Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Gadu

Gadu m. ‘Gaden’ ist zu schwdt. Gadem, Gaden, wdt. Gade m. ‘geringes, besonders der Ökonomie dienendes Gebäude, Nebengebäude, Viehstall, Scheune, bes. auf Bergen und Weiden’, auch ‘Heuschober’; ahd. gadum, -am, mhd. gaden, (Pl. gaden und gademer, gadmer) ‘Haus von nur einem Gemach; Gemach, Kammer; hochgelegener Verschlag; Stockwerk’ (ID. 2, 114 ff; WASER 1996, 1, 310; GRICHTING 1998, 84) zu stellen. Während GRICHTING ‘Wirtschaftgebäude, Stall’ angibt, kennt RÜBEL (1950, 37) Gade als ‘Stall’ nur für das obere Goms, notiert aber in der Fn. 37 Gade m., Gädi n. ‘Stall’ für das ganze Goms und Gädi n. als pejorativen Ausdruck in Visp und Umgebung, ähnlich V. SCHMID (2003, 99). Das stimmt mit der Verteilung der Namen überein: von den rund 160 Belegen mit Gadu sind rund 100 für das Goms belegt und rund 30 im Bezirk Visp. Auf der andern Seite ist der Bezirk Leuk mit nur zwei Belegen Gadu (Oberems) vertreten, die erst noch sehr atypisch als Wasserleitungen bezeichnet werden. Formal sind Singulare vom Typ Gade / Gado / Gadu und der schriftsprachlichen Form Gaden vertreten, während die Plurale meist ein -m- aufweisen wie Gadme / Gadmu, mit Assimilation Gabme, dazu ein zweimal belegtes Gädmere (Dat. Pl.) (Niederwald, Steinhaus). Der Typ Gädi n., Pl. Gädini kommt nur im Bezirk Visp vor. Im Goms und Östlich-Raron ist ein Diminutiv Gädumji n. mit mehreren historischen Varianten bezeugt.

Simplizia sind selten, als Gade n. (Ulrichen) und beÿm Gaden (1817, Binn), Gaden (1531, Münster) und Gadu (Oberems, St. Niklaus) für den Singular belegt, va Gabme (Selkingen), ze Gabme (Blitzingen), di Gadme (Zermatt) und weitere Belege für den Plural; auffällig ist hier der Plural zen Gedmaren (1546, Lax). Diminutive wie Gädemji (Greich), des Gädemjesch-Weng ‘die Grasabhänge beim kleinen Gaden’ (1840, Selkingen), bÿm Gedemgÿ (1650, Biel), zúm Gedimgy (1699, Betten), zum Gedumgi (1696, Grengiols) sind fast nur historisch belegt; Plurale wie ze dien Gedemlynon ‘bei den kleinen Gaden’ (1306, Törbel) und zún Gademlin (1643, Selkingen) sind nur historisch belegt und zeigen im Fall von Törbel, dass die Geltung von Gadem wohl weiter reichte als heute.

Einige attributive Adjektive mit dem HL Gade sind: der Alt Gade (Greich), beÿm Alten Gaden (1849, Bellwald), t Altu Gadme (Ried-Brig), zu Drii Gädinu ‘bei den drei Gaden’ (St. Niklaus), Hoongabm ‘die hohen Gaden’ (Blatten), zum Mittlen Gadmen ‘beim mittleren Gaden’ (1503, Niederwald), zem Nidren Gaden ‘beim niederen (unteren) Gaden’ (1531, Binn) und weitere, bim Niwwe Gade ‘beim neuen Gaden’ (Steinhaus) und weitere, Obergabme ‘die oberen Gaden’ (Ulrichen), der Ober Gade (Ulrichen) und weitere, bim Oberschte Gade ‘beim obersten Gaden’ (Ulrichen), t Obre Gadme ‘die oberen Gaden’ (Ernen), bim Unnerschte Gade ‘beim untersten Gaden’ (Ulrichen), t Unnre Gadme ‘die unteren Gaden’ (Ernen) und ts Zweigädine ‘bei den zwei kleinen Gaden’ (Ernen). Eine besondere Präposition weisen auf: vnterm Gaden ‘unter dem Gaden’ (1761, Fiesch) und zwÿschen Gadmen ‘zwischen den Gaden’ (1500, Fiesch).

Mit Partizipia sind belegt bim Brochne Gade ‘beim gebrochenen (zerstörten) Gaden’ (Ritzingen) und das unklare z Fallen Gaden ‘beim verfallenen Gaden (?)’ (1549, Niederwald).

Sehr zahlreich sind Belege mit dem Grundwort Gade und einem vorangestellten schwachen oder starken Genitiv eines PN oder FaN, wobei nicht alle Fälle sicher sind. ts Ägersch Gade ‘der Gaden der Familie Äger’ (Ritzingen), z Ammensgaden ‘der Gaden des Ammans (hier wohl Funktion)’ (1592, Ritzingen), ts Angesegädi ‘der kleine Gaden der Agnes / der Familie Angese’ (Ernen), ts Brunnuniggisch Gädi ‘der kleine Gaden des Nikolaus Brunner’ (Randa), Choligu Gado ‘der Gaden des Koller / der Familie Koller’ (mit /-IG/-Kollektiv) (Eggerberg), ts Eppisch Gädi ‘der kleine Gaden des Eppi / der Familie Eppi’ (Randa) und viele andere, die unter dem HL des Namens verzeichnet sind.

Bei den eigentlichen Komposita sind die Namen von Tieren, die im Stall untergebracht waren, sehr selten vertreten: Chalbergädi ‘der kleine Gaden für die Kälber’ (Zermatt), der Geissigade ‘der Gaden für die Ziegen’ (Greich), zer Geỳzso Gadme ‘beim Gaden für die Ziegen’ (1331, Mörel; mit einem formalen Genitiv) und ts Rossgädi ‘der kleine Gaden für die Pferde’ (Randa).

Häufig sind lokale Kontextangaben, welche die Lage eines Gadens näher bestimmen; sie können als eigentliche Komposita oder mit vorangestelltem Genitiv erscheinen, wie ts Bäärgisch Gädi ‘der kleine Gaden der Alpe Bärgji’ (Randa), der Bordgade ‘der Gaden beim Bord (Abhang, Böschung)’ (Greich), ts Brunnugädi ‘der kleine Gaden bei den Quellen / Brunnen’ (Randa), Fleschegade ‘der Gaden im Flesch (Wasserstelle)’ (Fiesch), Hautegade ‘der Gaden bei der Halde’ (Selkingen; mit /l/-Vokalisierung), beim Lehn Gaden ‘beim Gaden, der sich im Gebiet Lehn befindet’ (1701, Fieschertal), t Löwwigadme ‘die Gaden beim Rutschgebiet’ (Reckingen) und viele andere.

Komplexere Fälle sind etwa t Obere Löuegabme ‘die oberen Gaden beim Rutschgebiet’ (Reckingen), der Santiglaisgade ‘der Gaden beim St. Nikolaus (unklar)’ (Ulrichen), bim Unnere Rigggade ‘beim unteren Gaden im Gebiet Rigg (Rücken)’ (Reckingen). Schwierig zu deuten ist der Beleg an den Treÿen Niv Gedmero (1540, Embd), vermutlich zu verstehen als ‘an den Treien (Viehweglein) bei den neuen Gaden’.

Eine eigene Kategorie bilden die Jahreszeitangaben: Summergädi ‘der kleine Gaden für den Sommer’ (Zermatt) und t Wintergadme ‘die Gaden für den Winter’ (St. Niklaus), ts Wintergadmu ‘bei den Gaden für den Winter’ (Embd).

Mehrfach belegt ist auch der Typ Steigade ‘der Gaden aus Stein’ in Blitzingen, Naters, Oberwald und Ulrichen für Ställe aus Stein, während normalerweise eher Holz verwendet wurde.

Manche Komposita bieten Deutungsprobleme, so etwa ts Schilfgädi ‘der kleinen Gaden beim Schilf’ (St. Niklaus), wo unklar ist, ob es sich hier einfach um einen Schilfbestand handelte oder eine Gegend namens Schilf gemeint ist, der Schlettergade (1436, Bellwald; 1568, Ernen; 1777 Niederwald), wo unklar ist, was Schletter (cf. HL SCHLATT) sein soll: ein Pflanze oder etwas Verlottertes? Beide Deutungen sind möglich. ts Teerbjergädi ‘der kleine Gaden der Leute von Törbel’ (Binn) gibt nur dann einen Sinn, wenn irgendwelche Leute aus dem weit entfernten Törbel im Binntal einen Gaden besassen – wir haben jedoch keine diesbezüglichen Informationen. Schwierig ist auch das zwei Mal belegte ts Magadi (Geschinen; SK Magadin, LT Magady), im Magadin (1721, Münster; spätere Formen: 1749 Im Agadin, 1775 ob dem Magendÿ). Ob die Trennung in Mah / Mad- ‘Mähwiese’ und Gadi ‘kleiner Gaden’ dem Namen gerecht wird, bleibt unklar. Kaum in Frage kommt der Stamm ahd. magad ‘Mädchen, Magd’.

Als Bestimmungswort kommt das HL GADU in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern vor: Balma, Biel, Flüö, Moos, Rüüs, Statt, Stutz und Wald.

Komplexere Fälle sind etwa ts Meiersch Gade unnerm Wäg ‘der Gaden des Meier (wohl Funktionsbezeichnung) unter dem Weg’ (Mühlebach)’, ts Baläggschgadewasser ‘das Wasser für den Gaden des Balägg (PN) / Balet (PN)’ (Blitzingen).

VSNB, Bd. 2, Sp. 214

Vorkommen

gabm

gabme

gabmen

gabmer

gabmiger

gade

gädemjesch

gädemji

gädemjini

gademlin

gaden

gädi

gadi

gädi

gadin

gädine

gädini

gädinu

gadme

gadmen

gädmere

gadmu

gado

gadu

gädumji

gat (Gadu)

gebmeren

gedemgy

gedemlinon

gedimgy

gedmaren

gedmero

gedumgi

goedemgy