Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Gletscher

Gletscher ist zu schwdt. Gletscher, wdt. Gletscher, Glätschär m. ‘Gletscher, Eis, Eisfläche’, aus lat. *GLACIĀRIUM, Weiterbildung zu lat. GLACIES ‘Eis’ (ID. 2, 65 f.; BENB 1, 2, 65 f.; URNB 1, 1306; GRICHTING 1998, 95) zu stellen. Der Orts- und Flurname Gletsch ist wohl eine Rückbildung aus Gletscher und nicht direkt aus lat. GLACIES abzuleiten. Das Lemma kommt in rund 280 Namen vor.

Rückgebildetes Gletsch ist belegt für Oberwald (Verzweigung von Furka- und Grimselstrasse, alte Bahnstation und Hotel) und der Gletschbode (Oberwald), historisch als alpem an Gletschmattun / an Gletzmattun (1394, Oberwald), Vndergletz (1388 u. später, Oberwald), ze Vnderglecz (1480, Obergesteln), Ober vndt Nider Gletsch (1580, Oberwald), Vndergletsch (1543, Ritzingen) und Gletsch Alpen (1803, Gluringen). Die historischen Belege zeigen, dass Gletsch ursprünglich eine Alpe war, die erst später durch den Bau eines Hotels zu einer saisonalen Siedlung wurde.

Gletscher ist als Simplex der Gletscher (Betten, Ried-Mörel) für den Grossen Aletschgletscher und historisch als Alpname Gletscher (1531 u. später, Blatten) für die heutige Gletscheralp (Blatten) belegt.

Eine attributive Partizipbildung liegt mit dem Typ der Hangend Gletscher ‘der steil abfallende Gletscher’ (Saas-Almagell, Selkingen, Wiler) vor; zu hangend vgl. ID. (2, 1441 f.) und HL HANGEND. Erweitert ist belegt: das Hangende Gletscher Joch ‘das Joch beim Hangenden Gletscher’ (Saas-Almagell). Ein attributives Adjektiv findet sich in der Schmal Gletscher ‘der schmale, kleine Gletscher’ (Randa).

Weitaus die meisten Fälle sind mehrgliedrige Komposita mit Gletscher als Grundwort. Die Bestimmungswörter benennen Gipfel (z. B. Balfringletscher (Eisten, Saas-Balen)), entspringende Flüsse und Bäche (z. B. Gamsugletscher ‘der Gletscher, aus dem die Gamsa entspringt’ (Visperterminen)), Täler (z. B. der Inder Talgletscher ‘der Gletscher beim inneren (taleinwärts liegenden) Tal’ (Blatten), Alpen (z. B. Aletschgletscher (Bitsch, Ried-Mörel)), Siedlungen (z. B. der Feegletscher (Saas-Fee)), Grenzen (z. B. der Grenzgletscher (Zermatt)), Farben (z. B. der Schwarzgletscher (Leukerbad)), Personen (z. B. der Stüdergletscher ‘der Studergletscher’ (indirekt über das Studerhorn, nach einem Berner Geologen Studer (WERLEN 2008, 580) (Bellwald, Fieschertal)) und andere mehr. Die Bestimmungswörter können dabei mehrgliedrig sein, sodass Namen wie der Steghorugletscher ‘der Gletscher unter dem Steghorn’ (Leukerbad), der Holzzigjigletschter ‘der Gletscher beim Holzzigji’ (St. Niklaus) und viele andere entstehen. Bei der Namengebung ist nicht immer klar, woher der Name stammt – so liegt etwa der Schwarzbärggletscher (Saas-Almagell) unter dem Schwarzbärghoru (Saas-Almagell), das aber seinerseits nach der Alpe der Schwarz Bärg (Saas-Almagell) benannt ist, um die herum weitere Namen mit Schwarzbärg liegen.

Nur dreimal kommt der Diminutiv Gletscherli vor in ts Fallgletscherli ‘der kleine Gletscher, wo die Fall-Löübina losbricht’ (Saas-Fee), Schmalgletscherli (Randa, nur FLNK, sonst der Schmal Gletscher) und ts Wannegletscherli ‘der kleine Gletscher beim Kleinen Wannenhorn’ (Fieschertal).

Seltener sind Komposita mit Gletscher als Bestimmungswort. Ein Namennest findet sich in Blatten, wo neben dem schon erwähnten Simplex Gletscher auch Gletscheralp, Gletschärfluä, Gletschärgrund, Gletschärspitza, Gletschärstafel, Gletschärtor (heute ist das Gletschertor deutlich weiter oben), Gletschärtossen und Gletschärweng belegt sind. An andern Orten kommen die Grundwörter Alpa, Bahn (Seilbahn), Blick (Aussichtspunkt auf den Aletschgletscher), Bodu, Cheer, Grotte, Gufer, Hooru, Hubel, Joch, Matta, Saass, See, Stuba (heute Restaurant beim Märjelensee), Sturz, Uowand, Wasser (Bach) und Wang vor. Eine Besonderheit ist der Gletscherlehrpfad (Saas-Fee) bei der Gletschergrotta (heute Restaurant, Saas-Fee). Besonders auffällig ist der Gletscherhoregletscher ‘der Gletscher beim Gletscherhorn’ (Fieschertal).

Komplexere Bildungen sind möglich, wie z. B. Griesgletscherpass ‘der Pass beim Griessgletscher’ (Reckingen).

Eine Ableitung auf -(ER)NA ist belegt in di Gletscherna (Simplon) mit der Beschreibung „wurde einst vom „Homattugletscher“ überschwemmt“. Das Suffix wird normalerweise für Kollektive verwendet; hier dürfte es etwa ‘von Gletscherstücken versaart’ heissen.

Einige der Gletschernamen bezeichnen Stellen, wo heute auf den Karten und Luftaufnahmen nur noch Moränen zu erkennen sind; hier wirkt sich der Rückzug der Gletscher in den letzten fünfzig Jahren auch auf die Namenkunde aus.

VSNB, Bd. 2, Sp. 302

Vorkommen

glechere

gletsch

gletschär

gletschen

gletscher

gletscherli

gletscherna