Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Tanna

Tanna f. ‘Tanne’ ist der Baumname Tanne f., Pl. Tannen bzw. Tanni, wesentlich wie nhd. ‘Tanne’, meist ‘Weissund Rottanne’, ahd. tanna, mhd. tann(e) und wdt. Tanna, Tannä (Goms), Tannu ‘Tanne’ (ID. 13, 52 ff.; GRICHTING 1998, 193). Die Form ts Ta ‘das Tannengehölz, der Tannenwald’ ist ein Kollektiv. An verschiedenen Orten wird bemerkt, dass es dort keine Tannen (mehr) gäbe; das ist ein Beispiel dafür, dass ein Name am Ort haftet, auch wenn die Namenmotivation nicht mehr gegeben ist.

Bei den Simplizia ist das Simplex des Kollektivs als ts Ta ‘das Tannengehölz’ (Ulrichen und sechs weitere Gemeinden), ts Taa (Simplon), im Ta (Reckingen, Steinhaus), zum Ta (Oberems) am besten vertreten; historische Belege haben jm Tan (1305, Niedergesteln), zem Tan (1309, Saas-Balen), zem Than (1509, Saas-Grund; 1502, Stalden, 1470 u. sp., Visperterminen). Der Baumname selbst kommt im Singular als Tanne (FLNK, Ulrichen; Singular), beÿ der Tannen (1752, Oberwald; ein Beleg von 1550 hat jn den Thannunj), bei der Tanne (1855, Brigerbad), bej der Tanne (1847, Leuk), by der Thannen (1640 u. später, Mund), zer Tannu (Staldenried, Wiler), zer Tannvn (1333, Naters). Der Plural des Simplex ist belegt in di Tane (Unterbäch), bine Tanne (Blitzingen), in den Thannen (1550, Obergesteln), jn den Thanen (1829, Varen), die Thanen (1652, Zwischbergen), ze Tannu (Eisten).

Diminutive im Singular sind ts Tanni (Fieschertal), beim Taneltÿ (Glis), in den Tanjen Ackern ‘die Äcker beim kleinen Tannenwald’ (1870, Hohtenn; 1859–1872 der Tenjen Acker, scheint eher zu Tänn ‘Tenne’ zu gehören).

Diminutive im Plural sind belegt als in den Thaneltinen (1817, Leuk), ze Tanniltinu (Baltschieder).

Mit attributiven Adjektiven kommt das HL in zweigliedrigen Konstruktionen vor in ts After Ta ‘das hintere Gebiet mit Tannengehölz’ (Eisten), von der Dirren Tannen ‘von der dürren Tanne’ (1542, Biel; 1542, Ritzingen; Grenzbeschreibung zwischen den Gemeinden), ts Dirr Ta ‘das dürre Tannengehölz’ (St. Niklaus, zweimal), bei der Gebranten Thannen ‘bei der verbrannten Tanne’ (1750, Simplon; Partizip), zer Gsägnutu Tannu ‘bei der gesegneten Tanne’ (Gampel; Partizip), zer Heejun Tannu ‘bei der hohen Tanne’ (Steg), ts Inner Ta ‘das innere Tannengehölz’ (Eisten), ts Ober Ta ‘das obere Tannengehölz’ (Eisten), t Schwarze Tanne ‘die schwarzen Tannen’ (Geschinen), t Schwarz Tanne ‘die schwarzen Tannen’ (Ulrichen), zúr Schwartzen Thannen ‘bei der schwarzen Tanne’ (1444, Obergesteln), t Spitzi Tannu ‘die spitze Tanne’ (Hohtenn), ts Unner Ta ‘das untere Tannengehölz’ (Eisten), ts Üsser Ta ‘das talauswärts liegende Tannengehölz’ (Eisten), zu Vier Tanneltinu ‘bei den vier kleinen Tannen’ (Randa; Zahlwort), ts Wiissta ‘der Weisstannenwald’ (Eggerberg), zer Wiisstannu ‘bei der weissen Tanne’ (Varen).

Einen Sonderfall bildet die Trias Zer Tannu, ts Obruscht zer Tannu ‘zuoberst in Zer Tannu’, ts Undruscht zer Tannu ‘zuunterst in Zer Tannu’ (alle Staldenried). Zer Tannu ‘bei der Tanne’ ist ein Dorfteil von Staldenried.

Vorangestellte Genitive zum Simplex sind ts Badjisch Tanna ‘die Tanne des Badji / beim kleinen Pfad’ (St. Niklaus; FLNK Fadjisch Tanna), t Fäldertanne ‘die Tannen bei den Feldern (?)’ (Ulrichen, unklar, laut Gwp keine Tannen; FaN Felder ist im Oberwallis nicht belegt) und di Gitzotanna ‘die Tanne, wo die kleinen Ziegen Salz erhielten (laut Gwp)’ (Visperterminen).

Komplexere Konstruktionen mit vorangestelltem Genitiv sind Chammsetsisch Bildtanna ‘die Bildtanne der Familie mit dem Übernamen Chammsetsi (Kammsetzer)’ (FLNK, Birgisch), ts Eggersch Bildtanna ‘die Bildtanne der Familie Egger’ (Birgisch), ts Läntsch Bildtanna ‘die Bildatanne des Lenz (= Lorenz)’ (Birgisch), ts Zeitisch Bildtannu ‘die Bildtanne der Familie Zeiter’ (Birgisch). An einer Bildtanna findet man normalerweise ein Heiligenbild oder eine Heiligenstatue, manchmal in einer Höhlung des Stammes, manchmal auch sonst befestigt. In Birgisch werden vier solcher Bildtanne benannt.

Als Grundwort tritt das HL in zweigliedrigen Komposita zunächst mit PNN auf: t Baarbitanne ‘die Tanne der Barbi (Barbara)’ (Ulrichen), t Lepolltitanne ‘die Tanne des Leopold (PN)’ (Ulrichen) und di Trinatannu ‘die Tanne der Triine (PN)’ (Leuk). Bei den ersten beiden handelt es sich um kleine Güter, bei der dritten um eine markante Tanne. Am häufigsten ist jedoch t Schäärutanna ‘die Tanne, die Schutz bietet’ (Ried-Mörel), auch bin der Schäärutannu ‘bei der Tanne, die Schutz bietet’ (Betten), t Schärtanna ‘die Tanne, die Schutz bietet’ (Grengiols) und t Schärtanne ‘die Tanne, die Schutz bietet’ (Blitzingen, Oberwald) – alle mit dem Bestimmungswort Schääru ‘Schutz’ (cf. HL SCHÄÄRU < mhd. schërm; das auslautende /m/ wird vokalisiert wie in Aaru < Arm). Mehrfach belegt ist auch das schon erwähnte Bildtanna als Bildtanne (FLNK, Reckingen), di Bildjitanna (Visp), biner Biudtanne ‘bei der Bildtanne’ (Binn), alle mit der oben erwähnten Deutung. Ähnlich zu verstehen ist t Chriztanna ‘die Tanne mit dem Chriz (Kreuz, wohl Kruzifix)’ (Grengiols). Unklar ist zer Egiltannu ‘bei der Adlertanne’ (Hohtenn), sofern Egil ‘Adler’ heisst (aus frz. aigle ‘Adler’). zer Chropftanne ‘bei der Tanne mit Kröpfen (kropfartige Auswüchse)’ (Lax) bezieht sich auf das Aussehen des Baumes. Etwas unklar ist di Kirmigtanna ‘die Tanne, wo man ausruhen (hirmen) kann’ (Goppisberg). Zugrunde liegt hier das Verb ge-hirmen ‘ausruhen’ (ID. 2, 1708) (cf. HL HIRMI). Komplexere Konstruktionen liegen nicht vor.

Als Bestimmungswort tritt Ta zum HL TANNA ‘Tannengehölz’ mit folgenden Grundwörtern auf: Egg(a), Gassa, Grabu, Haalta, Hubel, Hüs, Lamma, Matta, Rufina, Schleif, Steg, Stutz, Wäg und Wald. Die Form Tann(a) und davon abgeleitete ist belegt mit Acher, Ägerta, Bach, Bäärg, Biel, Bodu, Bord, Brunnu, Egg(a), Fad, Gassa, Grabu, Gretz, Matta, Piische, Schiir, Teiff, Tola, Tritt, Wäg und Wald.

Ein Namennest bildet sich um Tamattu ‘die Wiese bei Tannengehölz’ (Saas-Balen, Saas-Grund), einen Weiler, zu dem ts Innertamattu ‘der innere Teil des Weilers Tamattu’ (Saas-Grund), ts Tamattbrunngi ‘die kleine Quelle / der kleine Brunnen beim Weiler Tamattu’, di Tamatthaalte ‘die Halde beim Weiler Tamattu’ (beide Saas-Balen), ts Tamattsand ‘das Sandgebiet beim Weiler Tamattu’ (Saas-Grund) und ts Üsser Tamattsand ‘das äussere sandhaltige Gebiet bei Tamattu’ (Saas-Grund) belegt sind. Hingegen gehört Tamattugrabo ‘der Graben hinunter zur Tanmatta (Wiese bei den Tannen)’ (FLNK, Ried-Brig) bei di Tanmatta ‘die Wiese bei den Tannen’ (Ried-Brig) nicht zu diesem Namennest. Der zweifellos komplexeste Name ist ts Müetergottestannestäfuti ‘der kleine Stafel mit der Statue der Muttergottes (Maria) an einer Tanne’ (Selkingen); die Beschreibung sagt, dass sich hier eine Tanne mit einer Muttergottesstatue befinde.

Unklar ist die Ableitung ts Tännil (Niedergesteln) mit Tännilwald ‘der Wald mit Tannen’ (FLNK u. LT, Niedergesteln), resp. der Ober und der Unner Tannelbodu ‘der obere und der untere Boden im Tannel (Tannenwald)’ (Saas-Fee). Die Ableitung auf -EL (SONDEREGGER 1958, 513 ff.) ist eine Stellenbezeichnung; die Ableitung mit neutralem Genus auf -IL und Umlaut in Tännil hat wohl eine kollektive Bedeutung.

VSNB, Bd. 4, Sp. 314

Vorkommen

ta

taa

täl (Tanna)

tam

tan

tane

tanelty

tanje

tann

tanna

tanne

tannel

tannelti

tanneltinu

tannen

tanni

tännil

tanniltinu

tannu

tannun

than

thaneltinen

thannen