Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Ture

Ture ‘Turm’ ist zu Schwdt. Turn, Turm im Wallis Turo m., Pl. Turna, Dim. Turli, ahd. turra, turri, mhd. turn, wesentlich wie nhd. ‘Turm’, entlehnt aus lat. TURRIS f. zu stellen. In FlN hat es meistens die Bedeutung ‘Fels (wand), -kopf, -vorsprung’ (ID. 13, 1646 ff.; ZINSLI 1984, 588). Die wdt. Form Ture, Turä (Goms), Tura (Zermatt), Turo (Schattenberge), Turm (Lötschtal), Turu ‘Turm’ ist bei GRICHTING (1998, 201) auch mit anderen Bedeutungen genannt. Das Lemma kommt in rund 180 Namen vor. Die Lautentwicklung von -rm, resp. -rn, zu -re(n) ist schon in den ältesten Belegen wie zem Turen (1396, Wiler) greifbar. In einigen Belegen sind FaN wie vom Turm gemeint (cf. HL TURM (FAN)).

Das Simplex im Singular Ture (auch Turu, Turen und Turro) ist in rund 30 Fällen belegt, manchmal mit Präpositionen z. B. ufem Ture ‘auf dem Turm’ (Oberwald). Das Simplex im Plural kommt nur sehr selten vor, z. B. vff den Thúrren ‘auf den Türmen’ (1520, Ried-Mörel). Diminutive im Singular sind ts Turri (Naters), beÿ dem Túrrili (1723, Naters), ts Turtschi (Binn, Grengiols), ts Turitschi (Oberwald), Turilji (Albinen), im Túrilli (1757, Simplon), zem Túrli (1306 Törbel, kann allerdings auch zum Lemma Tiri ‘Türe’ gestellt werden), zem Túrlin (1462, Mund, ebenfalls möglich zu Tiri ‘Türe’), zem Turline (1309, Ausserberg). Diminutive im Plural sind selten: zen Turlinen (1300, Törbel, möglicherweise auch zu Tiri ‘Türe’), Turlini (Bratsch), di Turilljini (Leuk), tse Turrlinu (Stalden).

Eine Ableitung auf -A weist der Beleg in dr Turrlinu (Ferden) auf; die Grundform ist wohl Turrlina ‘die Alpe mit Türmen’.

Mit attributivem Adjektiv zum Bezugswort Ture finden sich vier Belege vom Typ bim Füüle Ture ‘beim faulen Turm (Felsturm mit faulem Gestein)’ (Binn, Fiesch, Grengiols, Martisberg), ebenfalls vier Belege vom Typ der Hoture ‘der hohe Turm’ (Binn, Geschinen, Ried-Brig, Ulrichen), mehrere Belege vom Typ der Rot Ture ‘der rote Turm’ (Bellwald, Blitzingen, Kippel, Zermatt und 1823 in Betten), einmal mit Plural t Rote Turna ‘die roten Türme’ (Fieschertal). Zweimal belegt ist der Spitz Turu ‘der spitze Turm’ (Greich, Reckingen). Weitere Adjektive sind Alt, Breit, Gmein, Gross, Inner, Schwarz / Schwerz, Üsser, Wiiss und das Numerale Füf Turna ‘fünf Türme’ (Baltschieder). Unklar ist der Meer Ture ‘der grosse Turm’ (Ritzingen), wohl zum selten gebrauchten Adjektiv meer ‘gross, erwachsen’ (cf. HL MEER).

Vorangestellte Namen von Besitzern oder Nutzern (meist im Genitiv) sind enthalten in bei Bertschen Thurele ‘beim kleinen Turm des Bäärtsch / der Familie Bäärtschi’ (1765, Turtmann), Della-Bianca Turli ‘der kleine Turm der Familie Della-Bianca (Visp), unter Eggels Turillin ‘unter dem kleinen Turm der Familie Eggel’ (1770, Naters), der Grengjerturu ‘der (Fels-)Turm am Weg nach Grengiols’ (Betten), t Heinziturna ‘die Türme der Familie Heinzi (Übername)’ (Blitzingen), Helbolden Torren ‘der Tum des Heilbold’ (1485, Steinhaus), bei dem Juncker Turen ‘beim Turm des Junkers’ (1666, Naters; unklar, ob PN oder Flurname), Rotigo Duren ‘der Turm der Familie Roten / der Leute des Roten’ (1540, Embd), in turri Schalbettero ‘beim Turm (lateinisch, deswegen vorangestellt) der Familie Schalbetter’ (1661, St. Niklaus), auf dem Seligi Turren ‘auf dem Turm der Familie Selig’ (1770, Goppisberg) und der Stockalperturu ‘der Turm, der von K. Stockalper (1601–1690) ausgebaut wurde’ (Simplon). Etwas seltsamer ist der Goggwärgiture ‘der Zwergenturm’ (Fiesch), der je nach Lesart als von Zwergen bewohnt oder von ihnen erbaut zu verstehen ist.

Zweigliedrige Komposita mit Ture als Grundwort sind häufig. Meistens ist eine Flur in der Umgebung gemeint wie t Brunnturna ‘die Türme bei den Quellen / Brunnen’ (Blitzingen) oder der Dischtelturu ‘der Turm auf der Alpe Distel’ (Ulrichen); diese Namen können hier nicht aufgelistet werden. Seltener sind Namen von Tierarten, die dort weiden, wie t Geisturna ‘die Türme für die Ziegen’ (Blitzingen), t Chieture ‘die Türme für die Kühe’ (Fieschertal), t Rinnerturna ‘die Türme der Rinder’ (Fieschertal) (unterschieden werden die Vordere und die Hinnere). Nicht als Weidetiere, sondern eher als Bewohner sind die Tiere in der Fuggsture ‘der Turm mit Fuchshöhlen’ (Grengiols) und t Fuggsturna ‘die Türme mit Fuchshöhlen’ zu verstehen. Ziemlich unklar dagegen ist der mehrfach belegte Vogelture ‘der Vogelturm’ (Grengiols, Oberwald). GREGOR ZENHÄUSERN (p. c.) macht darauf aufmerksam, dass im Vogelture mehrfach von den Stockalper aus Grengiols verwendet wurde (siehe auch Register der HRBS s. v. Vogelture); das gilt auch für den Beleg Johannes Stockalper ihm Vogelthurren (1634, Zwischbergen); gemeint ist hier wohl ein Wohnort. Ein Pflanzenname scheint in den Belegen der Holderturro (1423, Mörel), der Holder Thuren (1563, Ried-Mörel) und der Hollerturu ‘der Turm mit Holunderstauden’ (Greich) vorzuliegen; es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich in allen drei Belegen um den gleichen Ort handelt.

Einen sicheren Beleg für eine metaphorische Verwendung zeigt der Leffilture ‘der löffelartige Felsturm’ (Fieschertal). Auf eine frühere Verwendung als Gefängnis deutet wohl der Schälmuturu ‘der Schelmenturm’ für das alte Bischofsschloss in Leuk. Die genauere Deutung von der Schiisseture ‘der schmutzige Turm’ (Blitzingen) ist schwierig.

Komplexere Konstruktionen wie Rarenfeldthŭrli ‘der kleine Turm im Rarner Feld’ (Raron) oder ine Obre Brunnturne ‘in den oberen Türmen mit Quellen / Brunnen’ (Obergesteln) sind möglich, aber selten.

Als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita ist das HL TURE mit folgenden Hauptlemmata verbunden: Acher, Bach, Bärg, Bode, Grabe, Hitta, Läger, Matta, Schleif, Stafel, Wang, Wäg und Weid. Ein mehrdeutiger Beleg ist dr Turnärstuck ‘das Stück Land, das aussieht wie ein Turner (Drehbalken in der Küche einer Alphütte)’ (Wiler), wo vermutlich nicht Ture ‘Turm’, sondern Turner ‘Drehbalken in der Küche einer Alphütte’ vorliegt. Hingegen liegt bei der Turnerschleif (Binn) wohl Ture ‘Turm’ vor: ‘der Schleif bei einem (Fels-)Turm’. Einige Belege enthalten wohl lat. TURRIS, so etwa ad Turrin ‘beim Turm’ (1453, 1537 Leuk), wohl mit lat. TURRIM, ohne dass klar ist, ob ein romanischer oder deutscher Name vorliegt.

VSNB, Bd. 4, Sp. 436

Vorkommen

duren

ter

thurele

thurm

thurn

thurren

tuer

ture

tureli

turelli

turen

turi

turilji

turiljini

turilli

turillin

turim

turitschi

turli

turlin

turline

turlinen

turlini

turm

turma

turn

turna

turne

turner

turo

turren

turri

turrili

turrli

turrlinu

turrne

turro

turrtschi

turtschi

turu