Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Schluocht

Schluocht ‘Schlucht, Geländeeinbuchtung’ ist zu schwdt. Schluecht, Schlüecht, Schliecht f., Pl. -e(n), Dim. Schluechtji, Schlüechti ‘Schlucht; (längliche, wasserlose, unter Umständen sehr tiefe) Einsenkung, Wanne in einer Wiese, Weide’, mhd. wassersluoht f. ‘Wassergraben’ (ID. 9, 81 ff.), wdt. Schlüecht, Schluächt (Lötschental), Schlüocht, Schlucht ‘Schlucht’ (GRICHTING 1998, 173) zu stellen. In den Deutungen wird ‘Geländeeinbuchtung’ als allgemeiner Terminus verwendet, da das hdt. ‘Schlucht’ heute stärker eingeschränkt ist auf tiefe Felsschluchten, die sonst eher Chi n. oder Lamm f. heissen; in einigen Fällen wird heute aber Schlucht verwendet, etwa für die Gondoschlucht (Zwischbergen), die tief eingeschnittene Schlucht der Doveria. Von den rund 530 belegten Namen sind etwa 200 Simplizia im Singular (Schluocht, Schlüecht, Schluächt, Schlucht usw.) oder Plural (Schliecht), Diminutive im Singular (Schliechgi, Schliechtgi, Schliechtji, Schlüöchtji usw.) oder Plural (Schliechtjini usw.).

Adjektivische Attributbildungen sind etwa zu der Bösen Schluͦcht (1543, Geschinen), t Breit Schlüecht (Reckingen), Chalt Schlüecht (Münster), ts Chlei Schliechtgi (Betten), di Drii Schliecht (Naters), t Eng Schlüecht (Reckingen, auch Glis und Oberwald), t Fiischter Schlüecht (Raron und sieben weitere), in der Gelún Schlúocht ‘in der gelben Geländeeinbuchtung’ (1708, Visperterminen), an die Gmeinen Schlúocht (1662, Martisberg), ts Grie Schliechtgi (Fieschertal), Gross Schlüecht (Obergesteln und vier weitere), vff die Hoͤchi Schluͦcht (1653, Ulrichen), Längi Schlüecht (Ausserberg, mit anderer Lautung Betten) und weitere, besonders t Ober Schlüecht (Ulrichen und sechs weitere), t Schee Schlüecht (Gluringen und vier weitere), t Teiff Schlüecht (Münster und neun weitere), t Unner Schlüecht (Fiesch und vier weitere) und t Wit Schlüecht (Binn und elf weitere). Besonders schön ist t Unckiirig Schlüecht ‘die Geländeeinbuchtung, in der es nicht geheuer ist’ (Geschinen) mit einer älteren Lesart von ‘ungeheuer’.

Als Grundwort verbindet sich Schlüecht mit einer stattlichen Reihe von Bestimmungswörtern, die meistens naheliegende Flurnamen betreffen, wie etwa Ahoruschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung beim Weiler Ahoru’ (Naters) zum nahegelegenen Weiler Ahoru. Nicht immer ist klar, ob das Bestimmungswort tatsächlich als Flurname vorkommt, so in t Burgschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung bei einem burgähnlichen Felsen’ (Binn), der selbst nicht als Burg verzeichnet ist. Als Sachgruppen lassen sich Tiernamen wie t (e)Rinnerschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung für die Rinder’ (Mund), t Amselschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung, wo es Amseln hat’ (Blitzingen, Niederwald), Bäreschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung, wo es Bären hatte’ (Reckingen), Chalberschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung für die Kälber’ (Naters, Unterbäch), t Fuggsschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung, wo es Füchse hat / der Familie Fux’ (Ausserberg), t Gämschschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung, wo es Gemsen hat’ (Obergesteln), t Gitzischliecht ‘die Geländeeinbuchtung für die Ziegen’ (Reckingen), ts Häremjischliechtggi ‘die kleine Geländeeinbuchtung, wo es Wiesel hat’ (Reckingen), di Tüübuschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung, wo es Tauben hat’ (Naters) (es ist allerdings umstritten, ob es sich hier um einen Vogelnamen handelt) und t Voguschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit Vögeln’ (Binn).

Eine zweite Gruppe von Bestimmungswörtern benennt Dinge, die sich in der Geländeeinbuchtung befinden: in der Gärschtuschlüecht ‘in der Geländeeinbuchtung, wo Gerste angebaut wurde’ (Blatten), di Griffelschlüöcht ‘die Geländeeinbuchtung mit Preiselbeeren’ (Unterbäch), t Marchschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit der March (Grenze)’ (Gluringen und fünf weitere), t Massaschlüecht ‘die Schlucht der Massa (Bachname)’ (Bitsch), t Nessuschliecht ‘die Geländeeinbuchtungen mit Nesseln’ (Bellwald und weitere, teilweise nur historisch), Raspille-Schlucht ‘die Schlucht der Raspille (Bachname)’ (1927, Salgesch), di Trogschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit einem Trog / in der Form eines Troges’ (Stalden und sieben weitere) – wobei hier unklar ist, ob die Form gemeint ist oder ein Trog, der sich in der Geländeeinbuchtung befindet –, und t Wasserschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit Wasser’ (Ulrichen und sechs weitere).

Eine Reihe von Bestimmungswörtern benennen Besitzer oder Benutzer, meist in der Form von Genitiven im Singular oder Plural wie Bobmerroschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung der Leute von Bodmen / der Familie Bodmer’ (Ausserberg), t Diepischlüecht ‘die Geländeeinbuchtung des Diepi’ (Ritzingen), in Dirrigo Schlŭcht ‘in der Geländeeinbuchtung der Familie Dirren’ (1653, Bürchen), jn der Eccartzsluͤkte ‘in der Geländeeinbuchtung der Familie Eckart / des Eckart’ (1308, Stalden), in Elsigo Schluocht ‘in der Geländeeinbuchtung der Familie Elsig’ (1695, Ausserberg), Jaŭns Schluocht ‘die Geländeeinbuchtung des Jaun’ (1588, Zeneggen), t Mutterschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung der Familie Mutter’ (Oberwald), d Pfaffenschlúocht ‘die Geländeeinbuchtung der Familie Pfaffen / des Pfarrers’ (Brigerbad) (mit unklarer Doppeldeutigkeit), t Schniiderschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung der Familie Schnider’ (Niederwald) und t Wiisseru Schlüecht ‘die Geländeeinbuchtung der Familie Weissen’ (Ausserberg). In diesen und weiteren Fällen ist allerdings nicht immer sicher, ob es sich um FaN, PN oder Wohnsitznamen handelt. Bei di Blattnerschliecht ‘die Geländeeinbuchtungen beim Weiler Blatten’ (Naters) sind nicht Besitzer oder Nutzer gemeint, sondern die Nähe zum Weiler Blatten, und auch bei t Werrligschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung beim Weiler Ze Werrligu (bei den Häusern der Familie Werlen)’ (Unterbäch) ist der Weilername, der seinerseits vom FaN abgeleitet ist, der Ursprung des Bestimmungswortes. Ähnlich verhält es sich mit t Schmiderschlüocht ‘die Geländeeinbuchtung bei Zen Schmidu (bei der Schmiede)’ (Eisten).

Sehr selten sind komplexere Bildungen wie t Schweifbodeschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung beim gewundenen Boden’ (Binn), t Uister Spaaltschluächt ‘die äusseren Geländeeinbuchtungen beim Spalt (unklar)’ (Wiler) und das schwer zu deutende t Zantiglaisschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung des St. Nikolaus’ (Reckingen), das sich auf einen Bildstock des Heiligen oder etwas Ähnliches beziehen kann.

Als Bestimmungswort ist Schluocht selten. Belegt sind Konstruktionen mit Acher, Blätz, Bodu, Brigga, Garte, Grabe, Halta, Heeji, Hüüs, Schiir, Sunna, Stadel, Tola, Wald und Weid. Komplexere Bildungen sind etwa t Schlüochtgartweide ‘die Weiden beim Schlüochtgarten (Garten bei der Geländeeinbuchtung)’ (Unterbäch), ts Schliechtchriesböümji ‘der kleine Kirschenbaum bei der Geländeeinbuchtung’ (Eggerberg) und t Schindelschluöchtegga ‘die Ecke bei der Schindelschluächt (Geländeeinbuchtung in Schindelform?)’ (Blatten) und weitere mehr.

Soweit erkennbar ist nur einmal der FaN Schluechter (ID. 9, 83; AWWB 235) in ts Schlüechterschwald ‘der Wald der Familie Schluechter’ (Ergisch) vertreten.

Das Lemma ist inhaltlich verwandt mit Schlüche (cf. HL SCHLÜCHE).

VSNB, Bd. 4, Sp. 95

Vorkommen

schliächtli

schliächtun

schlichtli

schliechgi

schliecht

schliechte

schliechten

schliechterli

schliechtgi

schliechtgji

schliechti

schliechtinen

schliechtji

schliechtjini

schliechtlij

schliechtu

schluächt

schluacht

schluächt

schluacht

schluächt

schlüächt

schluächt

schluacht

schluächt

schlucht

schluchten

schlüchten

schlüe

schlüech

schlüecht

schlüechtji

schlüechtli

schlüoch

schlüocht

schluocht

schlüocht

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schlüocht

schluocht

schlüocht

schluocht

schlüocht

schlüochtersch

schluochtienen

schlüochtji

schuächt

schüecht