Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Wiiss

Wiiss Adj. ‘weiss’ ist zu schwdt. wīss, wie nhd. Farbadjektiv ‘weiss’, mhd. wīz, ahd. h(wīz) (ID. 16, 1984 ff.) zu stellen. Bei GRICHTING (1998, 239) fehlt das Adjektiv; belegt ist nur das Verb wiissgge, wiissgä (Goms), wiissgu ‘weisseln’. Das Adjektiv kommt in rund 300 Namen, meist attributiv vor. Entsprechend gibt es keine Simplizia des Adjektivs, nur Ableitungen. Im Wesentlichen betrifft das HL helles Gestein, Gletscherwasser, Schneegipfel und selten die weisse Farbe eines Hauses. Dazu kommen einige Belege für Pflanzen.

Als attributives Adjektiv tritt das HL flektiert und unflektiert mit einer grossen Menge von Grundwörtern auf. Am häufigsten ist der Typ t Wiiss Flüe ‘die weisse Fluh’ (Binn) mit 38 Belegen, wovon einige komplexer sind wie etwa in Ergisch mit dem Namennest ts Wiiss Flieji ‘die kleine weisse Fluh’, der Wissfliejitschuggu ‘der Felsen auf der alpe Wiss Flieji (kleine weisse Fluh), t Wissfliewängg ‘die Grasabhänge oberhalb der Alpe Wiisses Flieji (die kleine weisse Fluh)’ und das 1821 historisch belegte das Weis-Flühen-Alpchen ‘die kleine Alpe bei der weissen Fluh’. Zu diesem Typ gesellen sich die Typen t Wiiss Egga ‘die weisse Ecke’ (Eisten, siebzehn weitere Belege, auch komplexe), der Wiiss Tschuggo ‘der weisse Fels’ (Zeneggen, vierzehn weitere Belege, auch komplexe), t Wiiss Blatta ‘die weisse Felsplatte’ (Fieschertal, zwölf weitere Belege, auch komplexe), der Wiiss Grabu ‘der weisse Graben’ (Simplon, neun weitere Belege) und weitere Grundwörter wie Bodu, Gufer, Rufina, Stei, um die häufigsten zu nennen. Ein zweiter Typ benennt Gipfel wie ts Wiisshooru ‘das Wisshoru (Gipfelname, LT Weisshorn, nach der Farbe des Schnees)’ (Randa, elf weitere Belege, teilweise der gleiche Gipfel mehrfach), der Wiiss Graad ‘der weisse Grat’ (Staldenried, weitere 7 Belege), ts Wiis Mies ‘das weisse Mies’ (Saas-Almagell, LT Weissmies (Gipfelname), wobei sich Mies auf das HL MIES - MIESCH ‘Moos’ zurückführen lässt und die weiteren Namen um den Gipfel herum liegen, das seltene ts Wiiss Gibirg ‘das weisse Gebirg (Gebiet mit weissen Felsen)’ (Zwischbergen). Ein besonderer Namentyp ist ts Wiisstor ‘das Weisstor’ (Saas-Almagell), der Name hochgelegener kleiner Pässe, die mit Adjektiven wie ts Alt Wisstor, ts Niww Wisstor (beide Zermatt) und komplexeren Konstruktionen wie ts Schwarzbärgwiisstor (Zermatt, ähnlich Saas-Almagell) verbunden sind.

Bei den Pflanzennamen ist der häufigste Typ ts Wiisslöüb ‘das Weisslaub (Name für SALIX LAPPONUM)’ (Eisten, achtzehn weitere Belege mit Varianten); die übrigen Fälle sind selten wie t Wiissdoorna ‘die Weissdornsträucher (CRATAEGUS MONOGYNA oder LAEVIGATA)’ (Eggerberg) (vgl. ID. 13, 1642), zer Wiisstannu ‘bei der Weisstanne’ (Varen).

Auf Gletscherwasser oder einem Bach aus der Wiissi ‘das weisse Gebiet’ beziehen sich Gewässernamen wie Wiissbach ‘der weisse Bach’ (FLNK, Binn), Wiisswasser (FLNK, Naters), beide mit weiteren Belegen, und der Wiiss See ‘der weisse See’ (Guttet). Unklar, ob sie hieher oder zu den Felsen gehören sind die Belege ts Wiiss Tal ‘das weisse Tal’ (Saas-Almagell, mit sieben weiteren Belegen).

Die Farbe des Hauses spielt eine Rolle in beÿ dem Wÿssen Haúss (1742, Simplon), ts Wiiss Hüüs (Eyholz), Wiissus Hüs (FLNK, Visp), die Weisse Haúsmatten ‘die Wiese beim weissen Haus’ (1646) und dem lat. alba domus ‘das weisse Haus’ (1638 u. später, Raron).

Einen speziellen Fall bilden t Wiissgäärbi ‘die Weissgerberei’ (Leuk), t Undri Wiisgäärbi ‘die untere Weissgerberei’ (Leuk) und beÿ der Weisgerbe ‘bei der Weissgerberei’ (1775, Varen). Die Weissgerbung ist eine besondere Form der Lederherstellung, bei der mit Mineralsalzen (Alaun, Kochsalz) ein helles (weisses) Leder erzeugt wird.

Seltsam ist der Beleg im Wisland (Visp, LT Wiesland, FLNK Wiisland). Das Wort Wis f. ‘Wiese’ (ID. 16, 2017 ff.) ist im Walliserdeutschen nicht gebräuchlich. MS notiert ein kurzes /i/, während FLNK ein langes /ii/ hat und wohl an das HL Wiiss denkt. Ein älteres Wisi f. ‘Abgabe der Lehnsleute an den Grundherrn’ (ID. 16, 2016, mit einem Zitat aus Ernen) könnte hier vorliegen; gemeint wäre dann das Land, auf dem eine solche Abgabe geschuldet war. Mangels historischer Zeugnisse lässt sich das nicht sicher belegen.

Eine Ableitung t Wiissa f. bezieht sich durchwegs auf eine Wasserleitung, die Gletscherwasser führt. Das Simplex t Wiissa ‘die weisse Wasserleitung’ (Fieschertal, Lax, Mund) kommt an drei Orten vor; andere Belege spezifizieren t Fiescherwiissa ‘die weisse Wasserleitung nach Fiesch’ (Fiesch), t Laggerwiissa ‘die weisse Wasserleitung nach Lax’ (Fiesch) und Bärgerwiissa ‘die weisse Wasserleitung nach Martisberg’ (FLNK, Lax). Ein Diminutiv hierzu liegt wohl vor in ex dem Weÿssÿ ‘aus der kleinen weissen Wasserleitung (ev. dem Weisswasser)’ (1643, Ried-Brig).

Eine Ableitung t Wiissi f. bezieht sich auf ein Gebiet mit weissem Gestein. Das Simplex ist als t Wiissi (Binn) belegt; dazu kommen t Schinnere Wiissi ‘das weisse Gebiet der Alpe der Familie Schiner’, t Schmidige Wiissi ‘das weisse Gebiet der Alpe Schmidigen (der Familie Schmid)’, Tschampige Wiissi ‘das weisse Gebiet der Alpe Tschampige (der Familie Tschampen).

Vermutlich Nutzer oder Besitzer sind gemeint bei einer seltenen -ER-Ableitung im Genitiv Plural Wiisseru Schlüecht ‘die Geländeeinbuchtung der Familie Weissen’ (FLNK, Ausserberg) mit dem alten FaN Weissen (cf. HL WEISSEN (FAN)) oder den Bewohnern einer Flur namens Wiissi; eine solche Ableitung liegt vermutlich auch in Unterbäch die Wisserÿ ‘das Gebiet der Leute von Wiissine’ (1611) vor, wobei hier der Dorfteil t Wiissine (Unterbäch) gemeint sein kann.

VSNB, Bd. 4, Sp. 561

Vorkommen

weiissen

weis

weisen

weiss

weissen

weyssy

wiis

wiiss

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wiissän

wiisse

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wiissere

wiisseru

wiissi

wiissu

wiissun

wiissus

wis

wiss

wissän

wissen

wisseri

wüschen

wyss

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wyssus