Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Tola

Tola f. ‘Mulde’ ist zu schwdt. Tolen f. auf natürliche oder künstliche Art entstandene Geländeform ‘Mulde, Vertiefung, Höhlung, Loch’, ‘Wassergraben, Kanal’, ahd. dola, mhd. tol(e) f. ‘Abzugsgraben, Rinne’ und wdt. Tola, Tolä (Goms), Tolu ‘Grube, Mulde, Vertiefung’, in Ortsund Flurnamen teilweise noch halbappellativisch (ID. 1675, ff. bes. 1684; GRICHTING 1998, 195; ZINSLI 1984, 587) zu stellen. Das HL kommt in knapp 300 Namen vor, wobei der Typ Bachtola allein 48 Belege beiträgt, teilweise mit Spezifikation wie Seebachtola (Embd, Visperterminen) (cf. HL TELA).

Das Simplex im Singular ist als di Tola (12 Belege), di Tole (Oberwald), di Tolu (Ergisch, Unterems), in der Tolu (Kippel, Wiler) und in mehreren historischen Belegen, z. B. jn der Tholen (1621, Visp), die Thola (1755, Simplon, auch in der Tolen) usw. belegt. JORDAN (2006, 541) hat im Register eine ganze Reihe von Tola und Tolä, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Im selteneren Plural des Simplex findet man t Tole (Reckingen), di Tole (Emdb, St. Niklaus) und di Tolä (Gampel, Leukerbad). Das Diminutiv ist im Singular als ts Toli ‘die kleine Mulde’ oder im Toli ‘in der kleinen Mulde’ neun Mal bezeugt, dazu kommt ein historischer Beleg im Tholi (1756, Betten). Der Plural des Diminutivs kommt als di Tolini ‘die kleinen Mulden’ (Saas-Balen mit drei Belegen, dazu fünf weitere Gemeinden) vor.

Attributive Adjektive zum Simplex sind: di Graawutole ‘die grauen Mulden’ (Eggerberg), di Gross Tola ‘die grosse Mulde’ (Blatten, Embd), di Grossi Tola (Bürchen), t Ober Tola ‘die obere Mulde’ (St. Niklaus), t Obere Tole ‘die oberen Mulden’ (Fieschertal), t Obru Tola ‘die obere Mulde’ (Eisten), t Pfiischter Tola ‘die finstere Mulde’ (Mund), in der Breittolen ‘in der breiten Mulde’ (1838, Eischoll), Rääftola ‘die Mulde beim Abhang’ (FLNK, Eggerberg), t Russutola ‘die Mulde beim roten Gestein (Russu für it. Rosso)’ (Zwischbergen), t Sandigu Tole ‘die Mulden mit Sand’ (Glis), Scheeni Tola ‘die schöne Mulde’ (Mund), Teifi Tolu ‘die tiefe Mulde’ (FLNK, LT St. Niklaus), t Undru Tola ‘die untere Mulde’ (Eisten), t Unner Tola ‘die untere Mulde’ (St. Niklaus), die úndre Tola ‘die untere Mulde’ (1797, Simplon) und t Unnre Tole ‘die unteren Mulden’ (Fieschertal). JORDAN (2006, 536) hat mehrere Obri Tola und (543) mehrere Undri Tola, auf die hier nicht eingegangen wird.

Vorangesetzte Genitive sind selten: ts Gärwerrutoli ‘die kleine Mulde, in der Weisser Germer (VERATRUM ALBUM) wächst’ (Randa) – ein schwacher Genitiv zu Gärwerra ‘Gebiet mit Weissem Germer’ -, ts Manuelsch Tola ‘die Mulde des Manuel (PN)’ (Baltschieder), Z'Niwweru Tola ‘die Mulde, die bei der neuen Wasserleitung liegt’ (Törbel), t Wolfstole ‘die Mulden, wo Wölfe gefangen wurden’ (Glis) (wobei hier ein Kompositum mit dem Fugenelement /s/ vorliegen kann), Zŭbers Tolla ‘die Mulde der Familie Zuber’ (1856, Eyholz).

Sehr zahlreich sind zweigliedrige Komposita mit dem HL als Grundwort. Der weitaus am häufigsten auftretende Typ ist Bachtola. Wir deuten ihn als ‘Wasserrinne’ (ID. 12, 1688, wo auch auf ID. 12, 1340 Bach-Talen verwiesen wird); er tritt auch als Bachtela (HL TELA) auf. Das Verhältnis der beiden Formen ist unklar (vgl. ID. 12, 1341 mit einer kurzen Diskussion). Zu vermuten ist, dass die Erstbetonung von Bach zur Abschwächung des zweiten Teils führte, was sekundäre Deutungen zu Tola oder Tall (Tälli, Telli) ermöglichte.

Bei den zahlreichen anderen Komposita gibt es einige mit dem Besitzer- oder Nutzernamen als Bestimmungswort wie z. B. di Geertschigtola ‘die Mulde der Familie Gertschen’ (Unterbäch) (kann allerdings auch Teil des Geertschigalpji sein), di Gsilitola ‘die Mulde des Auxilius (PN)’ (Naters), t Heichertola ‘die Mulde des Henkers (Henker als Nutzer oder Besitzer)’ (Täsch), t Joopitola ‘die Mulde des Joopi (Beiname)’ (Mund, laut Gwp. war Joopi ‘Eule’ der Beiname des Eigentümers), di Kaisertola ‘die Mulde der Familie Kaiser’ (Mund), t Sattlertola ‘die Mulde der Familie Sattler’ (Eyholz, Visp) und ts Zoffitoli ‘die Mulde der Sofie (PN)’ (Simplon).

Zumeist ist aber eine nahegelegene Siedlung oder Flur gemeint, wie z. B in Erbtola ‘die Mulde beim Erb’ (EK, Eggerberg), t Furggtola ‘die Mulde auf der Furggalpe’ (Grengiols), di Gibidumtole ‘die Mulden beim Gibidum (Böden (Kollektiv))’ (Visperterminen), Werligtola ‘die Mulde bei Ze Werligu (Dorfteil von Unterbäch)’ (FLNK, Unterbäch) und viele andere mehr.

In manchen Fällen gibt das Bestimmungswort an, was sich in der Mulde befindet: t Ameistola ‘die Mulde, in der es Ameisen hat’ (Zwischbergen), t Aarbitola ‘die Mulde bei / mit den Arven (Zirbelkiefern)’ (Simplon), t Fleschtole ‘die Mulden mit Wasserstellen’ (Naters), di Griestole ‘die Mulden mit Steingeröll’ (Grengiols), t Heitutole ‘die Mulden mit Heidelbeersträuchern’ (Visperterminen), t Hiänertola ‘die Mulde mit (Wald-)Hühnern (?)’ (Ferden), Chrüttolu ‘die Mulde mit Kraut’ (FLNK, Salgesch), t Lärchtola ‘die Mulde mit Lärchen (Föhren)’ (Mund), di Bremertola ‘die Mulde mit Himbeeren’ (St. Niklaus) und andere mehr. Ein Fall für sich ist ts Boozutoli ‘die kleine Mulde mit einem Gespenst’ (Grächen), wo nach Gwp. sich das Vieh unruhig verhielt, was wohl auf einen bösen Geist zurückzuführen sei. Unklar ist t Wolftole ‘die Mulden mit Wölfen / wo Wölfe gefangen wurden’ (Embd, Naters, St. Niklaus) – vermutlich stimmt eher die Version ‘wo Wölfe gefangen wurden’, da die Tiere selbst weit umherziehen.

Einige Bestimmungswörter beziehen sich auf die Viehhaltung: t Chalbertolini ‘die kleinen Mulden, wo die Kälber weideten’ (Grengiols), t Challbertolu ‘die Mulde für die Kälber’ (Saas-Almagell), t Chaubertola ‘die Mulde für die Kälber’ (Fieschertal), t Mästola ‘die Mulde, wo der Milchertrag der Kühe gemessen wurde’ (Blitzingen, Oberwald, ähnlich Ritzingen), t Oigschttolu ‘die Mulde, in der Mitte August Vieh gehütet wurde’ (Ergisch), Äugsttolu (LT, Oberems, FLNK Oügschttolu) ‘die Mulde, in der Mitte August Vieh gehütet wurde’, t Ottovatola ‘die Mulde bei der Abendweide’ (Bitsch) und andere mehr.

Von den übrigen zweigliedrigen Komposita sei hier nur noch die Müsigtolu ‘die Musikmulde’ (Salgesch) erwähnt, die nach MATHIER (2006, 111) die Form eines antiken Theaters hat; wörtlich heisst Müsig auch Musikgesellschaft (Blasmusik), die sich in Halbkreisform um den Dirigenten aufstellt - dies dürfte die Motivation für den Namen sein.

Mehrgliedrige Komposita sind z. B. t Achermattutolu ‘die Mulde bei den Achermattu (Wiesen bei den Äckern)’ (Bratsch), t Foodri Burgmattuntola ‘der vordere Teil der Mulde bei der Burgmatte (Wiese bei der Burg)’ (Raron), di Grechmattutolu ‘die Mulde bei der Wiese mit dem Kornspeicher’ (Guttet), di Brunegguntolu ‘die Mulde bei der Brunnegga (Ecke mit Quellen / Brunnen)’ (Hohtenn) und andere.

Mit dem HL als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita kommen folgende Grundwörter vor: Acher, Güet, Mantel, Schiir, Schleif und Weid mit insgesamt nur wenigen Belegen.

Eine Ableitung di Tollera (Visp) mit einem 1425 belegten in der Trolerron, 1470 aber in der Tollerron, 1654 jn der Thollerún könnte von der Bildung auf -ERA her eine kollektive Stellenbezeichnung (SONDEREGGER 1958, 471 ff.) sein, also ‘die Mulden; wo es viele Mulden hat’. Auf SK ist allerdings erkennbar, dass der Name ein flaches Gebiet zwischen der Eisenbahn und dem korrigierten Rotten bezeichnet; es ist aber möglich, dass hier vor der Korrektion des Flusses tatsächlich Mulden bestanden. Auch Visperterminen hat 1473 jn der Tolleron ‘am Ort mit vielen Mulden’.

VSNB, Bd. 4, Sp. 351

Vorkommen

tholen

tholi

tilen

tola

tolä

tola

tolä

tola

tolä

tola

tolä

tola

tole

tolen

toli

tolini

tollen

tollera

tolote

tolu