Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Hof

Hof m. ist ein mehrdeutiges HL, zu schwdt. Hof m., Pl. Höfe, ahd. und mhd. hof m., ‘Bauerngut, Bauernhof’, Grundbedeutung ‘umschlossener Platz, Raum’, ‘Besitzung eines Grundherrn, als Inbegriff der Güter, welche direkt oder indirekt dazu gehören’, ‘Residenz eines Vornehmen’, ‘grösseres, einen innern, offenen Hof umschliessendes Gebäude’, ‘von Gebäuden rings umschlossener oder eingefriedigter Platz’, ‘Platz zunächst um die Sennhütte, zum Melken der Kühe und Platz, wo Dünger und Kehricht abgelagert werden’ und wdt. Hof ‘Hof’ (ID. 2, 1020 ff.; GRICHTING 1998, 108) zu stellen. BENB (1, 2, 168) schränkt Hof auf „Bauerngut, Kleinsiedlung im Gegensatz zum Dorf“ ein, wobei nicht immer klar ist, ob ein Bauerngut oder ein Teil eines Dorfes gemeint ist. In den Daten des Oberwalliser Namenbuches treten verschiedene Bedeutungen auf – vom Bauernhof über den Friedhof zum Bahnhof.

Das Simplex im Singular tritt als der Hof (Fiesch, Fieschertal, Reckingen, Täsch, Zermatt, Zwischbergen), im Hof ‘im Hof’ (Baltschieder, Binn, Törbel, Niedergesteln), der Hoff (Naters), im Hoff (Ulrichen, Visperterminen) und Z’Hof ‘beim Hof’ (FLNK, Ernen) auf, dazu kommen historische Belege wie am Houe (1368 u. später, Brig), jm Hove (1304, St. Niklaus) und andere. Meistens sind hier Dorfteile oder Dorfplätze gemeint, seltener frei stehende Bauerngüter. Der Plural des Simplex ist selten als t Hofe ‘die Höfe’ (Grächen, Stalden), oder umgelautet und entrundet als t Hef (Hohtenn, Saas-Balen) bezeugt, auch historisch als die Höff (1685, Eischoll), resp. Heff (1711, Eischoll).

Der Diminutiv ist im Singular belegt als ts Hoffji ‘der kleine Hof’ (Brig), ts Hofji ‘der kleine Hof’ (Ausserbinn, Obergesteln, Visp). Im Plural kommen vor: t Hofjini ‘die kleinen Höfe’ (Eggerberg) und ine Hofinu ‘in den kleinen Höfen’ (Goppisberg).

Latinisiert erscheint der Typ zum lat. CURIA ‘Hof’ in jn Curijs ‘im Hof’ (1443, Zermatt), Curia Leucae ‘der Hof von Leuk’ (1210 u. später, Leuk), pratum de Curia ‘die Wiese beim Hof’ (1328 u. später, Inden), in Curjis ‘im Hof’ (1715, Stalden) und anderen. Wieweit romanische Formen wie únder den Courtinen ‘unter den Höfen’ (1753, Guttet) hier einzuordnen sind, ist unklar. Auch das HL COR (als Cor, Cors, Cort geschrieben) ist hierzu zu vergleichen.

Mit attributiven Adjektiven findet sich das HL in Änglischhof ‘der Hof der Engel, der Engländer (unsicher)’ (Turtmann), der Fiischter Hof ‘der finstere Hof’ (Kippel, Dorfteil), im Grosen Hof (1673 u. später, Raron), am Nydren Hof ‘am unteren Hof’ (1429, Baltschieder), der Ober Hof ‘der obere Hof’ (Binn, Ulrichen), im Obren Hoff (1677–1679 u. später, Zwischbergen), Ober Hof ‘der obere Hof’ (FLNK, Täsch), z Under Höffen ‘bei den unteren Höfen’ (1679, Visp), der Unner Hof ‘der untere Hof’ (Binn, Ulrichen), zúm Undren Hoff ‘beim unteren Hof’ (1726, Zwischbergen), Unner Hof ‘der untere Hof’ (FLNK, Täsch) und Wit Hof ‘der weite Hof’ (1470, Visp).

Mit vorangestellten Genitiven sind belegt: im Balmersch Hof ‘im Hof der Familie Balmer’ (1855, Turtmann), ts Chinigsch Hof ‘der Hof der Familie König’ (Bister), Domherruhof ‘der Hof der Domherren (Haus am Dorfplatz in Naters)’ (FLNK, Naters), ts Majoorsch Hof ‘der Hof des Majors (Meier) (nach Meier Franz von Abondance, der 1404 einen Blockbau an ein bestehendes Gebäude anbauen liess)’ (Leuk), im Sterren Hoff ‘im Hof der Familie Sterren’ (1743, Termen), Styerlingo Hoff ‘der Hof der Familie Stierli’ (1391, Glis), z Valischhof ‘der Hof des Wali (Valentin?)’ (FLNK, Bratsch).

Als Grundwort erscheint das HL vor allem im Typ Baanhof m. ‘Bahnhof’. Von den rund achtzehn Belegen meinen die meisten einen bestehenden Bahnhof, meist der heutigen Matterhorn-Gotthard-Bahn; einige wenige (Leukerbad, Inden) einen früheren, und ein einziger (Visperterminen) einen metaphorisch benannten Ort, wo drei Schleife zusammenkommen; hierzu gibt es dann auch der Baanhofzug ‘die Hangrinne, die sich zum Bahnhof hinunterzieht’ (Visperterminen). Dazu kommen der Alt Baanhof ‘der alte Bahnhof (das Gebiet, wo der erste Bahnhof von Brig stand)’ (Brig), di Baanhofstrass ‘der Weg entlang des Rottens beim Bahnhof’ (Leuk), Gieterbahnhof ‘der Güterbahnhof entlang dem Rotten (auf Briger Gebiet)’ (FLNK, Naters), Obri Bahnhofstrass ‘das Gebiet der oberen Bahnhofstrasse’ (FLNK, Visp) und Undri Bahnhofstrass ‘das Gebiet der unteren Bahnhofstrasse’ (FLNK, Visp).

Ein zweiter verbreiteter Typ ist zem Friithof ‘beim Friedhof’ (Blatten) (cf. HL FRID). Weitere zweigliedrige Komposita mit dem HL als Grundwort sind: der Birkuhof ‘der Bauernhof mit Birken’ (FLNK, Raron), der Gaschthof ‘der Gasthof (Dorfteil von Simplon-Dorf)’ (Simplon), der Grüperhoff ‘der Hof der Familie Michlig, die immer im Dorf wohnte’ (Naters) zum HL GRÜPER, Gurtuhof ‘der Hof der Familie Gurten / de Courten’ (FLNK, Turtmann), ts Mätzuhoff ‘des Mätzen Hof (heute: Märzuhof, unklar)’ (Ried-Mörel; FLNK Märzuhof), t Mischtheff ‘die Misthöfe’ (Hohtenn) (Lagerstelle für den Dünger), zen Mischtheffin ‘bei den Misthöfen’ (FLNK, Blatten) (Lagerstelle für den Dünger), im Salzhof ‘beim Salzhof (Hof, in dem Salz gelagert wurde)’ (Brig, heute zerstört und Vorplatz der Pfarrkirche).

Als Bestimmungswort erscheint das HL vor allem im Typ Hofstatt ‘Hofstatt’, meist eine inzwischen verlassene kleine Siedlung oder Wüstung, häufig auch nur als Hostatt oder Hostett. RÜBEL (1950, 68) beschreibt als Hoschtatt „die nahe der Wohnstätte liegende Hausmatte“, doch scheint der Name auch einfach Wohnstätten, die inzwischen verlassen wurden, bezeichnet zu haben; zur weiteren Deutung vgl. ID. (11, 1728 ff.) und GRICHTING (1998, 108) s. v. Hofschtatt, Hoschtatt ‘Fundament, Fundamentruine, Hofstatt’. Zur regionalen Differnzierung vgl. auch SDS (6, 92). Die zahlreichen Bildungen enthalten neben den genannten Typen auch t Ho(f)steggjini ‘die kleinen Hofstätte’ (Mund), der Ho(f)stettler ‘das Gebiet mit Hofstätten’ (Visperterminen), t Hoffstetjini ‘die kleinen Hofstätten’ (Grengiols), ze Hoffstettu ‘bei den Hofstätten’ (Birgisch), t Hofstedjini ‘die kleinen Hofstätten’ (Ergisch) und viele andere mehr; dazu kommen komplexe Formen wie der Ho(f)stetterbifig ‘das eingezäunte Stück Wiese im Bereich Hofstette (Hofstatt)’ (Obergesteln), der Hofstettwald ‘der Wald oberhalb der Hofstätte’ (Birgisch), ts Ho(f)stettwasser ‘die Wasserleitung für z Hofstette (bei den Hofstätten)’ (Blitzingen) und weitere. Komplexere Bildungen sind ts Hinner Ho(f)stette ‘bei den hinteren Hofstätten’ (Obergesteln), die Hofstatt der Pottmer ‘(wohl:) die Hofstatt der Leute vom Boden)’ (1826, Obergesteln), die Walchenhoffstatt ‘die Hofstatt der Welschen’ (1838, Reckingen) und andere.

Verbreitet sind auch die Typen Hofacher ‘Acker beim Hof’, im unteren Goms als der Hobacher (Bellwald, Ernen, Gluringen, Lax, Mühlebach, Selkingen) mit einer sonst nicht bezeugten Entwicklung /f/ -> /b/ seit dem 17. Jahrhundert (cf. HL HOB), und Hofmatta ‘Wiese beim Hof’ beide mit etwas unter dreissig Belegen (C. SCHMID 1968, 207, Fn. 7 erwähnt im Hobacher). Hinzu kommen als Grundwörter Brunnu, Leess, Lischa, Müra, Räb-, Schnitta, Wald, Wasser und Wasserleita. Auch hier gibt es komplexe Belege wie das Kleÿn Hofacherlin ‘der kleine Acker beim Hof’ (1603, Gluringen), an dyen Nydren Hoffmatten ‘an den unteren Wiesen beim Hof’ (1435, Zermatt), t Obru und t Unnru Hofleesser ‘die oberen und die unteren durch das Los zugeteilten Grundstücke beim Hof’ (Baltschieder), Scheidhofstadel ‘der Stadel beim Scheidhof’ (1825, Naters), ts Siithofischflüo ‘die Fluh der Familie Hofer, die ts Siithofisch genannt wurde’ (Birgisch) und schliesslich die seltsamen Gommerro Hofstat ‘die Hofstatt der Familie Gommer / der Leute aus dem Goms’ (1304, Baltschieder) und Zúmerkindo Hofstetlinon ‘die kleine Hofstätte der Familie Zumerkind / Zunerkind (unsicher)’ (1396, Unterbäch). In beiden liegt ein Genitiv Plural vor, der schwierig zu deuten ist. In Baltschieder kann sich Gommero wohl sowohl als auf einen FaN, als auch auf Leute aus dem Goms beziehen, in Unterbäch ist die Lesung unklar und es bleibt unklar, wie Zúmerkindo – Zunerkindo eigentlich aufzuteilen ist.

VSNB, Bd. 2, Sp. 490

Vorkommen

hef

heff

hefnin

ho (Hof)

ho(f)

hof

hofe

hofer (Hof)

hoff

höffen

hoffji

hofinu

hofisch

hofji

hofjini

hove