Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Hüs

Hüs n. ‘Haus’, im unteren Oberwallis auch Hüüs, im Lötschental und Simplon Huis, ist zu schwdt. Hūs, n., Pl. Hüüšer, Hīšer, Hüüser, Dim. Hūsi, Hüüsi, Hü(ü)sli, Hūsli wie nhd. ‘Haus’ (ID. 2, 1700 ff.; GRICHTING 1998, 110) zu stellen. In FlNN kann Hüs auch eine Klein-Siedlung meinen, aber nicht wie im bekannten Dativ Plural -hûsen (TGNB 2, 2, 311). Als erstarrte Dat. Pl.-Formen treten mehrere Zen Hischren ‘bei den Häusern’ usw. auf, die Kleinsiedlungen mit mehrern Häusern meinen. In einigen Fällen kann der Name an eine ehemalige Siedlung (Wüstung) erinnern, oder einfach eine metaphorische Benennung eines Geländes sein.

Von den rund 640 Flurnamen mit Hüs weisen wenige sichere Belege des Simplex im Singular auf: beÿm Haŭse ‘beim Haus’ (1817, Binn), bim Hüs ‘beim Haus’ (Ausserbinn), im Haŭs (1824, Bellwald) und vnder dem Haús ‘unter dem Haus’ (1708, Steg), alle mit einer Präposition; dazu kommen Diminutive bim Hiischi (Oberwald) und im Hiischi (Hohtenn). Ein Plural des Diminutivs ist t Hiischjini ‘die kleinen Häuser’ (Grengiols), auch t Hiischini (Hohtenn). Häufiger ist der schon erwähnte Dativ Plural auf /-ERE(N)/, meist mit der Präposition ze(n). Der älteste dieser Belege stammt von 1302 in Unterbäch: zen Huisuren. Die übrigen rund zehn Belege verteilen sich über das ganze Oberwallis. Einen Sonderfall bilden in der Hischieren (1714, Ergisch) und zen Hischieren (1711, Unterems), die sich auf einen FaN HISCHIER beziehen, der vermutlich eine palatalisierte -/LER/-Ableitung zu Hüs ist (vgl. HL HISCHIER (FAN) und die FaNN Hüsler und Häusler ausserhalb des Wallis). Ein Dativ Plural des Diminutivs ist als zu Hischinu ‘bei den kleinen Häusern’ (Randa, Staldenried, Zwischbergen) belegt.

Mit attributiven Adjektiven ist das HL mehrfach verbunden: rund zehn Mal kommt Aalt ‘alt’ vor in zŭm Alten Hüss (1592, Bürchen) oder im Plural (seltener) beÿ den Alten Häusern (1834, Obergesteln). Das Gegenstück zum Niwwu Hüs (Eisten) ist auch etwa zehn Mal belegt. Zem Nidren Huss (1545, Ernen), auch als Kompositum z Niderhiischru ‘bei den unteren Häusern’ (Visperterminen) ist mehrfach belegt, ebenso ts Ober Hüsi ‘das obere kleine Haus’ (Birgisch), auch als ts Ober Hiischeru ‘bei den oberen Häusern’ (Randa), und zum Undru Hüs ‘bei unteren Haus’ (Eisten). Etwas aus der Reihe tanzt únter den Haússern ‘unter den Häusern’ (1847, Staldenried), wo die Präposition an Stelle einer Lokaladjektivs steht. Ebenfalls lokal, aber seltener, sind zum Änndru Hüs ‘beim jenseitigen Haus’ (Staldenried) und zum Üssru Hüs ‘beim äusseren Haus’ (Eisten). Dreimal belegt ist der Typus zum Hochen Haus (1705, Eisten), vermutlich ist die hohe Lage gemeint. Einen Sonderfall stellt ts Leng Huis ‘das lange Haus’ (Simplon) dar, das sonst auch nach seinem Erbauer Barralhuis ‘das Haus des Pater Barral’ heisst. Als Farbadjektiv ist mehrfach ts Wiiss Hüüs ‘das weisse Haus’ (Eyholz) belegt, das sich auf die auffällige Farbe bezieht (man denke daran, dass die üblichen Holzhäuser nicht gestrichen waren, sondern die braune Holzfarbe aufwiesen). im Rotu Hüüsi ‘im kleinen roten Haus’ (Visperterminen) kann die Farbe meinen; laut Beschreibung steht aber das Haus nicht mehr. Unsicher ist auch Grawuhüs ‘beim grauen Haus’ (FLNK, Zermatt), wo unter Umständen auch ein FaN vorliegen könnte. Nur einmal erscheint ein Partizip als Attribut: bÿ dem Gebrochnen Haús ‘beim gebrochenen (zerstörten) Haus’ (1679 u. später, Simplon).

Viele Belege weisen vorangestellte Genitive zum Grundwort Hüs auf; es handelt sich hier um PN oder FaN, die Besitzer oder Nutzer kennzeichnen. Einige Beispiele, zuerst mit dem Genitiv Singular: ts Aadriasch Huisin ‘das kleine Haus des Adrian’ (Kippel), ts Bongaartersch Hüüs ‘das Haus der Familie Baumgartner’ (Ausserberg), ts Doktorsch Huis ‘das (Ferien-)Haus des Doktor Daniele Pometta’ (Kippel), das auch ts Pomettasch Huis heisst, ts Fälisch Hüüs ‘das Haus der Familie Felder’ (Unterems). Dann Genitive Plural: in Grossigo Haús ‘im Haus der Familie Grossen’ (1761, Bitsch), ze Holdernerro Hvͥsern ‘bei den Häusern der Leute vom Holderbaum’ (1307, Saas-Fee), Schmidige Hiischere ‘bei den Häusern der Familie Schmid / der Leute des Schmieds’ (Ortsteil von Binn), zu Simundigen Hÿsren (1587, Agarn) und manche anderen. Gelegentlich sind auch PN und FaN angegeben: zu Thomo Hischiers Hauss ‘beim Haus des Thomas Hischier’ (1687, Unterems), bin ts Christenägsch Hüs ‘beim Haus des Christian Eggs’ (Ritzingen), wobei der Genitiv hier unklar ist.

In vielen Fällen sind die PN und FaN einfache Erstglieder eines Kompositums mit dem HL HÜS als Grundwort: ts Eimhüüs ‘das Haus der Familie Eim’ (Hohtenn, FLNK hat Zeimhüs), beim Gûttheilhaús ‘beim Haus der Familie Guttheil’ (1763, Naters), ts Illtehüs ‘das Haus des Illte (?)’ (Grengiols, FLNK hat Ziltehüs), Zantuhüs ‘das Haus des Anton (unsicher)’ (Eischoll, hist. Belege sind unklar) und andere.

Manchmal können sowohl im Genitiv wie auch in Komposita Bezeichnungen von Behörden oder Berufen erscheinen, etwa sechs Belege zum Schitzuhüs ‘zum Schützenhaus’ (Unterbäch), dann Bärgheerehüs ‘das Haus der Bergwerksbesitzer’ (Grengiols), auf der Gmeind Haus ‘auf dem Haus der Gemeinde’ (1740, Bratsch), auch als ts Pmeihüs ‘das Haus der Gemeinde (Stalden), beide mehrfach vertreten, ts (e)Raathüs ‘das Rathaus’ (Leuk), ts Grossmeiersch Hüs ‘das Haus des Grossmeiers’ (Grächen), ts Amuhüs ‘das Haus des Ammans’ (Stalden), wozu auch zu Antsmans Haus ‘beim Haus des Ammanns’ (1636 u. später, Oberems u. Unterems) gehört, t Hirtuhuisini ‘die kleinen Häuser der Hirten’ (Ferden): grosse Steine, die den Hirten als Schirm dienten, zum Wärterhüs ‘zum Wärterhaus’ (Raron, gemeint ist das Haus des Bahnwärters, heute obsolet), wozu teilweise wohl auch tsum Wachthüüsi ‘zum kleinen Wachthaus’ (Baltschieder) und andere zu zählen sind, die als Bahnwärterhäuschen fungierten, heute aber verschwunden oder umgewidmet sind.

Nur wenige Belege enthalten Tiernamen, wobei das zwölf Mal auftretenden Fuggshüs ‘das Haus der Familie Fux / das Haus, wo Füchse angelockt wurden’ (Hohtenn) vermutlich meistens die zweite Bedeutung hatte: eine Hütte, in der ein Köder für Füchse ausgelegt wurde, um die Tiere zu fangen und zu töten. Das Tierchatzuhiischi ‘das kleine Tierkatzenhaus’ (Eyholz) hingegen war ein Unterschlupf, wohl für den Luchs. zem Maadrihuis ‘zum Haus mit einer Marderfalle’ (Blatten) heisst ein Haus, das eine Marderfalle beherbergte. Z Hennen Haus ‘das Haus des Hennen’ (Visperterminen) enthält vermutlich den Genitiv einer Kurzform Henn zum PN Johannes, und nicht den Tiernamen für das Huhn.

Manchmal gibt das Bestimmungswort die Verwendung des Hauses an. Prominent dafür ist ts Bachhüs ‘das Backhaus’ (Staldenried), das insgesamt rund fünfzehn Mal vorkommt; weniger häufig sind zum Badhüs ‘zum Badhaus’ (Brigerbad), zum Büüchhüüs ‘zum Waschhaus’ (Hohtenn) und ts Buicherhuis ‘das Waschhaus’ (Ferden, Kippel), daz Offenhus ‘das Ofenhaus’ (1402, Mund), Saaguhüs ‘das Haus mit der Sägerei’ (Erschmatt), Schiesshús ‘das Schiess-Haus’ (1749 u. später, Ernen), bim Schüelhüs ‘beim Schulhaus’ (Staldenried und drei weitere Belege). Im weiteren Sinn gehören hierzu auch ts Maschiinuhüsi ‘das kleine Maschinenhaus (des Elektrizitätswerks)’ (Visperterminen), ts Radio Rottu Hüsi ‘das kleine (Sende-) Haus des Regionalradios Radio Rottu’ (Visperterminen) und Turbinuhüs ‘das Turbinenhaus’ (Unterbäch).

Rund fünfzehn Mal kommt der Typ ts Steihüs ‘das Haus aus Stein’ (Oberems) vor; offenbar waren Steinhäuser in einer Gegend mit Holzhäusern auffällig; beim Weiler Steinhaus (heute Ernen) wurde daraus ein Siedlungsname. Etwas anders zu deuten ist ts Stundhüs ‘das Stund-Haus’ (Visperterminen), das eine Wegstunde (zu Fuss) von Visp weg liegt.

Als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita kommt das HL vor allem im Typ t Hüüsmatta ‘die Haus-Wiese’ (Brigerbad) vor, der in verschiedenen Varianten und häufig nur historisch über fünfzig Belege aufweist. Daneben sind als Grundwörter nur belegt: Acher und Egg(a).

Komplexere Formen sind selten. Als Beispiele seien aufgeführt: Hüsachercheer ‘der Cheer (Strassenkehre) beim Hausacker’ (Törbel), der Huismattubiel ‘der Hügel bei der Hauswiese’ (Simplon), t Huismattuschiir ‘die Scheuer bei der Hauswiese’ (Ferden), Hŭbers Hŭsmatta ‘die Hausmatte der Familie Huber’ (1633, Martisberg) und t Niderhischerachra ‘die Äcker, die zum Weiler Niederhischer (Niederhäusern) gehören’ (Visperterminen). Besonders schön ist schliesslich zem Vndrun Oberhus ‘beim unteren Oberhaus’ (1545, Bürchen), dem zem Obren Oberhuss (1576, Bürchen) entspricht.

Zwar kommt das lat. DOMUS ‘Haus’ mit seinen Formen sehr häufig vor, jedoch kaum in Flurnamen, meist als Appellativ. Ein besonderer Fall scheint aber das 1428 als in domo grimsle und 1434 als domo grimsle (Münster) belegte ‘Grimsel-Haus’ zu sein, das hier latinisiert ist. PH. KALBERMATTER (p. c.) kennt ein solches Grimsal-Hüs in Münster, ohne aber den Zusammenhang mit dem Namen Grimsel (cf. HL GRIMSEL) erklären zu können.

VSNB, Bd. 2, Sp. 523

Vorkommen

haus

häuser

häuseren

häusern

hausers

hauss

heüsern

hiischene

hiischer

hiischere

hiischernu

hiischeru

hiischi

hiischini

hiischinu

hiischjer

hiischjini

hiischre

hiischru

hiiser

hischer

hischere

hischi

hischieren

hischinu

hischru

hisren

hissren

huis

huisern

huisi

huisin

huisini

huisuren

hüs

hus

hüs

hus

hüs

hus

hüs

hus

hüs

hus

hüs

hus

hüs

hüschrenn

huse

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hüsern

hüseru

hüsi

husi

hüsi

hüsli

husr(en)

hüsren

husren

hüsren

husren

hüsren

huss

hüsser

hüüs

hüüsi

hüüsini

hysren