Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Lischa

Lischa f. ‘Schilf, Riedgras; sumpfiger Boden’ ist zu schwdt. Līsch, Liesch n. f., wdt. Lischa, Lischä (Goms), Lischu f. ‘Schilf, Riedgras; geringeres, gröberes, auf nassem Boden wachsendes Gras, als Futter für Pferde und Schafe, bes. bei Futtermangel, benützt; langes, über Felsabhänge herunterhängendes Gras; langes Waldgras zu Streue; kurzes, dichtes Riedgras zur Streue und Füllung von Betten verwendet; Segge; Binse; Schilfrohr; sumpfiges, mit Līsch bewachsenes Grundstück, Moor’, ahd. lisca, mhd. lische (ID. 3, 1459; GRICHTING 1998, 128) zu stellen. Das HL wird auf ein vorromanisches *lisca zurückgeführt (FEW 5, 372, JUD 1945/46, 60), das sich auch im Namengut der Westschweiz wiederfindet (BOSSARD / CHAVAN 2006, 73 s. v. Lèches).

Das HL ist in rund 100 Namen belegt. Das Simplex tritt im Singular als Lischa (zwölf Belege), im Plural als Lische (zwölf Belege), im Obliquus inn Lischun ‘im sumpfigen Boden mit Riedgras’ (Blatten) und historisch als Lischen (1684, Fieschertal; 1752, Zwischbergen) auf. Gemeint sein kann in beiden Fällen entweder der sumpfige Boden, auf dem Riedgras oder Schilf wächst, oder diese Pflanzen selbst, die auf feuchten Böden wachsen. Dass Lische ‘Riedgras’ als Futter (vor allem für Pferde und Schafe) beliebt waren, führt RÜBEL (1950, 69) aus.

Mit attributiven Adjektiven erscheinen: t Foder Lischa ‘der vordere Teil des sumpfigen Bodens mit Riedgras’ (Fiesch), die Gross Lischa ‘der grosse, sumpfige Boden mit Riedgras’ (Kippel; 1832, Geschinen), die Heylische ‘der hohe sumpfige Boden mit Riedgras’ (1681, Blitzingen), t Hinner Lischa ‘der hintere Teil des sumpfigen Bodens mit Riedgras’ (Fiesch; 1707, Lax), t Indru Lische ‘die inneren (taleinwärts liegenden) sumpfigen Böden mit Riedgras’ (Törbel), in den Lengen Lischen ‘bei den langen sumpfigen Böden mit Riedgras’ (1778, Ulrichen), in den Obren Lÿschen ‘in den oberen sumpfigen Böden mit Riedgras’ (1537, Fiesch), die Vierschretzÿs Lischa ‘der viereckige sumpfige Boden mit Riedgras’ (1788, Ulrichen), Vodru Lische ‘die vorderen (talauswärts liegenden) sumpfigen Böden mit Riedgras’ (Törbel).

Als Grundwort erscheint das HL in zweigliedrigen Komposita. Im Bestimmungswort werden Nutzer oder Besitzer erwähnt: die Gerber Lischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras der Familie Gerber / des Gerbers’ (1803, Ernen), die Hensli Lischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras des Hensli (im Gebiet Hänzli)’ (1740, Ulrichen), die Murman Lischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras der Familie Murmann’ (1803, Ernen), die Schiner Lÿscha ‘der sumpfige Boden mit Riedgras der Familie Schiner’ (1697, Ulrichen), das Úrselenlischÿ ‘der kleine sumpfige Boden mit Riedgras der Ursula’ (1806, Ulrichen; unsicher). Wohl nur eine Lageangabe ist in Ulricher Lische ‘der zu Ulrichen gehörende Boden mit Riedgras’ (1830, Ulrichen) zu sehen.

Eine zweite Gruppe gibt an, wo sich die Lischa befindet: t Eggerlische ‘die sumpfigen Böden mit Riedgras bei der Egga (Weiler)’ (Naters), t Kappelelische ‘der sumpfige Boden mit Riedgras bei der Kapelle’ (Ulrichen, auch FLNK), t Moserlische ‘die sumpfigen Böden mit Riedgras beim Weiler Moss’ (Naters), die Melbaúmlischa ‘der sumpfige Boden mit Riegras beim Weiler Mälbböum’ (1764, Naters), Sannt Jodren Lüschenn ‘der sumpfige Boden mit Riedgras beim Hl. Theodul’ (1602, Geschinen) (nach PH. KALBERMATTER (p. c.) wurde um 1446 hier eine Kapelle des Hl. Theodul erwähnt), t Seelische ‘der sumpfige Boden mit Riedgras beim See (in der Rottenebene)’ (Oberwald).

Nur vereinzelt sind die Tiere erwähnt, denen die Lische verfüttert wurde: t Schaaflischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras für die Schafe’ (Binn) oder der Zweck des Riedgrases: t Füeterlische ‘der sumpfige Boden mit Riedgras, das als Futter diente’ (Ulrichen).

In mehreren Fällen wird eine benachbarte Flur angegeben: die Graben Lischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras beim Graben’ (1832, Geschinen), in der Hammerlischa ‘im sumpfigen Boden mit Riedgras beim Hammer (werk?)’ (1832, Geschinen), jm Hofflischi ‘im kleinen sumpfigen Boden mit Riedgras beim Hof’ (1671 u. später, Ulrichen), in den Knúbellischen ‘in den sumpfigen Böden mit Riedgras im hügeligen Gebiet’ (1789, Naters), t Chrapflischa ‘der sumpfige Boden mit Riedgras bei den Krapfen (Felszacken)’ (Naters) und einige weitere.

Auch komplexere Bildungen sind vertreten, so di Brundmadlischä ‘die sumpfigen Böden bei der Brunnmatta’ (Blatten) Schratwasserlischa ‘der sumpfige Boden beim Schrattwasser’ (1824, Ulrichen) und die Gross Hofflischa ‘der grosse sumpfige Boden mit Riedgras beim Hof’ (1603, Münster).

Selten tritt Lischa als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita auf; die Grundwörter sind Acher, Biel, Bodu, Bord, Chnubel, Gassa, Haalta, Hitta, Schleif, Wald und Weid.

Komplexer ist das Trio der Obroscht Lischbodo ‘der oberste sumpfige Boden mit Riedgras’, der Mittloscht Lischbodo ‘der mittleste sumpfige Boden mit Riedgras’ und der Undroscht Lischbodo ‘der unterste sumpfige Boden mit Riedgras’ (alle Törbel).

Mehrere Ableitungen zu Lischa sind belegt; die erste (nach SONDEREGGER 1958, 471 f.) ist /-ERA/, im Plural /-ERE/ in t Lischere ‘das Gebiet mit viel Riedgras’ (Turtmann), wobei in Agarn 1758 in dú Lischerú ‘am Ort mit viel Riedgras’ belegt ist, während 1407 de Leschiery steht, also die romanische Form; ob es sich um eine Übersetzungspaar handelt, oder einfach eine Anpassung an das Deutsche, sei dahingestellt. In Gampel ist eine andere Ableitung belegt: t Lischernu ‘das Gebiet mit viel Riedgras’, das 1305 Lissera genannt wird; hier wird das Suffix /-ERNA/ (Ort, wo es viele Pflanzen des Typs hat, der im Nomen erwähnt wird) verwendet (das von SONDEREGGER 1958 nicht erwähnt wird).

Ein Adjektiv scheint in der Lÿchin Acher ‘der Acker mit sumpfigem Boden’ (1548, Eggerberg) vorzuliegen. Lischi ist aber auch Diminutiv und Ausgangspunkt für die Formen in den Lischÿnen ‘in den kleinen sumpfigen Böden mit Riedgras’ (1834, Ergisch) und Lischiner ‘das Gebiet mit sumpfigem Boden mit Riedgras’ (1769, Raron), sowie t Lischinerru ‘das Gebiet mit kleinen sumpfigen Böden mit Riedgras’ (Hohtenn); das Suffix ist hier /-ERRA/- ERRU/ (wie oben /-ERA/). In den Ableitungen auf (-ERA/ und /-ERNA/ sind wohl die Pflanzen gemeint, von denen es dort viele hat, und nicht so sehr der sumpfige Boden.

VSNB, Bd. 3, Sp. 114

Vorkommen

liischo

liischu

lisch

lischä

lischa

lischä

lischa

lischär

lischärrä

lische

lischen

lischer

lischere

lischernu

lischeru

lischin

lischinen

lischiner

lischinerru

lischlj

lischu

lischun

lischy

lisserrun

lyscher