Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Unner

Unner, ohne Assimilation (nd > nn) auch under, ist in vier unterschiedlichen Formen belegt: als Adjektiv (flektiert und unflektiert), als Präposition (einerseits unterhalb von, anderseits zwischen), als Teil eines Kompositums (z. B. Unnerdorf) und als substantiviertes Adjektiv wie in t Undra ‘die untere Wasserleitung’ oder ‘die untere Alpe’. Die Assimilation ist laut SDS (2, 119 u. 121) die Regel; nur Gemeinden des Bezirks Westlich-Raron benehmen sich teilweise anders. Das Bild des SDS trügt allerdings: die Regel ist variabel und macht Formen vom Typ under auch sonst möglich (WERLEN 1977, 261ff). Das HL ist zu schwdt. under als Präposition mit Dativ und Akkusativ räumlich ‘unterhalb, zwischen’, zeitlich ‘innerhalb einer Frist, während eines Zeitraums’ und wdt. unner, undr (Lötschental), unnär ‘unterhalb, unter, während’ (ID. 1, 324 ff.; GRICHTING 1999, 211) zu stellen. Als Adjektiv steht es häufig dem HL Ober gegenüber: etwa in ts Ober und ts Unner Doorf (Mörel). Das HL ist in rund 1700 Orts- und Flurnamen belegt. Wir behandeln deswegen die einzelnen Gebrauchsweisen nur sehr summarisch.

Simplizia erscheinen nur als substantivierte Adjektive: t Undra ‘die untere Wasserleitung’ (Ausserberg, Raron), Undra ‘die untere Wasserleitung’ (Baltschieder), t Undra ‘das untere Gebiet’ (Visperterminen). Ein substantivierter Superlativ erscheint in Vndrosta ‘die unterste Wasserleitung’ (1388, Ried-Brig), ts Undroschta ‘der unterste Alpstafel’ (Unterbäch; Neutrum wohl wegen einem impliziten Diminutiv), t Undroschta ‘die unterste Wasserleitung’ (Birgisch), ts Undroschta ‘die unterste Wasserleitung’ (Visperterminen; historisch teilweise feminin), im Undroschtji ‘im kleinen, untersten Gebiet (auch Wasserleitung)’ (Visperterminen), t Unnerschta ‘die unterste Wasserleitung’ (Grengiols), ts Unnerschta ‘der unterste Stafel der Wangalpe’ (Ausserbinn; Neutrum wohl wegen einem impliziten Diminutiv). Diese Gruppe ist zahlenmässig klein.

Die Menge von unflektierten und flektierten Adjektiven mit Bezugsnomina umfasst mehrere Hundert Belege, die hier aus Raumgründen nicht aufgezählt werden können. Neben diesem sehr häufigen Positiv finden sich aber auch Superlative: beÿ der Vndersten Rossen ‘bei der untersten Roosse (Röstplatz für Hanf und Flachs)’ (1718, Obergesteln), bim Vndersten Spitz ‘beim untersten spitz zulaufenden Grundstück’ (1684, Ernen), bis an die Vndresten Turren ‘bis an die untersten Türme (wohl Felstürme)’ (1469, Ernen), bim ŭnderstenn Briggilti ‘bei der untersten kleinen Brücke’ (1684, Naters), ts Undroscht Alpwäschi ‘das unterste kleine Wiesenstück auf der Alpe’ (Ausserberg), ts Undroscht Birch ‘das zu unterst gelegene Birkengehölz’ (Bürchen), ts Undroscht Chi ‘das unterste Kinn (Schlucht)’ (Hohtenn) und vier weitere. Mehrfach belegt ist auch Undruscht wie in z Undruscht Dorf ‘das unterste Dorf (Teil von Inden)’ (FLNK, Inden) und fünfzehn weitere. Ein historischer Beleg hat im Vndersten Flüele ‘bei der untersten kleinen Fluh’ (1582 u. später, Münster). Einen Sonderfall stellt ts Undruscht zer Tannu ‘zuunterst bei der Tanne’ (Staldenried) dar, wo ein superlatives Adverb erscheint, also kein eigentliches Adjektiv. Vergleichbar damit ist Zundrost dem Dorff ‘zuunterst im Dorf (wohl Gampel)’ (1691, Gampel).

Die Verwendung als Präposition mit der Bedeutung ‘unter’ ist häufiger als jene mit der Bedeutung ‘zwischen’. Letztere weist einen Plural des Bezugsnomens auf und ist normalerweise in den Namen integriert. Der bekannteste Fall ist der Gemeindename Unterbäch ‘zwischen den Bächen’, wozu sich gesellen zŭ Vnderbehen ‘beim Gebiet zwischen den Bächen’ (1616, Ferden), in Vnderbechen ‘im Gebiet zwischen den Bächen’ (1349, Geschinen), ts Underbächen ‘beim Gebiet zwischen den Bächen (zwischen Ferden und Kippel)’ (Kippel) und viele andere, etwa t Unnerbäch ‘die Alpe zwischen den Bächen’ (Naters) oder t Unnerbächi ‘das Gebiet zwischen den Bächen’ (Ried-Mörel). Präpositionen mit der Bedeutung ‘unter’ sind etwa der Acker únder dem Apfel Baúm ‘der Acker unter dem Apfelbaum’ (1796, Ried-Brig), unner dum Aarb ‘unter dem Arvengehölz’ (Täsch), unner ts Fileemonsch Hüs ‘unter dem Haus des Philemon (Abgottspon)’ (Staldenried), teilweise mit agglutiniertem Artikel wie in Unnerm Erli ‘unter dem Gebiet mit Erlen’ (Binn), Unnerm Houz ‘unter dem Holz (Wald)’ (Ernen), Underim Horen ‘unter dem Horn (auf der Hockenalp)’ (Kippel) und viele andere mehr. Manchmal können auch mehrfache Präpositionen auftreten wie unner Zen Eischtu ‘unter Zen Eisten (beim Gebiet mit Schafstall)’ (Eisten).

Als Bestimmungswort integriert in den Namen kommt das HL öfter vor: die Schreibweise entscheidet aber hier häufig zwischen attributiven Adjektiven und Komposita mit adjektivischem Erstglied. Solche sind etwa Unnerblattu ‘die untere Felsplatte’ (Leukerbad), Unnerbrunnu ‘Unterbrunnen (Ortsteil von Visperterminen)’ (Visperterminen), der Unnerbärg ‘das Gebiet unter dem bergwärts gelegenen Gebiet’ (Baltschieder und weitere), ts Unnerchriz ‘der untere Teil des Gebietes Chriz (Kreuz)’ (Täsch und weitere), Unnerdorf ‘das Unterdorf (Teil von Salgesch)’ (FLNK, Salgesch und weitere). Der Unterschied zwischen dem attributiven Adjektiv und dem Adjektivkompositum zeigt sich bei flektierten Formen: vanner Unnru Flüe ‘von der unteren Fluh’ (Grengiols) vs. va ts Unnerflie ‘von Gebiet unter den Flühen’ (Stalden).

Einen besonderen Fall stellt in die M'undereschi (Inden) dar. Die Bearbeiterin stellt es zu im Under Eschi ‘(wohl) das untere Gebiet mit Eschen’; es kann aber auch zum FaN Monderessi (cf. HL MUNDERESCHI (FAN)) gestellt werden, vgl. FaN Monderessi (mit weiteren Formen) (AWWB 171).

Ein besonderes Problem stellen latinisierte Formen dar; so wird das HL ab und zu als inferior übersetzt: apud Ryonda inferiorem ‘bei der unteren runden Erhebung’ (1280, Leuk). Hier ist Ryonda sicher ein frpr. Lemma, aber inferiorem kann nur Latein sein, was die Frage aufwirft, wie der Name wirklich gelautet hat (und ob es überhaupt um einen Namen geht).

VSNB, Bd. 4, Sp. 454

Vorkommen

under

undere

underen

underi

underim

underin

underm

undern

unders

understen

understenn

undra

undrä

undre

undren

undresten

undrestun

undri

undroscht

undroschta

undroschtji

undrosta

undru

undrun

undruscht

undruschtä

undruschte

undruschti

undruschtu

uner

unn(d)ri

unnär

unnder

unndri

unndru

unner

unnera

unnere

unnerem

unneri

unnerm

unners

unnersch

unnerscht

unnerschta

unnerschte

unneru

unnerum

unnre

unnri

unnroschtoscht

unnru

unnruscht

unnuni

unre

unren

unter

untere

unteren

unteri

untern

untersten

untren

zundrost