Lamma
Lamma f. ‘Schlucht, Runse, Felstobel’, ist zu schwdt. Lamm, wdt. Lāmen f., Lammi n. ‘vom Wasser ausgehöhlte und durchströmte Felsenkluft, enger Durchpass eines Baches oder Flusses, Tobel; tiefe Runse in Gletschern; abschüssiger, glatter (durch Gletscherschliff polierter) Felsabhang, der in ein Gewässer abfällt’ (ID. 3, 1266; ZINSLI 1945, 329) zu stellen. Bei GRICHTING (1998) fehlt das HL. Die Herkunft ist umstritten (BENB 1, 3, 23). SCHMELLER (21872, 1470) zitiert Lam als Ortsname im Bairischen mit slavischen Quellen, sodass die geläufigen Etymologien für das Höchstalemannische problematisch sind. Eine eigene Deutung können wir angesichts der schwierigen Situation nicht geben. Für die einzelnen Namen geben wir ‘Felstobel’, ‘Runse’, ‘Abhang’, ‘Felsabhang’ und ähnliche; im Einzelfall ist nicht genau zu entscheiden, was als Lamma bezeichnet wird; sofern vorhanden, sind auch die Beschreibungen der Namen beizuziehen. Im Bezirk Leuk fehlt das HL vollständig; in Westlich-Raron ist es nur in Hohtenn belegt.
Das Simplex erscheint im Singular als t Lamma (Grengiols und weitere drei Gemeinden), t Lamme (Fiesch und weitere drei Gemeinden) und t Lamu (Saas Balen). Im Plural stehen die Simplizia als t Lame (St. Niklaus, Zermatt), t Lamme (Ried-Brig), vff den Lammen (1549, Binn), jn den Lamen (1415 u. später, Obergesteln). Ein einziger Beleg liegt für den Diminutiv im Plural vor: unner de Lammeltini (Oberwald).
Mit attributiven Adjektiven sind belegt: ts Eng Lammelti ‘das enge kleine Felstobel’ (Oberwald), ts Finschter Lammuti ‘das kleine, finstere Felstobel’ (Bellwald, mit /l/-Vokalisierung), t Gross Lamme ‘die grosse Lamme (Schlucht)’ (Oberwald), t Hääl Lamme ‘das glatte, schlüpfrige Felstobel’ (Münster), t Häärdig Lamme ‘das Felstobel mit Erde’ (Münster), t Hei Lamme ‘das hohe Felstobel (LT Holamme)’ (Reckingen), t Nass Lamme ‘das nasse Felstobel’ (Reckingen), t (e)Root Lamme ‘die rote Lamme (Felstobel, nach der Gesteinsfarbe; LT Rotlamme)’ (Ulrichen), t Rüüch Lamme ‘das rauhe Felstobel’ (Münster), t Schpät Lamme ‘die späte Runse (wohl spät reifendes Gras)’ (Ulrichen), t Steinig Lamme ‘das steile Felstobel mit Steinen’ (Münster), Steinig Lammelti ‘das kleine Felstobel mit Steinen’ (FLNK, Ulrichen), t Teif Lamma ‘das tiefe Felstobel’ (Bellwald), t Verfalle Lamme ‘der mit gefallenen Felsen gefüllte Graben’ (Reckingen), t Wiit Lamme ‘die weite Schlucht’ (Münster) und t Wit Lamma ‘die weite Schlucht’ (Fieschertal). Unklar ist der historische Beleg die Vorlamina ‘das Gebiet vor der kleinen Lamme (Schlucht)?’ (1548, Obergesteln). Auffallend ist, dass die relativen Ortsangaben (vorder, hinter usw.) bei diesen Konstruktionen fehlen.
Vorangestellte Genitive sind t Engguschlamma ‘die Runse des Engels / der Familie Engel (unsicher)’ (Fieschertal), in Húgs Lamen ‘das Felsentobel des Hug / der Familie Hug’ (1815, Ernen) und das Wallisers Lamen ‘das Felstobel, das der Familie Walliser / Walser gehörte’ (1516, Ulrichen; FLNK Walserlamme).
Komposita mit FaN sind: t Broglilamma ‘der brüchige Felsabhang der Familie Brogli’ (Bellwald), ts Geertschelammuti ‘die kleine Lamme (Felstobel) der Familie Gertschen’ (Selkingen), t Gurtelamme ‘das Felstobel der Familie Courten (?, unsicher)’ (Oberwald). Einen PN enthält auch Tsantanne Lammelti ‘die kleine Lamme (Felsabhang) der Heiligen Anna’ (laut Gwp. jedoch weder Statue, noch Bild, noch Bildstock)’ (Oberwald).
Eine Reihe von Komposita sind mit Tiernamen gebildet: Chalberlamme ‘die Lamme (Felstobel) für die Kälber’ (FLNK, Oberwald), t Geislamma ‘das Felstobel für die Ziegen’ (Bellwald), ts Geislammuti ‘die kleine Lamme (Felstobel) für die Ziegen’ (Selkingen, mit /l/- Vokalisierung), t Guggerlamme ‘die Lamme (Felstobel) beim Guggerbärg (Alp, wo man den Kuckuck hört)’ (Münster), t Murmetlamma ‘die Lamme (Schlucht) mit Murmeltieren’ (Fieschertal) und ts Schaaflammelti ‘der kleine Graben für die Schafe’ (Geschinen).
Baumnamen finden sich in Aschpi Lamma ‘die Lamme (Felstobel) beim Aspi (Ort, wo es Espen hat)’ (Bellwald) und ts Talammelti ‘die kleinen Schlucht beim Tannengehölz’ (Reckingen). Hierzu ist auch das komplexere t Sandbletterlamme ‘der Graben mit Sandblättern (laut Gwp. Sandblachte (Huflattich; TUSSILAGO FARFARA)’ (Münster) (cf. WAGNER / LAUBER / GYGAX 52014, 1114) zu stellen, das den Bewuchs der Lamme benennt. Der Inhalt der Lamme ist weiter Gegenstand bei t Guferlamme ‘das Felstobel mit Steinen’ (Oberwald).
Isolierte Fügungen sind t Zelamma ‘bei der Lamme (Schlucht)’ (Fieschertal), t Jagtlamma ‘die Runse für die Jagd’ (Bellwald), t Joodlamme ‘die Lamme (Felstobel), die einem Jot gleicht / die klein wie ein Jot ist’ (Reckingen) und ts Tangerelammuti ‘die kleine Schlucht bei Tangre (unklar)’ (Fieschertal).
Die meisten Komposita bezeichnen naheliegende Fluren, so etwa t Blatgilamme ‘der Graben unterhalb der kleinen Blatten (Felsplatte)’ (Münster), t Brudellamme ‘das Felstobel vom Brudelhorn herunter’ (Münster), Hammerlamme ‘die Lamme (Felstobel) unterhalb des Hammer (kleiner Gipfel, ca. 2700 m)’ (FLNK u. LT, Ulrichen), Horelamme ‘die Lamme (Felstobel) unter dem Horn (hier: Blashorn)’ (Ulrichen) und viele andere mehr.
Komplexere Konstruktionen sind t Foder und t Hinner Chalberlamme ‘die vordere und die hintere Runse für die Kälber’ (Oberwald), t Hinnerscht, t Mittlerscht und t Vorderscht Bruchbäärglamme ‘das hinterste, mittlere und vorderste Felstobel am Bruchberg’ (Münster), t Hinner und t Voder Spisslamme ‘die hintere und die vordere Lamme (Felstobel) bei den Spissbärge’ (Münster) und andere mehr.
Als Grundwort erscheint das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern: Brigga, Chi, Chrüt, Grabu, Hooru, Matta, Sand, Tschugge, Wald, Wang und das zusammengesetzte Wasserleita.
Komplexere Formen sind: ts Alt Lamischchelli ‘die kleine Kelle (kellenförmiges Gebiet) bei der alten Lamme (Schlucht) (ev. Übername ts Aalt Lami’ ‘der alte Lahme’) (Oberwald), der Steilammugrabo ‘der Graben bei der Steinlamma (Felstobel mit Steinen)’ (Naters) und andere.
VSNB, Bd. 3, Sp. 42
Vorkommen
lam
- Lam Chi Baltschieder
- Lamtschugga St. Niklaus
lame
lamina
- Vorlamina Obergesteln
lamisch
- Alt Lamischchelli Oberwald
lamm
- Lammbrigge Fieschertal
- Lammchi Eisten
lamma
- Aschpi Lamma Bellwald
- Broglilamma Bellwald
- Enguschlamma Fieschertal
- Geislamma Bellwald
- Hugs Lamma Ernen
- Iischlamma Naters
- Jagtlamma Bellwald
- Lamma Mühlebach
- Lamma Ernen
- Lamma Ernen
- Lamma Ernen
- Lamma Grengiols
- Lamma Bellwald
- Lamma Wasserleita Ernen
- Murmetlamma Fieschertal
- Steilamma Naters
- Stocklamma Fieschertal
- Teif Lamma Bellwald
- Wit Lamma Fieschertal
- Zelamma Fieschertal
lamme
- Blatgilamme Münster
- Brudellamme Münster
- Chalberlamme Oberwald
- Foder Chalberlamme Oberwald
- Geisfadlamme Münster
- Gross Lamme Oberwald
- Guferlamme Oberwald
- Guggerlamme Münster
- Gurtelamme Oberwald
- Hääl Lamme Münster
- Häärdig Lamme Münster
- Hammerlamme Ulrichen
- Hei Lamme Reckingen
- Hinner Chalberlamme Oberwald
- Hinner Spisslamme Münster
- Hinnerscht Bruchbärglamme Münster
- Horelamme Ulrichen
- Joodlamme Reckingen
- Lamme Mund
- Lamme Oberwald
- Lamme Ulrichen
- Lamme Fiesch
- Lamme Ried-Brig
- Lammegrabe Ulrichen
- Lammesand Grengiols
- Mitlescht Bruchbärglamme Münster
- Nass Lamme Reckingen
- Ofnerlamme Münster
- Rosslamme Geschinen
- Rot Lamme Ulrichen
- Rot Trischtelamme Biel
- Rüüch Lamme Münster
- Saaslamme Reckingen
- Sandbletterlamme Münster
- Sattellamme Münster
- Spät Lamme Ulrichen
- Spisslamme Münster
- Stäglamme Ulrichen
- Stalllamme Oberwald
- Steinig Lamme Münster
- Stocklamme Ulrichen
- Stüefflamme Oberwald
- Teltschlamme Fieschertal
- Twirgilamme Fiesch
- Üerlamme Oberwald
- Verfalle Lamme Reckingen
- Voder Spisslamme Münster
- Vorderscht Bruchbärglamme Münster
- Wallisers Lamme Ulrichen
- Wiit Lamme Münster
lammelti
- Eng Lammelti Oberwald
- Schaaflammelti Geschinen
- Steinig Lammelti Ulrichen
- Talammelti Reckingen
- Zantanne Lammelti Oberwald
- Zwingelammelti Oberwald
lammeltini
- Lammeltini Oberwald
lammen
- G...brichlammen Binn
- Lammen Binn
- Lammen Obergesteln
- Lammenbrücke Mühlebach
- Lammengrabo Grächen
lammer (Lamma)
- Lammerwaud Ernen
lammi
- Lammigrabo Ried-Brig
- Lammikräutern Stalden
- Lammikräutern Törbel
- Lammiwang Oberwald
lammu
- Lammugrabo Eisten
- Lammuhoru Eisten
- Steilammugrabo Naters
lammuti
- Finschter Lammuti Bellwald
- Geertschelammuti Selkingen
- Geislammuti Selkingen
- Tangerelammuti Fieschertal
lamu
- Lamu Saas-Balen
- Lamugrabu Saas-Balen
- Lamumatte Hohtenn
- Lamuwaldji St. Niklaus