Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Hinder

Hinder, auch hinner ‘hinter’ ist zu schwdt. hinder, Präposition mit Dativ und Akkusativ, wie nhd. ‘hinter’, auch Adjektiv hinter und wdt. hinner, hinder, hindr (Lötschental), hinnär ‘hinter’, auch Adjektiv hinner (ID. 2, 1413 ff.; GRICHTING 1998, 107) zu stellen. Die präpositionale Form ist vom Adjektiv zu unterscheiden. Das HL kommt in rund 270 Namen vor. Die Formen mit /-nn-/ lassen sich auf die optionale Entwicklung (/-nd-/ > /-nn-/) im Walliserdeutschen zurückführen.

Die Präposition tritt in den Formen hinder und hinner auf: Hinner dum Biel ‘hinter dem Hügel’ (Grächen), Hinder der Biele ‘hinter den Hügeln’ (Fieschertal), Hinder den Biellen ‘hinter den Hügeln’ (1749 u. später, Bellwald), Hinner dum Bietschi ‘hinter dem Bietschi (Bietschbach)’ (Raron), Hinner der Chilcha ‘hinter der Kirche’ (Oberwald), Hinder der Chilchun ‘hinter der Kirche’ (Kippel) und viele andere mehr. Lateinisch wird retro ‘hinter’ verwendet, etwa in retro ecclesiam ‘hinter der Kirche’ (1594, Fiesch; 1615, Grächen; 1577 u. später, Münster; 1685, Salgesch), aber auch retro cristam ‘hinter dem Hügel’ (1333 u. später, Albinen), retro der Burg ‘hinter der Burg’ (1540, Ried-Brig), retro dem Nidern Wiere ‘hinter dem unteren Wasserlauf’ (1307, Törbel) und andere. Sie zeigen, dass eine lateinische Präposition auch mit einem deutschen Flurnamen möglich ist.

Das attributive Adjektiv wird flektiert oder unflektiert als hinder oder hinner verwendet und ist das Gegenstück zu foder / vorder. Beispiele sind etwa t Hinder Jegin ‘die hintere Jegin (Jagdgebiet, Felsbänder)’ (Blatten), am Hindren Acher ‘am hinteren Acker’ (1731, Stalden), t Hindru Bobme ‘die hinteren Böden’ (St. Niklaus), t Hindru Sunnini ‘die hinteren, kleinen sonnseitig gelegenen Grundstücke’ (Visperterminen) und komplexere wie t Hindri Burgmattuntola ‘der hintere Teil der Mulde bei der Burgmatte (Wiese bei der Burg)’ (Raron), ts Hinder Faflärdischligen ‘der hintere Teil des Gebietes mit Disteln bei der Fafleralp’ (Blatten), t Hinner Aleliimoreenu ‘die hintere Allalinmoräne’ (Saas-Almagell), der Hinner Chigletscher ‘der hintere Gletscher im Gebiet Kinn (Schlucht)’ (Randa) und viele andere mehr.

Ein superlativisches Adjektiv ist belegt in t Hinnerscht Blattschlüche ‘der hinterste Schlauch unterhalb des Gebietes Blatt (Felsplatte)’ (Münster), t Hinnerscht Bruchbärglamme ‘das hinterste steile Felstobel am Bruchberg’ (Münster), der Hinnerscht Chromme ‘die hinterste eingezäunte Alpweide’ (Mühlebach), ts Hinnerscht Stäfuti ‘der hinterste kleine Stafel’ (Binn) und andere mehr. Häufig sind hier mehrere Vorkommen, von denen eines das hinterste ist.

Auffällig sind weiter Adverbial-Konstruktionen mit zwei Richtungsangaben wie va Hinnerab ‘von hinten unten (Gebiet, das von Bratsch aus gesehen unten an einer Hinterseite liegt)’ (Bratsch, Gampel), Hinneri ‘Hinten drin’ (EK, Eggerberg), Hinnerüf ‘hinten oben (Dorfteil von Raron am Hang)’ (Raron).

Ein unklarer Beleg ist an dem Henderbesren (1320, Binn). Eine mögliche Deutung wäre ‘an dem hinteren verbesserten Grundstück’. Die Form Hender für Hinder ist sonst aber nie belegt, sodass unklar bleibt, was damit gemeint ist. Ebenfalls unklar ist der Beleg under die Hiender Balmen (1652, Zwischbergen). Vermutlich hat der Schreiber einfach ‘der hintere überhängende Fels’ gemeint; rein grafisch könnte aber auch das Nomen Hiender ‘Hühner’ gemeint sein, also ein überhängender Fels für Hühner. Das Wort selbst wird eher für Wildhühner verwendet. In Zwischbergen ist das Wort aber so nicht belegt.

VSNB, Bd. 2, Sp. 481

Vorkommen

hender

hiender (Hiendre)

hinder

hinderen

hinderm

hindern

hindren

hindri

hindron

hindru

hinn(d)ru

hinnder

hinndru

hinner

hinnere

hinnerem

hinneri

hinnerm

hinners

hinnerscht

hinnerum

hinnre

hinnri

hinter

hintere

hintern

huendren

zhündun