Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Schipfa

Schipfa f. ist zu schwdt. Schupfen, auch Schüpfen, bzw. Schipfa ‘kleinerer, etw. überhängender Felsen’ und wdt. Schipfa, Schipfä (Goms), Schipfi ‘Felsnische, Unterschlupf’ (ID. 8, 1091 ff.; GRICHTING 1998, 171) zu stellen. Das HL kommt in rund 75 Namen vor. Dass Schipfa ‘überhängender Fels’ von der Bedeutung her mit Balma ‘überhängender Fels’ verwandt ist, zeigt eine Bemerkung einer Gwp. aus Törbel, die <balma> als ‘Höhle unter Felsenvorsprung’ und <schipfa> als ‘Plateau auf Felsenvorsprung’ bezeichnete.

Das Simplex im Singular tritt als t Schipfa ‘der überhängende Fels’ (Ausserberg, Embd), historisch die Schipffön (1425, Eggerberg; 1704 die Schipffe), unner der Schipfu ‘unter dem überhängenden Felsen’ (Embd), t Schipfu (Oberems) auf. Häufiger ist das Simplex im Plural t Schipfä (Gampel), t Schipfe (Bitsch, Fieschertal, Mund, Naters, Törbel, Ergisch), historisch als vff den Schipffen (1579 u. später, Ried-Mörel), aúff der Schÿpffen (1774, Stalden), auff der Schipffen (1694, Zeneggen), aúf der Schippfen (1795, Staldenried), wo wieder der Singular des Simplex erscheint.

Das Diminutiv im Singular ist als zum Schipfelti ‘beim kleinen überhängenden Felsen’ (Staldenried), ts Schipfi (Bellwald, Ried-Brig) belegt; ein Plural fehlt.

Attributive Adjektive zum HL sind: zer Heeju Schipfu ‘beim hohen überhängenden Felsen’ (Hohtenn), ze Schwarze Schipfu ‘bei den schwarzen überhängenden Felsen’ (Raron), t Schwarz Schipfa ‘der schwarze überhängende Fels’ (Blatten), t Schwarzu Schipfä ‘die schwarzen überhängenden Felsen’ (Blatten) und Undru Schipfe ‘der untere überhängende Fels’ (Bitsch).

Bei den Komposita mit dem HL als Grundwort überwiegt der Typ Hundschipfa mit rund zwanzig Fällen, wobei URNB (2, 295) zum HL HUND notiert, dass es “meist pejorativen Charakter” habe; URNB (3, 85) hat Hundschipfen, URNB (3, 129) Hundschopf. In der Datei des Oberwalliser Namenbuches dominiert die Konstruktion mit Schipfa, wobei ältere Belege vor 1500 meist eine Notation wie Hundschvͥpphen (1306, Eggerberg), Hundschvͥpphon (1306, Lalden), Huntschupfin (1391, Ulrichen) aufweisen, die auf die erst später entrundete Form Schüpfen verweist. Das alternative Schepfi kommt in den ältesten Formen als Huntschepfin (1395, Ulrichen), Hundtschepphi (1519, Ernen) vor, wobei der älteste Beleg aus Ulrichen vermutlich aus einer Kopie stammt, da Schepfi aus Schöpfi (zu Schopf) entrundet wurde. Sichere lebende Belege mit Schepfi sind: Hundschepfe (SK, Visperterminen, historisch 1779 aber als Húndtschipfen), t Hundschepfene (Ulrichen; 1391 Huntschupfin), Hundschepfi (FLNK, Steinhaus) und t Huntschepfi (Mühlebach). In diesen Belegen ist das sonst dominierende Schipfa ersetzt durch Schepfi zu Schopf (ID. 7, 1067 ff.; Bed. 2)a ‘vorspringender, hervorstehender Fels’ ID. 7, 1071) in etwa gleicher Bedeutung. Als Deutung wird generell ‘der unangenehme überhängende Fels’ gegeben, auch wenn im Einzelfall andere Deutungen zutreffender wären.

Neben diesem Typ gibt es einige Komposita mit einem Tiernamen als Erstglied: t Arischipfa ‘der überhängende Felsen für die Adler’ (Grächen), wo ein Felsnest von Adlern gemeint ist, di Gitzischipfu ‘der überhängende Fels für die kleinen Ziegen’ (Gampel), Hiener Schipfe ‘der überhängende Fels für die Hühner’ (EK, Eggerberg) und t Schwiischipfa ‘der überhängende Fels für die Schweine’ (Baltschieder) – hier sind Unterschlupfmöglichkeiten für die genannten Tiere gemeint. Schwieriger ist t Hüotschipfa ‘der überhängende Fels bei der Hüotegga (Ecke, wo die Hut (Wache?) steht?’ (Eisten), wobei Hüot sowohl die Hut wie der Hut sein kann; hier ist wohl das Feminine Hut ‘Wacht’ gemeint; der Wächter muss in solchen Fällen auf das Wässerwasser achten. t Maartischipfa ‘der überhängende Fels bei der Alpe Martini (des Martin / der Familie Martin)’ (Baltschieder) benennt eine nahegelegene Alpe, t Meiggeruschipfa (Eggerberg) eine nahegelegene Flur Meiggere, t Mirderschipfa ‘der überhängende Fels für die Mörder’ (Eggerberg) soll bösen Menschen als Unterschlupf gedient haben, t Mittagschipfa ‘der überhängende Fels, wo die Hirten am Mittag assen’ (Täsch) diente Hirten als Unterkunft, di Balumschipfa ‘der Unterschlupf beim überhängenden Felsen’ (Baltschieder) verbindet Balma und Schipfa (beides überhängende Felsen), t Seilschipfa ‘der schnurgerade, senkrechte überhängende Fels’ (Niedergesteln) nimmt eine Metapher auf, dazu gibt es ts Seilschipfungräbji ‘der kleine Graben bei der Seilschipfa’ und die Tirbelschipfa ‘der überhängende Fels bei der Tirbja’ (Eisten; historisch als Thürbelschüpfe 1833 auch in Grächen) liegt bei der Voralpe Tirbja.

Komplexere Fälle sind: t Eerunpolluschipfu ‘der überhängende Fels bei den runden Erhebungen mit Erlen’ (Niedergesteln, unsicher), t Fleischwangschipfu ‘der überhängende Fels beim Grasabhang beim Erdschlipf’ (Niedergesteln), der Ober Schipfacher ‘der obere Acker beim überhängenden Fels’ (Stalden), t Obru und t Undru Hundschepfe ‘der obere und der untere Teil der unangenehmen überhängenden Felsen’ (Visperterminen), t Obru und t Undru Hundschipfe ‘der obere und der untere Teil der unangenehmen überhängenden Felsen’ (Staldenried), Boden Hŭntschuffin ‘der Boden beim unangenehmen überhängenden Felsen’ (1402, Termen), t (e)Rüeduofuschipfa ‘der überhängende Fels mit dem Ofen des Rüedu (FaN)’ (Mund).

Als Bestimmungswort kommt das HL vor mit folgenden Grundwörtern: Acher, Bodu, Haalta, Stäga und Wald. Unklar ist t(s) Schipfäfnet ‘das flache Land beim überhängenden Felsen’ (Hohtenn).

Eine Ableitung auf -ER als Stellenbezeichnung (SONDEREGGER 1958, 541 ff.) ist der Schipfer ‘das Gebiet beim überhängenden Fels’ (Raron, Unterbäch); in Raron kommen Schipfer Grabo ‘der Graben beim Schipfer’ (1825) und der Schipferkanal ‘der Kanal beim Schipfer’ hinzu.

VSNB, Bd. 4, Sp. 76

Vorkommen

schepfe (Schipfe)

schepfene (Schipfe)

schepfi (Schipfe)

scheppfi (Schipfe)

schipf

schipfa

schipfä

schipfa

schipfä

schipfa

schipfe

schipfelti

schipfen

schipfer

schipffen

schipfi

schipfu

schipfun

schippfen

schuffa

schuffin

schüpffen