Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Ober

Ober Adj. ‘ober’ ist zum Adj. ober, ahd. obaro, mhd. ober, einem Komparativ zu ob zu stellen und bezeichnet in räumlichen Ortsbestimmungen eine ‘obere, höher gelegene Stelle’ (ID. 4, 51; KLUGE / SEEBOLD 252011, 663). Ober ist das Gegenstück zu Unner ‘unter’, seltener Nider ‘nieder’ auf einer vertikalen Achse. Gemeindenamen wie Oberwald und Niederwald, Obergesteln und Niedergesteln, aber auch Oberdorf und Niderdorf, resp. Unnerdorf, sind Beispiele dafür. Oft kann auch eine Flur in einen oberen und unteren Teil aufgeteilt werden. In lateinischen Texten werden dann die Termini SUPERIOR und INFERIOR verwendet (nicht immer als Lokalnamen).

Das HL erscheint in verschiedenen Formen in rund 1700 Belegen. Die weitaus meisten dieser Belege enthalten das attributive Adjektiv Ober, flektiert oder nicht flektiert. Einige Beispiele dafür: Obär Lagär ‘die obere Lagerstätte für das Vieh’ (FLNK, Bratsch), t Ober (e) Reschti ‘der obere Teil der Reschti (Raststelle)’ (Naters), t Ober Aara ‘der obere Tiel der Ara (zu pflügendes Land)’ (Vispeterterminen; FLNK Obri Aara), Obre Bodo ‘der obere Boden’ (FLNK, Birgisch), t Obri Balmu ‘der obere Teil der alp Balmu (beim überhängenden Fels)’ (Leukerbad), t Obru Äbnete ‘die oberen ebenen Stücke Land’ (Termen), im Obru Dorf ‘im oberen Dorf’ (Teil von Jeizinen), t Obrun Biäla ‘die oberen Hügel’ (Ferden; FLNK Obru Biela) und viele andere mehr, natürlich auch mit komplexeren Flurnamen wie ts Ober Banbodi ‘der obere Teil des kleinen Bodens im Banngebiet’ (Unterbäch), ts Ober Bahouz ‘der obere Teil des Gebietes Bannholz (Bannwald), heute gerodet’ (Blitzingen, mit /l/-Vokalisierung), der Ober Lerchäbopem ‘der obere Boden, wo es Lärchen hat’ (Blatten) und t Obru Wicheriedjini ‘der obere Teil der kleinen Riede beim Winkel’ (Zeneggen), um nur einige zu nennen.

In wenigen Fällen sind zwei attributive Adjektive belegt: únder der Althen Ober Riederÿ ‘unter der alten Wasserleitung nach Oberried’ (1684, Mörel; 1684 u. später, Ried-Mörel), in den Alten Obren Alpweg ‘in den alten oberen Weg auf die Alpe (unklar, ob Name oder Appellativ)’ (1755, Eisten). Einen seltenen Fall zeigt zem Vndrun Oberhus ‘bei untern Teil des Oberhauses’ (1545, Bürchen), wo wohl ein Teil einer Flur mit dem Namen Oberhus gemeint ist.

Belege mit dem HL als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita sind etwa ts Oberbru ‘der obere Teil des Gebietes mit Quellen / Brunnen (Ortsteil von Eischoll)’ (Eischoll), ts Oberbrunne ‘zu Oberbrunne (der obere Teil des Gebietes mit Quellen / Brunnen)’ (Selkingen), ts Oberchritz ‘das obere Kreuz (Gelände in Kreuzform)’ (Binn), ts Oberdorf ‘das Oberdorf (Teil von Glis)’ (Glis) und weitere rund 11 Belege vom gleichen Typ an verschiedenen Orten, Obereiu ‘die obere Aue’ (Turtmann; FLNK Obäreiju; LT Obereiu) und andere mehr, teilweise als Varianten zum attributiven Adjektiv Ober. Komplexere Fälle sind ts Oberaarhore ‘das Oberaarhorn (Gipfelname, oberhalb des Oberaargletschers)’ (Bellwald), ts Oberaarjoch ‘das Oberaarjoch (südlich des Oberaarhorns)’ (Bellwald), t Oberaarjochhitta ‘die (Schutz-) Hütte des SAC beim Oberaarjoch’ (Fieschertal), ts Oberaarrothore ‘das Oberaarrothorn (Gipfelname, Gipfel mit rotem Felsen bei Oberaarhorn)’ (Bellwald, Fieschertal, Münster), Oberaletschbach ‘der Bach, der aus dem Oberaletschgletscher entspringt’ (FLNK, Naters), Oberbordwald ‘der Wald beim Ober Bord (Abhang, Böschung)’ (Eyholz, Visp) und viele andere.

Komplexere Konstruktionen sind vor allem im Turtmanntal belegt: Bitzu der Oberstafil ‘der Oberstafel der Alpe Bitzu’ (Oberems), Brändji der Oberstafil ‘der Oberstafel der Alpe Brändji (kleines brandgerodetes Gebiet)’ (Oberems), Gigi der Ober Stafil ‘des Gigi (Alpname) der Oberstafel’ (Oberems), Grindji Oberstafel ‘der Oberstafel der Alpe Grindji (kleiner Grund),’ Niggelingu der Obruschtu ‘der oberste Stafel der Alpe Niggeling (Familie Nicolin / Niggeli)’ (Ergisch) und andere mehr.

Als Substantiv erscheinen Obera ‘die obere Alpe’ (FLNK, Bellwald), die Obere ‘die obere Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (1849, Naters), dazu kommt ts Unner Obra ‘der untere Teil des oberen Stafels der Wangalpe’ (Ausserbinn).

Der Superlativ ist zunächst wieder als attributives Adjektiv belegt: t Oberscht Bauma ‘der oberste Stafel auf der Alpe Balma’ (Binn), der Oberscht Bieu ‘der zuoberst liegende Hügel (Alpe)’ (Fieschertal), der Oberscht Boda ‘der oberste Boden’ (Randa), zúm Obresten Haus ‘beim obersten Haus’ (1674, St. Niklaus), ts Obroscht Birch ‘das oberste (zuoberst gelegene) Birch (Birkengehölz)’ (Bürchen), ts Obroschtoscht Schiirli ‘die oberste kleine Scheuer’ (Unterbäch), im Obroschtu Viertel ‘im obersten Viertel (von Visperterminen)’ (Visperterminen), Oberscht Trejo ‘der oberste Viehweg’ (EK, Mund), ts Obruscht Dorf ‘das oberste Dorf (Inden)’ (Inden), t Obruschtu Ritine ‘die obersten gerodeten Gebiete’ (Ergisch) und andere mehr.

Substantiviert sind belegt t Oberschta ‘die oberste Wasserleitung’ (Grengiols), Oberschta ‘die oberste Wasserleitung’ (FLNK, Mund; FLNK, Naters), ts Oberschta ‘das Oberste (Oberster Stafel der Wangalpe)’ (Ausserbinn), t Obroschta ‘die oberste Wasserleitung’ (Birgisch) und ts Obroschta ‘die oberste Alpe’ (Visperterminen), resp. ‘der oberste Stafel der Rinneralpu’ (Unterbäch).

Zu unterscheiden vom Adj. oben ist die Präposition ob ‘oberhalb’ (cf. HL OB). Belegt ist mit zu ein Superlativ Zoberscht dem Dorf ‘zuoberst im Dorf’ (Reckingen).

VSNB, Bd. 3, Sp. 312

Vorkommen

obär

ober

obera

obere

oberen

oberer

oberi

oberli

obern

obers

oberscht

oberschta

oberschte

oberst

oberste

obersten

oberu

obrä

obra

obre

obren

obrest

obresten

obri

obrin

obristen

obroscht

obroschta

obroschtji

obroschtoscht

obroschtu

obrost

obrscht

obru

obrun

obruscht

obruschtä

obruschta

obruschte

obruschti

obruschtu

obrustun

oschi

zoberscht

zobrost