Chäschera
Chäschera f., auch Chäscherna f. ist ein mehrfach bezeugtes HL, dessen genaue Form und Herkunft umstritten sind. Die historischen Quellen übersetzen damit den Ausdruck casicula, z. B. vnam casiculam seu kesaron (1390, Naters) oder casiculam seu kescharon (1391, Mund); der Wechsel von /ss/ und /sch/ in den Quellen kann auch sonst beobachtet werden. casicula selbst ist in Latein-Wörterbüchern nicht belegt, muss aber ein Diminutiv zu casa ‘Haus’ sein. Das erhellt auch aus folgender Stelle: casiculam cui dicitur Michols Hitta (1550, Oberwald). ID. kennt Cäscherne(n), im Lötschental Chescherne(n) ‘ärmlich gebautes oder im Verfall begriffenes grösseres Haus; grosse, alte Bauernstube; Alpenhäuschen’ (ID. 3, 531). ID. deutet die Form als Mischung aus Gäschi und Kaserne, was nicht überzeugt. JACCARD (1906, 86) führt Chéserex und weitere Namen auf spätlat. CĀSĀRIA, als Ableitung zu CASA ‘Haus’ zurück. BENB (1, 2, 429 f.) verweist für Chäsere ‘Ort, wo Käserei getrieben wird’ (nach ID. 3, 513) auf JACCARD, hält aber die Herleitung von HUBSCHMIED (1938a, 722) aus spätlat. CĀSEĀRIA ‘Käserei’ für begründeter; ähnlich auch URNB (2, 407). Sowohl ID., wie BENB und URNB gehen davon aus, dass Chäseren etwas mit Käse-Herstellung zu tun hat. Dagegen sprechen die Namen vom Typ Chäschera in dreifacher Hinsicht: Die Übersetzungen enthalten das Wort Hütte, das Wort für Käse ist im Walliserdeutschen nie als Chääsch oder Cheesch belegt, und im Lötschental, für das KALBERMATTEN / KALBERMATTEN (1997, 92 f.) Chäschärra f. ‘Alter Begriff für eine Alphütte, in der gekäst wurde’ angeben, ist das Wort für Käse nur als Chees belegt (SDS 1,74, WS 6 u. WS 7). Der lautliche Zusammenfall der ersten Silbe von lat. CĀSA ‘Haus’ und lat. CĀSEUS ‘Käse’ führte dazu, in Chäsere und Chäschera das Wort für ‘Käserei’ zu finden, während wohl in beiden Fällen eine (Alp-)Hütte gemeint war. Der zu /ch/ verschobene Anlaut deutet darauf hin, dass das HL schon vor der alemannischen Besiedlung des Oberwallis in die Bergdialekte übernommen worden war und die Verschiebung von /k/ zu /ch/ mitgemacht hat, die üblicherweise zwischen 650 und 750 n. Chr. angesetzt wird. Im Übrigen ist im heutigen Walliserdeutschen das Wort für einen Ort, wo Käse gemacht oder verkauft wird, Sennerī, Sännärī ‘Sennerei’ (GRICHTING 1998, 188), was jedoch nur ein Hilfsargument ist. Aus lautlichen Gründen ordnen wir dem HL KÄSCHERA nur jene Belege bei, in denen ein /sch/ zu finden ist; während Belege mit /s/ vom Typ Chäsera sich unter Chääs / Chees befinden.
Zum Nomen Chäschera kann eine Rückbildung Chäscher und dazu Chäschi als /I/-Ableitung zum rekonstruierten Stamm Chäsch- (wie Achi zu Acher) vorkommen. Ob dabei das wdt. Verb chäsche ‘zerkauen (lautstark), knabbern, reden (undeutlich)’ (ID. 3, 578 s. v. chätschen; GRICHTING 1998, 47 mit mehreren Varianten) beigezogen werden kann, ist unsicher; inhaltlich gehört es wohl nicht hieher.
Chäschera ist als Simplex 1540 in Naters als für den Käscheren ‘vor den Käschern’ belegt. In Betten ist 1624 zur vollen Käschern / zur follen Käscheren bezeugt. Hier sind sowohl das HL FOLLA ‘Trichter, Sieb’ wie das HL KÄSCHER unklar; es könnte sich auch um das Nomen Folen ‘Beschäler (Zuchthengst)’ (ID. 1, 785) handeln. Die Belege aus Blatten in der Kesseren (1669), in der Kescheren (1682) und Kessera (1668) gehören wohl ebenfalls zu diesem Typ, genau so wie t Chäscherna (Zwischbergen), wozu 1673 die Kescheren und 1680 Kescherer überliefert sind; vermutlich gehört auch Schecherna (1652) hieher. In Niederwald findet sich 1503 zun Kesserlÿ, 1725 oberhalb der Kescheren, 1725 Wasserfurt Keschern, wobei es sich im letzten Fall wohl um eine Wasserleitung handelt. t Käscherne, van de Chäschernu (Simplon) ist ein Plural der Ableitung auf /-ERNA/. JORDAN (2006, 114 u. 206) kennt Çhäschärna (Simplon, Zwischbergen), die eine auf Rossboden, die andere auf Alpjen. Historisch ist in Oberwald 1489 Zer Kescherron ‘bei der Alphütte’ belegt.
Das Simplex Chäschi n. ist im Plural t Chäschini (Ried-Brig, Visperterminen) belegt, dazu gehört auch das Kompositum der Chäschigrabo (Visperterminen). In Visperterminen gehören zum Simplex eine Reihe von historischen Belegen, nämlich an den Käscherlinen (1620), zen Kesserlinen (1635, 1661, 1669), zen Kascherlinen (1640) und zen Käscherlinen (1700), die das HL KÄSCHER und eine Diminutivableitung im Dativ Plural zeigen. Wenn die Zuordnung stimmt, wäre Chäschini eine Rückbildung aus Chäscherlini.
In zwei Fällen kommt ein attributives Adjektiv zum HL hinzu: zer Hoo Kescheren ‘bei der hohen Alphütte’ (1657, Ergisch) und Ho Kescharon ‘die hohe Alphütte’ (1388 u. später, Mund; wird als Alternativname zu Honalpe verwendet).
Als Grundwort eines zweigliedrigen Kompositums ist das HL nur in zen Leechäschärrun ‘bei den Alpenhütten im Lehn’ (Blatten) belegt.
Häufiger ist das HL als Bestimmungswort erwähnt, wobei die Form Käscher / Chäscher fast ausnahmslos vorkommt; nur einmal ist der Chäschigrabo (Visperterminen) belegt. Die übrigen Grundwörter sind: Brunnu, Egg(a), Gassa, Matta, und Statt, wobei t Chäschärstatt (Ferden) wohl zum Typ Chäserstatt ‘der Ort, wo Käse gemacht oder gelagert wird’ zu stellen ist (cf. HL CHÄÄS – CHEES).
Komplexere Konstruktionen sind Käscherwasserleita ‘Wasserleitung von der / zu der Alphütte’ (1839, Bellwald), Keschermatten Wald ‘der Wald bei der Keschermatte (Wiese mit einer Hütte)’ (1734, St. Niklaus) und vnder dem Schwartzen Kescher Trogg ‘unter dem Trog bei der schwarzen Hütte’ (1692, Filet).
Einen Spezialfall stellt ts Chäscherli (Ergisch) dar, das laut Register auch Kescherweid heisst. Der älteste Beleg aus dem 13. Jh. hat lo chisera. 1328 steht lo cheserel und im gleichen Jahr lo chesery, resp. ol chesery. Sofern die Zuordnung stimmt, ist das heutige Chäscherli eine Verdeutschung eines romanischen Typs Chisera / Cheserel / Chesery, Formen, die laut JACCARD (1906, 86) zu spätlat. CĀSĀRIA ‘ärmliches Haus, Hütte’ zu stellen sind; dagegen haben BOSSARD / CHAVAN (2006, 233) den Hinweis auf lat. CASERIA ‘Ort, wo man Käse macht’. Zu erwähnen ist, dass caseria in den historischen Quellen für Mund 1569 belegt ist. Dort heisst es dimidiam caseriam, aber es bleibt unsicher, ob nicht doch einfach eine Alphütte gemeint ist.
VSNB, Bd. 1, Sp. 331
Vorkommen
chäschär
- Chäschäregga Blatten
- Chäschärmattä Blatten
- Chäschärmattä Wiler
- Chäschärmattuschiirä Blatten
- Chäschärstatt Ferden
chäschärra
- Chäschärra Blatten
chäschärrun
- Leechäschärrun Blatten
chäscher
- Chäschermatbrunnu Grächen
- Chäschermatte St. Niklaus
- Chäschermatwald Grächen
chäscherli
- Chäscherli Ergisch
chäscherlini
- Chäscherlini Randa
chäscherna
- Chäscherna Zwischbergen
chäschi
- Chäschigrabo Visperterminen
chäschini
käscher
- Käschermatta Simplon
- Käschermatte Grächen
- Käscherwasserleite Bellwald
käscheren
- Käscheren Naters
käscherlinen
- Käscherlinen Glis
käschern
- Follen Käschern Betten
käscherne
- Käscherne Simplon
kescharon
- Hokescharon Mund
kescher
- Kescher Brunnu Filet
- Keschergassa Simplon
- Keschermatte Embd
- Keschermatten Wald St. Niklaus
- Schwarzen Kescher Trog Filet
keschern
- Keschern Niederwald
kescherren
- Hoo Kescherren Ergisch
kescherron
- Kescherron Oberwald