Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Licka

Licka f. ‘Lücke’ ist zu schwdt. Lucken, Lücken, Licken und wdt. Likka, Likkä (Goms) Likku f. ‘Lücke; bes. als Durchfahrt auf Viehweiden; Einsenkung, Lücke in Bergzügen’, mhd. lücke, lucke (ID. 3, 1255 f.; GRICHTING 1998, 128) zu stellen. Die rund 120 Namenbelege meinen meistens Lücken in hochgelegenen Bergzügen. In einigen Fällen ist die Notation von M. S. als Ligge oder ähnlich unsicher; als Beispiel ist t Sattelligga (Blatten) zu nennen, wo FLNK Sattellicka notiert: ‘die Lücke (Fusspass) beim Sattelhorn’.

Als Simplex im Singular sind belegt: üf der Licke ‘auf der Lücke’ (Mulde mit Steilhang)’, zer Luykkun bei der Lücke ‘wohl Durchgang für das Vieh?)’ (1309, Reckingen), Lika ‘die Lücke (Teil des Weilers Eggu von Eggerberg)’ (Eggerberg). Im Plural kommen vor: bi de Licke ‘bei den Lücken (heute keine Lücken erkennbar, früher vielleicht Durchgang (?)’ (Gluringen), t Liggä ‘die Lücken’ (unsicher, Ferden), t Ligge ‘die Lücken (wohl falsche Transkription)’ (Mund, FLNK u. LT, Licke), t Liigge ‘die Gräben’ (Niedergesteln, unsicher, ob richtig notiert).

Es ist auffällig, dass die Simplizia im Allgemeinen keine Fusspässe oder Durchgänge im Hochgebirge meinen; es ist deswegen unklar, welche Deutung hier genau vorliegt.

Mit attributiven Adjektiven sind belegt: di Grossi Liicka ‘die grosse Lücke’ (Niedergesteln; LT Grossi Lyka, FLNK Grossi Liika, MS di Groossi Liika) – der Beleg ist unklar, die Transkriptionen schwanken, gemeint ist ein Graben, t Ober und t Unner Licke ‘die obere (Fusspass zwischen Wasenhorn und Vord. Galmihorn, auf LT auch Bieligerlicke) und die untere Lücke (Fusspass zwischen Bieligertal und Bächigletscher)’ (Biel; letztere auch Gluringen), t Rot Licka ‘die rote Lücke ((1:10000 Roti Licka), rotes Gestein im Gegensatz zur Schwarz Licka)’ (Wiler), t Schwarz Licka ‘die schwarze Lücke ((1:10000 Schwarzi Licka), schwarzes Gestein im Gegensatz zur Rot Licka)’ (Wiler).

Vorangestellte Gemeinde- und Flurnamen auf /-ER/ (ursprüngliche Genitive Plural) enthalten: Gestlerlicke ‘die Gestlerlücke (Fusspass) (FLNK Geschlerlicke) (wohl von bernischem Gebiet aus die Lücke von Obergesteln)’ (Obergesteln), t Gopplerlicka ‘die Lücke von Goppisberg’ (Goppisberg), Baltschiederlicka ‘die Lücke (Fusspass) zwischen Gredetschgletscher und Baltschiedergletscher’ (Mund; unsicher, ob Baltschieder hier einfach Gemeindename oder ursprünglicher Genitiv), Bieligerlicke ‘die Lücke der Gemeinde Biel (auch Obere Licke (obere Lücke) genannt’ (Biel), di Boorterlicku ‘die Lücke beim Borterhorn oberhalb des Bortertälli (nach der Familie Borter benannt)’ (Oberems).

Als Grundwort kommt das HL mit sehr vielen Bestimmungswörtern in zweigliedrigen Komposita vor. Die meisten beziehen sich auf die Lage der Lücke als Fusspass oder Durchgang zwischen Gipfeln, Gletschern, Tälern. Dazu gehören u. a. t Färichlicka ‘die Lücke (Fusspass) beim Färichhorn (Gipfelname)’ (Eisten, St. Niklaus), di Gaalgilicka ‘die Lücke (Fusspass) oberhalb des Gaalgi’ (Zwischbergen), Galgilicka ‘die Lücke beim Galihorn (Gipfelname)’ (FLNK, Zwischbergen, südlich des Horns), di Galilicka ‘die Lücke beim Galihorn (Gipfelname)’ (Zwischbergen, nördlich des Horns) – diese Namen zeigen, dass die Gwpp. sich über die Lage der einzelnen Lücken nicht immer klar sind; das gilt etwa auch für t Magulicka ‘die Lücke (Fusspass) beim Magehorn (Gipfelname)’ (Simplon, Visperterminen), die sich laut Karte neben dem Bistinepass befindet, auf der nördlichen Seite des Magehorn, während LT die Magelicke südlich davon lokalisiert. Weiter nördlich davon befinden sich Nanzlicke ‘die Lücke (Fusspass) vom Simplonpass ins Nanztal’ (LT, Visperterminen), Inneri Nanzlicke ‘die innere Lücke (Fusspass) vom Simplonpass ins Nanztal’ (Simplon, SK Inner Nanzlücke; FLNK, Visperterminen Inner Nanzlicka) und t Üsser Nanzlicka ‘die äussere Lücke (Fusspass) vom Simplonpass ins Nanztal’ (Visperterminen, SK Aeusser Nanzlücke, LT Üsseri Nanzlicke, FLNK Üsser Nanzlicka). In andern Fällen sind sich die Gwpp. nicht einig, wie ein Fusspass heisst: t Elselicka (Fiesch) heisst auf SK Elsilücke, in Ried-Mörel t Elsulicka, in Betten t Elsigelicke, alle beziehen sich auf einen Fusspass zwischen Bettmerhorn und Fiescherhorli. Die einen denken dabei offenbar an den PN Elsa, die andern an den FaN Elsig. Manchmal spielen einfach lautliche Besonderheiten eine Rolle: t Galmilicke ‘die Lücke (Fusspass) zwischen dem Hinteren Galmihorn und dem Oberaarrothorn’ (Münster) heisst in Bellwald und Fieschertal (beide mit /l/-Vokalisierung) t Gaumilicka. Bei der t Leetschlicka ‘die Lötschenlücke’ (Blatten), LT Lötschenlücke (Fieschertal) ist das Bestimmungswort ein Talname; die Lücke befindet sich zwischen dem Grossen Aletschfirn und dem Langgletscher. Wenige Komposita enthalten Tiernamen: Geisslicka ‘die Lücke (Fusspass) nördlich des Geisshorn (Gipfelname)’ (Naters), t Gemschlicka ‘die Lücke für die Gemsen (LT Gemschlicke)’ (Bellwald, Fieschertal), t Schaaflicka ‘die Lücke (Durchgang) für die Schafe’ (Grengiols). Einen Sonderfall bilden Zahlwörter und Zeitangaben: t Elfilicku ‘die Lücke, aus der im Winter um 11 Uhr die Sonne scheint’ (Salgesch) (auch MATHIER 2015, 141), t Mittaglicku ‘die Mittaglücke (Berglücke im Süden, von Leuk aus gesehen; dort scheint im Winter die Sonne um 12 Uhr)’ (Leuk), di Zäänilicku ‘die Zehn-Uhr-Lücke (Berglücke im Süden, von Leuk aus gesehen; dort scheint im Winter die Sonne um 10 Uhr)’ (Leuk), Zänilicku ‘die Lücke, durch die im Winter die Sonne um 10 Uhr scheint (FLNK, etwas westlich LT Zehnerlücke)’ (Salgesch; fehlt bei MATHIER 2015) – alle Belege betreffen den südlich der Gemeinden Leuk und Salgesch gelegenen Gorwätschgraad, durch dessen Lücken die Wintersonne scheint.

Ein sonst wenig auftretender Fall ist die Benennung von Berner Seite her: so ist t Triebseelicke ‘die Lücke (Fusspass) von der Grimsel zum Triebtenseewi (Berner Gebiet; LT Triebtenseelicke)’ (Obergesteln) nach einem See im Berner Gebiet benannt und t Gäärschtelicke ‘die Lücke zwischen den Gärstenhörnern’ (Oberwald) ist nach den Gärstenhörnern benannt (BENB 1, 2, 24 f.) Komplexere Fälle enthalten entweder ein Bestimmungskompositum wie z. B. Firehorelicke (FLNK, Münster, LT Firehornlicke) ‘die Firehornlicka (Fusspass) beim Firehorn (Firnhorn)’ (Münster), t Furgguböümlicka ‘die Lücke (Pass, it. Forca d’Aurona) beim Furgguböumhore’ (Ried-Brig) oder ein attributives Adjektiv wie in zer Indru Chrindällickun ‘bei der inneren (taleinwärts liegenden) Lücke (Fusspasss) bei der Chrindällun (Ritze, Spalte)’ (Blatten) und Chlii Griehorelicka ‘die Lücke (Fusspass) beim Kleinen Grünhorn’ (Fieschertal) und andere mehr.

Als anderes Grundwort ist nur Wäg in Gopplerlickawäg ‘der Weg zur Gopplerlicka (Lücke der Leute von Goppisberg)’ (FLNK, Goppisberg) belegt.

VSNB, Bd. 3, Sp. 99

Vorkommen

licka

licke

licki

licku

lickun

liggä

ligga

ligge

liicka

liicke

lika

lücke