Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Dorf

Dorf n. ‘Dorf’ ist zu schwdt. Dorf n., Pl. Dörf(f)er bzw. -e-, Dim. Dörf(f)li, Derf(f)li, Dörffji, Derffji, Dorffji, ahd. und mhd. dorf n., wesentlich wie nhd. ‘kleinere, meist bäuerliche Siedlung; Hauptsiedlungsort mit mehreren Weilern oder mehreren einzeln stehenden Häusern, der sich wiederum in Ober- und Unterdorf, Mitteldorf, Hinterund Vorderdorf teilt’ (ID. 13, 1472) zu stellen. GRICHTING (1998, 59) notiert Doorf mit der üblichen Dehnung des Kurzvokals vor /r+Konsonant/ im Oberwallis. Zur Herkunft siehe KLUGE / SEEBOLD (252011, 212).

Das HL kommt in rund 240 Namen vor. Dabei dominiert das Simplex Dorf, häufig allerdings mit Präpositionen wie im, ob, unter dem Dorf. Der Plural ist als zwischen den Dörfern (Ferden, Steg) nur zweimal historisch belegt. Der Diminutiv im Singular ist meist Deerfji (zehn Belege), weiter Deerfli (Ferden) und beÿm Derfflin (1782, Naters). Historisch sind auch im Dörffli (1724, Bitsch), im Dörffly (1677, Steinhaus) und vnder dem Dörfli (1689, Ausserbinn und Binn) belegt.

Mit attributiven Adjektiven sind vor allem die Typen ts Ober Dorf ‘das obere Dorf’ und ts Unner Dorf ‘das untere Dorf’ belegt, die sich aber nur schwer von den Komposita ts Oberdorf und ts Unnerdorf unterscheiden lassen. Auch ts Mittel Dorf und ts Mitteldorf sind vertreten, jedoch deutlich seltener. Weitere Belege sind vnder dem Alten Dorf (1727 u. später, Betten), ts Ändruscht Dorf ‘das jenseitigste Dorf’ (Varen), Änner Dorf ‘das jenseitige Dorf’ (Naters) und Änners Deerfji (Bratsch), ts Chlein Deerfji ‘das kleine Dorf’ (Visperterminen), beim Fordren Dorfli ‘beim vorderen kleinen Dorf’ (1749, Leuk), jm Hinder Dörfflin ‘im hinteren kleinen Dorf’ (1498, Ausserbinn und zwei weitere Belege), im Indrin Dorf ‘im inneren (taleinwärts gelegenen) Dorf’ (Kippel), ts Inner Dorf ‘das innere Dorf’ (Baltschieder), ts Niw Dorf ‘das neue Dorf’ (Eischoll), im Neiwen Dorfÿ ‘im neuen kleinen Dorf’ (1756 u. später, Betten), Z Obruscht Dorf ‘das oberste Dorf’ (Leukerbad und drei weitere), z Undruscht Dorf ‘das unterste Dorf’ (Inden) und im Uistrin Dorf ‘im äusseren (talauswärts liegenden) Dorf’ (Kippel). Einen eigenständigen Typ scheint die Kombination eines Lokaladverbs mit Dorf darzustellen: Uf Dorf ‘auf (dem) Dorf’ (Naters), das historisch als vffem Dorf (1458 u. später) erscheint. Das 1516 belegte lateinischen vltra villam Narres (Naters) ist unsicher, da nicht klar ist, ob VILLA wirklich als Dorf übersetzt werden kann, und die Präp. ultra sowohl über wie jenseits heissen kann; 1719 und später ist aber Z Naters Obdorf ‘die Gegend über dem Dorf von Naters’ belegt.

Vorangestellte (alte) Genitive sind selten. unter Nanzer Dörflein (1857, Gamsen) kann zu Nanztal, aber auch zum FaN Nanzer gestellt werden. ob dem Hÿschÿer Dorff (1728, Bürchen) ist wohl als ‘ob dem Dorf der Leute von Ze Hischre (Zenhäusern)’ zu lesen.

Bei den zweigliedrigen Komposita mit dem HL als Grundwort fällt der Typ Niderdorf ‘das Niederdorf’ (sechs Belege auf); er ist das Gegenstück zum schon erwähnten Oberdorf. Ein zweiter Typ verbindet einen Siedlungsnamen mit Dorf: ts (e)Rieddorf ‘das Ried-Dorf’ (Turtmann), Änggärsch Dorf ‘das Dorf Engersch’ (Bratsch), under dem Breÿen Dorf ‘unter dem Dorf Breien’ (1803, Eischoll), ts Eischtdorf ‘das Dorf Eisten (Teil von Blatten)’ (Blatten), ob dem Gerber Dorf ‘oberhalb des Dorfes Ze Gäärwerru’ (1685, Bürchen), ts Ladundorf ‘das Dorf Laden’ (Hohtenn), ts Pfideerfji ‘das kleine Dorf Pfyn’ (Leuk), Rufinu Deerfji ‘das kleine Dorf Rufinu (Rutschgebiet)’ (Unterbäch), das Sedeldörflein ‘das kleine Dorf Sädel (Weiler oberhalb Ausserberg)’ (Ausserberg), Steideerfji ‘das kleine Dorf Stein (unterhalb von St. German)’ (Raron), Turtigdorf ‘das Dorf Turtig (Raron)’ (Raron). Auch komplexere Bildungen sind möglich, wie ts Ober und ts Unner Geeredorf ‘das untere und das obere Dorf Geren’ (Oberwald) zeigt.

Naheliegende andere Fluren sind in ts Chummudeerfji ‘das kleine Dorf bei der Chumma (Mulde)’ (Raron) belegt, es handelt sich um eine Kleinsiedlung im Bereich der Rarnerchumme. Lärchedorfji ‘das kleine Dorf bei den Lärchen’ (FLNK, Ernen) meint eine Siedlung beim Gebiet Lärch, das sonst nur historisch (ab 1469) belegt ist. im Stadeldorf (Ferden) meint den Dorfteil von Ferden mit Stadeln. Schwieriger ist ts Trogdorf (Ausserberg), die Hauptsiedlung von Ausserberg; es ist unklar, ob hier ein Trog (Brunnen) stand, oder ob eine Geländeform (wie ein Trog, eine Mulde) gemeint ist. ts Steideerfji ‘das kleine Stein-Dorf’ liegt unterhalb St. German im Gebiet zum Stei. Die komplexeren Ober und Unner Chummudeerfji (Raron) befinden sich bei der Siedlung Z Chummu unterhalb St. German.

Einen Sonderfall stellt Feriendorf Fiesch (Fiesch) dar, das eine Freizeit- und Sportsiedlung aus dem 20. Jahrhundert bei Fiesch benennt.

Als Bestimmungswort ist das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern verbunden: Acher, Allmei, Bach, Blatta, Brigga, Halm, Hüs, Löuwina, March, Matta, Platz, Rüüs, Schnitta, Suon, Tossu, Tschugge und Wald. Dazu kommen Komposita mit Wasserleita ‘Wasserleitung’ und weitere komplexe Bildungen wie Dorftossuchrachu ‘der Chrache (Tobel) beim Dorftossu (hervorstehender Fels oberhalb des Dorfes St. Niklaus)’ (St. Niklaus), im Wüller Kin Dörfflin ‘im kleinen Dorf beim Wiler Kinn (Schlucht)’ (1693, Wiler) der Gmein Dorff Russ ‘die Wasserleitung vom / zum Dorf, die der Gemeinde gehört’ (1725, Leuk) und andere.

Eine Ableitung auf /-ERI/ (für Wasserleitungen) findet sich in Dorferi ‘die Wasserleitung vom / zum Dorf’ (Bellwald), eine Diminutivbildung dazu ist das Dorferlin ‘die kleine Wasserleitung vom / zum Dorf’ (1770, Naters). Ein Ableitung auf /-ERA/ (für Wasserleitungen) ist in Dorfera ‘die Wasserleitung vom / zum Dorf’ (FLNK, Ernen; 1792 ob der Dorffern) belegt.

VSNB, Bd. 2, Sp. 26

Vorkommen

deerffi

deerffji

deerfji

deerfli

derfflin

derfji

derfli

dorf

dorfera

dorferi

dorferlin

dörfern

dorff

dorffji

dörffli

dörfflin

dörffly

dorfji

dörflein

dörfli

dorfli

dörfli