Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Schiir

Schiir f. ‘Scheuer’ ist zu schwdt. Schǖr f., Pl. meist Schǖre(n) ‘Scheuer, Scheune’, zusammenfassend für die der Ökonomie dienenden Räumlichkeiten: Stall und (Dresch-, Futter-)Tenne mit der darüber liegenden Heubzw. Garbenbühne, oft mit einem Schopf, zuweilen auch mit Ställen für das Kleinvieh, z. T. mit dem bäuerlichen Wohnhaus unter einem Dach vereinigt; Stall mit Heubühne; Ort, wo das Alpheu untergebracht wird, Heugaden am Hause; freistehender Heuspeicher auf entlegenen Matten, Bergwiesen, ahd. skūra, skiura, mhd. schiure ‘Scheuer’, Weiterbildung zu amhd. sc(h)ūr m. ‘Wetterdach’ und wdt. Schiir ‘Scheune’ (ID. 8, 1210 ff.; GRICHTING 1998, 170) zu stellen. Über die Konstruktion einer Schiir im Wallis vgl. RÜBEL (1950, 38) und V. SCHMID (2003, 170 f.).

Rund 440 Namen enthalten das HL Schiir. Auffällig ist, dass das Simplex Schiir praktisch inexistent ist: es gibt nur 1652 in Goppisberg beÿ der Schür mit einem rekonstruierten /ü/. Auch der Plural des Simplex ist selten: 1697 zen Scheiren ‘bei den Scheuern’ (Albinen) mit einem hyperkorrekten /ei/, zen Schiren (1723, Leuk; 1726 zun Scheüren). Hingegen ist das Diminutiv des Singulars häufig: ts Schiirli (auch mit Präpositionen zum und bim) ist rund 28 Mal belegt; einmal steht zum Scheŭerlein ‘bei der kleinen Scheuer’ (1837, Oberems). Der Plural ze Schiirlinu ‘bei den kleinen Scheuern’ ist viermal belegt, einmal als zen Schirlenen (1634, Betten).

Mit attributiven Adjektiven und dem HL als Grundwort ist vor allem der Typ t Niw Schiir ‘die neue Scheuer’ und deren Varianten wie zer Niwe Schiir ‘bei der neuen Scheuer’, zer Niwwu Schiir ‘bei der neuen Scheuer’ usw. rund 40 Mal belegt – auch historisch als zer Nÿwen Schyr (1548, Agarn), hinder der Nüwen Schür (1640 u. später, Gluringen), zŭr Neŭen Scheŭer ‘bei der neuen Scheuer’ (1733 u. später, Oberems). Das Gegenstück zer Altu Schiir ‘bei der alten Scheuer’ (FLNK, St. Niklaus) ist mit Varianten sieben Mal belegt. Weitere Belege sind: di Gross Schiir ‘die grosse Scheuer’ (mit Varianten) (Lax, Martisberg, Baltschieder), Heeji Schiir ‘die hohe Scheuer’ (FLNK, Ernen), zum Heeju Schiirli ‘zur hohen kleinen Scheuer’ (Randa, Termen), Heeschiirli ‘die hohe kleine Scheuer’ (FLNK, Grächen), bÿm Höchen Schürli ‘bei der kleinen hohen Scheuer’ (1723 u. später, Ried-Brig), Hee Schiirli ‘die hohe kleine Scheuer’ (FLNK, Ried-Mörel), beÿ dem Hochen Scheirlin ‘bei der hohen kleinen Scheuer’ (1724 u. später, Naters), ts Chlei Schiirli ‘die kleine Scheuer’ (Ried-Mörel), ze Lenge Schiiru ‘bei den langen Scheuern’ (Mund), t Mittlescht Schiir ‘die mittlere Scheuer’ (Ernen), Mittulschir ‘die mittlere Scheuer’ (FLNK, Birgisch), t Ober Schiir ‘die obere Scheuer’ (St. Niklaus und weitere zwei) und zer Obru Schiir ‘bei der oberen Scheuer’ (Eggerberg, mit weiteren fünf Belegen), zum Schwarzu Schiirli ‘bei der schwarzen kleinen Scheuer’ (St. Niklaus), zu Dri Schiiru ‘bei den drei Scheuern’ (Täsch, mit Zahlwort), zen Uisträ Schiiru ‘bei den äusseren Scheuern’ (Wiler), zer Vndren Schir ‘bei der unteren Scheuer’ (Grächen), in der Verbranten Schir ‘in der verbrannten Scheuer’ (1782, Simplon, mit Partizip), zu Vier Schiiru ‘bei den vier Scheuern’ (Randa, mit Zahlwort), t Wissi Schiir ‘die weisse Scheuer’ (Raron, weitere vier Belege), zen Zwei Schiiru ‘bei den zwei Scheuern’ (Unterbäch, Täsch, mit Zahlwort), der Zweÿfachen Scheir ‘die doppelte Scheuer’ (1767, Kippel, Genitiv in der Konstruktion), Üsser Schiir ‘die äussere Scheuer’ (FLNK, Embd) und ze Üssru Schiiru ‘bei den äusseren Scheuern’ (Eisten). Superlative finden sich in ts Obroschtoscht Schiirli ‘die oberste kleine Scheuer’ und ts Unroschtoscht Schiirli ‘die unterste kleine Scheuer’ (beide Unterbäch). Ein ungeklärtes Problem stellt zúm Fengiu Schiirli (Termen) dar (cf. HL FENGIU); es könnte sowohl ein Adjektiv, wie ein Besitzer oder Nutzer gemeint sein.

Vorangestellte Genitive des Besitzers oder Nutzers finden sich z. B. in ts (e)Randjerru Schiirli ‘die kleine Scheuer der Familie Randier’ (Unterbäch), ts (e)Rittersch Schiir ‘die Scheuer der Familie Ritter’ (Termen), ts (e) Rufinärsch Schiirli ‘die kleine Scheuer der Familie Ruffiner’ (Ferden, Kippel). Unklar ist der Beleg ts Baschters Schiirli ‘die kleine Scheuer des Baster (PN zu Bastian) / Bastard’ (Törbel), wo unklar ist, ob es sich um einen PN oder um einen Übernamen handelt. zer Eggschuschiir ‘bei der Scheuer der Familie Eggs’ (Törbel) enthält einen schwachen Genitiv Plural. Bei ts Fennersch Schiir und Stall ‘des Fenners (Fähnrichs) Scheuer und Stall’ (Staldenried) ist ein Funktionsträger (Gemeindefenner) gemeint, nicht ein FaN. Der historische Beleg Zgasen Schirlÿ ‘die kleine Scheuer der FaN Gasner’ (1707, Ergisch) weist eine Kurzform des FaN im schwachen Genitiv Singular auf. Unklar ist auch, wer in z Habisch Schir ‘die Scheuer des Habi (PN)’ (1682, Greich) gemeint ist; ein FaN Habi ist nicht belegt (cf. HL HABI). Dass nicht immer klar zwischen einem vorangestellten Genitiv und einem Kompositum unterschieden werden kann, zeigen die Belege ts Gigersch Schiirli ‘die kleine Scheuer der Familie Giger’ (Randa), wobei Giger ein Beiname ist, und únter dem Güger Schirlÿ ‘unter der kleinen Scheuer der Familie Giger’ (1832, Blitzingen). Manchmal ist auch nicht zu entscheiden, ob ein Genitiv vorliegt oder nicht: beÿ Heinen Schir ‘bei der Scheuer des Heinrich / der Familie Heinen’ (1817, Binn), wo Heinen ein fest gewordener Genitiv als FaN oder einfach ein PN Hein im Genitiv sein kann.

Als Grundwort ist das HL sehr häufig in zweigliedrigen Komposita belegt. Öfters belegt ist der Typ Steischiir ‘Scheuer aus Stein’ (Embd und rund 15 weitere Belege, auch historisch), der die Konstruktion mit Stein statt Holz betont. t Schtiidischiir ‘die Scheuer mit einem kleinen (Stütz-)Pfosten’ (Kippel) und die Stúdschÿr ‘die Scheuer mit einem Pfosten’ (1694, Baltschieder) wurden wohl mit einem stützenden Holzpfosten (cf. HL STUTT) gebaut. Tiernamen sind in zer Schaafschiir ‘bei der Scheuer für die Schafe’ (Eisten und vier weitere Belege), zum Geisschiirli ‘bei der kleinen Scheuer für die Ziegen’ (Grächen, Randa), di Geischischiirä ‘die Scheuern für die kleinen Ziegen’ (Blatten), Chieschiirli ‘die kleine Scheuer für die Kühe’ (FLNK, Embd), ze Rosschiiru ‘bei den Scheuern für die Pferde’ (Stalden) und die Rosschir ‘die Scheuer für die Pferde’ (1751, Turtmann) belegt. Hier kann sowohl ein Stall für die jeweiligen Tiere, wie ihre Fütterung gemeint sein. Auch Besitzernamen ohne Genitiv sind möglich: Briggerschiirli ‘die kleine Scheuer der Familie Brigger’ (FLNK, Niedergesteln), ts Stäffuschiir ‘die Scheuer der Familie Steffen / des Stefan’ (Naters), Sigerschtuschiir ‘die Scheuer des Sigrists / der Familie Sigrist’ (Ried-Mörel), t Chirchuschiir ‘die Scheuer, die der Kirche gehörte’ (Randa) und (vielleicht) die Klosterschür ‘die Scheuer, die dem Kloster gehörte’ (1741, Fiesch) zeigen institutionelle Besitzer. Der grösste Teil der Komposita weist aber den Namen einer nahegelegenen Flur auf, wie z. B. di Balmuschirä ‘die Scheuern beim Gebiet Balma (überhängender Fels)’ (Blatten), ts Bielschiirli ‘die kleine Scheuer beim Gebiet Biel (Hügel)’ (Ried-Mörel), bim Chlosischiirli ‘bei der kleinen Scheuer beim Chlosi’ (Nates) und viele andere. Dabei entstehen auch komplexere Formen wie z. B. in t Lengunmattuschiirä ‘die Scheuern bei der langen Wiese’ (Blatten), ts Schärutachschiirli ‘die kleine Scheuer beim Schärutach (Dach, das Schutz bietet)’ (Baltschieder), zen Uisträ Wiäschtänmattuschiirun ‘bei den Scheuern bei der äusserem wüsten, unfruchtbaren Wiese’ (Blatten) und andere.

Als Bestimmungswort ist das HL nur selten vertreten; in zweigliedrigen Komposita tritt es nur auf mit Bodu und Matta; in mehrgliedrigen in Schlüechtschiircheer ‘der Cheer (Wegkehre) bei der Schlüechtschiir (Scheuer in der Geländeeinbuchtung)’ (Törbel).

VSNB, Bd. 4, Sp. 67

Vorkommen

scheir

scheiren

scheirlein

scheirlin

scherlein

scheuer

scheuerlein

scheür

scheur

scheüren

schier

schiir

schiirä

schiire

schiiri

schiirli

schiirlin

schiirlinu

schiiru

schiirun

schir

schiren

schirina

schirlenen

schirli

schirlin

schirr

schür

schuren

schürli

schürlin

schürlinun

schürly

schyr