) Oberen Doren ‘im oberen Gebiet mit Dornsträuchern’ (1674, Ried-Brig).

Von den zweigliedrigen Komposita mit dem HL als Grundwort ist vor allem der Typ Hegdore vertreten, der zu schwdt. Hagdorn, auch Heggendorn (ID. 13, 1634 ff.) zu stellen ist. Die beiden Ausdrücke bezeichnen verschiedene Arten von Dornsträuchern. Dieser Typ ist belegt als am Haadorn (1745, Niedergesteln), im Hadoore (Eischoll, Dorfviertel), Hegdore (FLNK, Bellwald), Hegdorn (1844, Fieschertal), im Heggdooru (Naters, Weiler). Als komplexere Formen kommen dazu Undern Haagdoorni ‘im unteren Hagedorn’ (Wiler) mit dr Haggdoorichrum ‘die eingezäunte Wiese beim Gebiet kleines Hagedorn’ (Wiler) und dr Haggdoristäg ‘der Steg (über den Chummerbach) zum Gebiet kleines Hagedorn’ (Wiler). Zum Weiler Heggdooru (Naters) sind folgende komplexe Konstruktionen belegt: Hegdorner Gassa (1774 u. später), Hegdornerbiela, Hegdornerwald (1684 u. später), Heggdorner Schrattji, Hegdoruhalta (FLNK), sowie die Ableitung Hegdorneri (FLNK) für die Wasserleitung von / nach Hegdooru. Der Hegdornerwald ist im Dokument von 1684 auch für Bitsch und Ried-Brig belegt; es handelt sich vermutlich in allen drei Fällen um den gleichen Wald, der am ehesten dem Weiler Hegdooru bei Naters zuzuschreiben ist. Ein fragliches Kompositum findet sich in t Hiiseldoorna (Niedergesteln); das Bestimmungswort scheint eine ursprünglich umgelautete, dann entrundete Form zu mhd. hûs ‘Haus’ zu sein, das entweder einen Abort (vgl. GRICHTING 1998, 107 s. v. Hiisler ‘Abortmist’) oder ein Spielgerät (vgl. ID. 6, 1537) meint; es ist wohl zu verstehen als ‘die Dornsträucher, bei denen man seine Notdurft verrichten kann’. Weiter kommen vor: die Biinundoorna ‘das Gebiet mit Dornsträuchern beim Weiler Binu (Pflanzplatz)’ (Hohtenn), t (e)Rottundorna ‘die Dornsträucher beim Rotten’ (Hohtenn, FLNK Rottudorna), zen Schledornen ‘bei den Schlehdornen (PRUNUS SPINOSA, Schwarzdorn)’ (1543 u. später, Termen), der Schliechdooru ‘der Schlehdorn (?, PRUNUS SPINOSA, Schwarzdorn)’ (Niedergesteln), dabei zeigen die historischen Belege 1522 Schlechdoren, 1575 die Schlecht Dorenbachtholen, 1575 Schlechtdoren Bachtohlen. Gleich in der Nähe befindet sich jedoch tsch Schliechtjihüüs ‘das Haus bei der kleinen Geländeeinbuchtung’; es ist deswegen anzunehmen, dass der Schliechdooru ‘das Dorngesträuch bei der kleinen Geländeeinbuchtung’ meint; die historischen Belege scheinen statt dessen das Adjektiv schlecht anzunehmen, das jedoch in der aktuellen Dialektform nicht wiedererkennbar ist. t Wedorna ‘die Wehdornen (Sanddorn, HIPPOPHAË RHAMNOIDES)’ (Grächen) ist laut MARZELL (1972, 2, sp. 874) im Oberwallis belegt.

Das HL tritt als Bestimmungswort mit folgenden Grundwörtern in zweigliedrigen Komposita auf: Acher, Bach, Brunnu, Eie, Gassa, Grabu, Haalta, Hüs, Matta, Rüüs, Steg, Stüde und Wald.

Komplexer sind: der Läz Torembach ‘das Gebiet links (schattseitig) des Dornbaches’ (Ferden), der Rächt Torembach ‘das Gebiet rechts (sonnseitig) des Dornbaches’ (Ferden), di Torembachegga ‘die Ecke am Dornbach’ (Ferden), t Under Torembachegga ‘die untere Ecke am Dornbach’ (Ferden).

Das indirekt in der Beschreibung zu Doore gestellte di Dooriljättu (Leuk) gehört nicht hieher, sondern wohl zu einem romanischen Etymon, das leider nicht deutbar ist (cf. HL DOORILJÄTTU).

VSNB, Bd. 2, Sp. 23

Vorkommen

doore

doori

doorlini

doorna

doorni

doornu

dooru

dor

dore

doren

dori

dorn

dorna

dorne

dornen

dorner

dorneri

dornu

doron

doru

dorun

thoren

toorem

torem

toren

toru (Dorn)