Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Spitz

Spitz m. und spitz Adj. sind zu schwdt. Spitz m., Spitze(n) f. wie nhd. ‘Spitze; spitziges Ende eines Gegenstandes, Fels-, Berg-, Landspitz’ (ID. 10, 677 ff.) oder schwdt. Adj. spitz wie nhd. ‘spitz’ (ID. 10, 672 ff.) zu stellen. GRICHTING (1998, 178) kennt beide Lemmata, gibt aber – ausser schpizz ‘spitz’ – vor allem hier nicht zutreffende Bedeutungen. Zu unterscheiden ist Spitz als spitz zulaufendes Grundstück (z. B. ein Acker, eine Wiese, eine Weide, ein Stück Wald, in wenigen Fällen ein Dorfteil) von einem spitzen Felsen oder einer Reihe von spitzen Felsen; in diesem Fall tragen sie einen Gipfel- oder Gebirgsnamen. Das Adjektiv meint im Allgemeinen spitz zulaufende Grundstücke oder spitze Felsen. Das HL ist in der einen oder anderen Form in rund 230 Flurnamen enthalten.

Das Simplex im Singular ist als Spitz (FLNK, Ausserbinn), der Spitz (Blatten, Geschinen, Leuk, Reckingen, Simplon), im Spitz (Obergesteln (Dorfteil)) und mehreren historischen Belegen mit am Spitz (z. B. 1628, Fiesch), der Spitz (z. B. 1870, Bürchen) und im Spitz (z. B. 1816, Selkingen) rund 25 mal belegt. Das Simplex im Plural erscheint als t Spitza (Eisten, Staldenried, Törbel), t Spitze (Simplon), in den Spitzen (1579, Naters (1782 im Spitz), 1770, Raron), zu Spitzu (Randa), deutlich seltener.

Das Diminutiv ist zweimal als ts Spitzji (Baltschieder, Obergesteln) belegt.

Attributive Adjektive zum HL in zweigliedrigen Konstruktionen sind: im Bösen Spitz ‘im bösen Spitz (spitz zulaufendes Stück Land)’ (1833, Raron), der Rot Spitz ‘die spitz zulaufende rote Wiese’ (Simplon; bei JORDAN (2006, 68) als Rootä Schpitz), bim Vndersten Spitz ‘beim untersten spitz zulaufenden Grundstück). Mehrere Belege haben das Zahlwort drei / drii: das Dreispitz (sic!) (1698, Selkingen), Dreispitz (1755, Gampel; 1717, Leuk (1775 das Dreÿspitzi); 1842, Oberems; 1837, Ulrichen; 1793, Termen) (mit verschiedenen Schreibweisen), im Dreispitz (1848, Guttet), der Driispitz (Baltschieder, Lalden), im Driispitz (Visp), im Drÿspitz (1700, Turtmann). Gemeint sind jeweils Grundstücke, die entweder dreieckig sind oder durch Gräben usw. begrenzt werden. Hierzu finden sich auch komplexere Formen wie der Drispitzfärich ‘der Pferch mit dem Dreispitz (dreieckige Mauer gegen Lawinen)’ (Visperterminen), der Driispitzwald ‘der Wald, der einen Dreispitz bildet (dreieckiges Stück Wald)’ (Eischoll, Eyholz), ts Driischpitzwang ‘der Grasabhang in der Form eines Dreispitzes (dreieckiges Stück Land)’ (Leukerbad; GRICHTING 1993, Blatt 16 Nr. 11 hat Drieschpitzwang).

Vorangestellte Genitive sind in Forners Spitz ‘im spitz zulaufenden Grundstück der Familie Forner’ (1594, Fiesch), im Hilpersspitz ‘im spitz zulaufenden Grundstück des Hilpert (PN)’ (1846, Bellwald).

Als Grundwort ist zwischen Singular und Plural zu unterscheiden. In zweigliedrigen Komposita kommt der Singular mit FaN vor wie Eger Spiz ‘der spitze (Acker) der Familie Eger’ (1821, Selkingen), der Houzerspitz ‘der Spitz (Felsspitze) der Familie Holzer’ (Binn), der (e)Rubispitz ‘der spitze Felsen der Familie Rubi’ (Hohtenn), der Düffurspitz ‘die Dufourspitze (Gipfel benannt nach General Dufour)’, der Zumsteispitz ‘die Spitze des Joseph Zumstein (so VON WELDEN 1827, 34)’. Im Fall von di Parrotspitza ‘die Parrotspitze (Gipfel des Monte Rosa)’ (Zermatt) liegt ein femininer Singular vor, ein deutliches Zeichen für die Benennung des Gipfels durch VON WELDEN (1824, 36) nach JOHANNES FRIEDRICH WILHELM PARROT, einem deutschen Physiker und Arzt (1791–1841). Gleiches gilt für Mathildespitze ‘die Spitze der Mathilde’ (bei der Jungfrau) (LT, Fieschertal), wobei unbekannt ist, nach welcher Mathilde die Benennung erfolgte. Die Senfspitze ‘die senffarbene Spitze (Gipfelname, LT Senfspitze; FLNK Senfspitza)’ (Fieschertal) wurde vom Erstbesteiger nach der Ockerfarbe der Felsen benannt. Häufiger ist eine naheliegende Flur gemeint, wie z. B. in im Erlispitz ‘im spitz zulaufenden Gebiet mit Erlen’ (1857, Ritzingen), der Flüespitz ‘das spitze zulaufende Gebiet auf der Flüe-Alp’ (Leukerbad, GRICHTING 1993, Blatt 20, Nr. 7 Flueschpitz), der Furispitz ‘das spitz zulaufende Gelände bei der Fura (Furche)’ (Simplon) und andere mehr. Einen seltenen Fall bildet Tünnelspitz ‘der Tünnelspitz (LT Tunnelspitz), kleiner Gipfel, unter dem der Simplon-Tunnel durchführt’ (Ried-Brig). Im Fall von der Chalberspitz ‘die spitz zulaufende Weide für die Kälber’ (Ergisch, Oberems, Raron) wird die Flur nach den Tieren benannt, die dort weiden, während sich bei der Gemschspitz ‘die (Fels-)Spitze mit Gemsen (LT Gemsspitz)’ (Zermatt) viele Gemsen aufhalten. In einigen Fällen ist die Motivation unklar, so in Burgspitz ‘die Spitze des Hügels bei der Burg (burgähnliches Gelände)’ (LT, SK u. FLNK, Ried-Brig) und der Bärgspitz ‘das spitz zulaufende, bergwärts liegende Gebiet’ (Obergesteln), wo es kein Simplex Bärg gibt.

Der Plural Spitza meint meist eine Reihe von Felsspitzen als Gipfel- oder Gebirgename. Das gilt von den Adlerspitza ‘Felsspitzen beim Hohgleifen (Gipfelname)’ (LT und FLNK, Niedergesteln) über di Gletschärspitza ‘die (Fels-)Spitzen beim Gletscher (Gipfelname, LT und FLNK Gletscherspitza)’ (Blatten) zu di Bliäjenduspitza ‘die (Berg-)Spitzen oberhalb der Bliäjendun (Blühenden) (Gipfelname, LT Bliejenduspitza; FLNK Bliejendunspitza) (Blatten) und anderen.

Für beide Fälle gibt es auch komplexere Konstruktionen wie der Grächbielspitz ‘das spitze Waldstück beim Gräächbiel (Hügel, der zu Grächen gehört)’ (St. Niklaus), Grüobchalbärspitz ‘die spitz zulaufende Weide für die Kälber beim Weiler Grüobu (Gruben)’ (FLNK, Oberems), t Driieggspitza ‘die Spitzen unterhalb der Dreiecke (Namen von Felsen am Grossen Aletschgletscher)’ (Fieschertal), der Teiff Bachspitz ‘das spitze Landstück am tiefen Bach’ (Eggerberg), der Unner Holzspitz ‘der untere Teil des Holzspitzs (Spitze beim Holz)’ (Münster) und andere.

Das HL als Bestimmungswort lässt sich nicht immer vom attributiven Adjektiv spitz unterscheiden; als Kriterium der Abgrenzung wird die Schreibung genommen: zusammengeschriebene Formen werden als Komposita mit dem HL verstanden; getrennte sind weiter unten für das Adjektiv aufgeführt. Die Grundwörter für zweigliedrige Komposita sind Acher, Biel, Biina, Blatta, Bleessi, Egg (a), Flüö, Hooru, Matta, Wald und Wase.

Eine komplexere Form ist der Spitzsteigrabu ‘der Graben mit dem spitzen Stein’ (Ergisch, FLNK Spitzu Steigrabe), wobei die FLNK-Form ein attributives Adjektiv aufweist.

Das attributive Adjektiv spitz kommt flektiert und unflektiert mit folgenden Grundwörtern vor: Acher, Biel, Brigi, Egg(a), Fad, Fläck, Flüö, Hooru, Matta, Stei, Tanna, Tschugge, Ture, Wald, Wang und Zand. Seltsam ist ein historischer Beleg von 1356 (Törbel) der spytze Wanna. Üblicherweise ist Wanna ‘die Wanne’ feminin; die Möglichkeit einer obliquen Form im Dativ ist jedoch gegeben, sodass hier ‘die spitze Wanne’ gemeint wäre.

Komplexer ist der Ober und der Unner Spitz Stei ‘der obere und der untere Teil des Gebietes spitzer Stein’ (Randa).

VSNB, Bd. 4, Sp. 199

Vorkommen

spitz

spitza

spitzä

spitza

spitze

spitzen

spitzi

spitzji

spitzu

spitzun

spiz