Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Hooru

Hooru ‘Horn’ ist eines der geläufigsten Lemmata. Es ist zu schwdt. Horn, Horen n., Pl. Horn, Hörner, Horen, Dim. Hörnli, Höreli bzw. Hüreli, Hörle, Horli, Hürli allgm. ‘Horn auf dem Kopf der Tiere, bes. des Hornviehs’ und ‘Horn als Stoff’ (ID. 2, 1615 ff.) zu stellen. In geografischen Namen wird Horn zunächst für ‘schroffe, meist kahle, scharf emporragende, z. B. aus einem Gebirgszuge sich abhebende Felsspitze, doch auch eine mit Grün bekleidete Pyramide oder ähnliche Bergform; hornartiger Vorsprung an Bergabhängen, Ausläufer einer Bergkette’ verwendet; in unserem Gebiet bezeichnet es den Berggipfel, vgl. auch wdt. Hoore, Hoorä (Goms), Hoorn (Lötschtal), Hooru ‘Horn, Berg (Matterhorn Z[ermatt]), Beule’ (ID. 2, 1618; ZINSLI 1984, 571 und 1946, 22 ff.; GRICHTING 1998, 109). Diminutive bezeichnen meist nicht Gipfel, sondern ‘kleinere Felsspitzen oder spitz zulaufende Felsbrocken auf Alpen und Ähnliches’.

Ganz generell ist zu sagen, dass Gipfel relativ spät benannt wurden; erst die alpinistische und touristische Nutzung der Gipfel führte zu einer dichteren Namengebung, und ab und zu auch zu Unsicherheiten, die etwa im Vergleich von SK und heutiger LK zu finden sind. Weiter ist die Nomenklatur der Landestopografie in diesem Bereich besonders konfliktreich, da die höchsten Gipfel zumeist in einer hochsprachlichen Form notiert werden, die weniger prominenten Gipfel hingegen in einer dialektalen Form (WERLEN 2008, 581).

Als Simplex ist Hooru selten belegt; der bekannteste Fall ist das Hoore in Zermatt (sonst Matterhorn) – hier zeigt sich, dass speziellere Benennungen häufig erst eingeführt wurden, wenn die Differenzierung aus Gründen der alpinistischen Nutzung nötig wurde. Andere Simplizia benennen Felshöcker auf einer Alp wie ts Horen (Kippel) oder ts Horu (Saas-Almagell), um nur zwei zu nennen. Diminutive im Singular sind ts Hori (Naters) (wohl nach der Form des Gebietes), ts Hireli (Ulrichen) ‘kleines Horn auf der Alpe Tellere’, ts Hirli (Binn) ‘kleine Felskuppe auf der Schapleralpe’, ts Hirrlin (Blatten) ‘kleiner Felszacken’, ts Horli (Fieschertal) ‘kleiner Berggipfel (beim Eggishorn)’. Besonders interessant ist ts Hirrli (Zermatt), das als Hörnli in Hörnlihütte und Hörnligrat erscheint. Plurale wie Hirrlini (Ried-Mörel) ‘hügelige Wiese’, Horlini (Mund) ‘Felszacken’ sind auch vertreten. In einigen wenigen Fällen sind Präpositionen wie Hinner dum Horu ‘hinter dem Horn’ (Saas-Almagell) und Unnerm Horu ‘unter dem Horn’ (St. Niklaus) vertreten.

Fast unüberschaubar ist Hooru als Grundwort von Gipfelnamen vertreten. Die Gruppe der adjektivischen Attribute ist – wie häufig – nur schwer von den Komposita mit Adjektiven zu unterscheiden. Hierzu gehören Breithore (mehrfach), Glatt Horu (Simplon), Graw Hore / Graw Horli (Münster, Grengiols, Zwischbergen), Griehorli (Fieschertal), Hei Hore (Oberwald), Hibsch Horu (Ried-Brig, Simplon), Rothore (mehrfach), Schwarzhore (mehrfach), Spitzhoru (mehrfach), Wiishoru (mehrfach). Manche dieser Bildungen können erweitert werden, z. B. Zinalrothoru (Täsch, Randa). Einen Sonderfall stellt ts Liwänd Horen ‘Gipfel, auf dem man ausruhen kann’ (Blatten) dar, mit einem Partizip Präsens zum Verb liwwe ‘ausruhen’. Auffällig auch die Dri Horlini (Saas-Almagell), eine dreigipflige Gruppe.

Eine doppeldeutige syntaktische Konstruktion bilden Gipfelnamen, die ursprünglich auf einen Genitiv Plural zurückgehen, heute aber als Zugehörigkeitsadjektive interpretiert werden wie Almagällerhoru / Amigällerhoru (Saas-Almagell), Bättmerhore (Betten), Bitscherhoru (Naters, zum Bitschji), Fiescherhorli (Fiesch), Eggerhore (Ausserbinn) und andere, darunter das Matterhorn (Zermatt).

Eher zum Typ der Zusammenrückung gehören die Konstruktionen mit einem Gemeinde- oder Weilernamen und Hooru, wie Äärgischhoru ‘Ergischhorn’ (Ergisch, Eischoll), Ämshoru ‘Emshorn’ (Agarn), Glishoru ‘Glishorn’ (Glis), Täschhoru ‘Täschhorn’ (Randa, Täsch) und Wilerhoru ‘Wilerhorn’ (Niedergesteln, zu Wiler (Lötschental)). Im weiteren Sinn gehören dann alle Konstruktionen dazu, bei denen eine unter dem Gipfel liegende Alpe, ein Weiler oder eine sonstige Flur den Gipfel spezifiziert. Drei nahe beieiander liegende Gipfel mögen als Beispiel ausreichen Bietschhoru (nach dem Bietschtal benannt) (Baltschieder, Blatten, Raron), Jegihoru (nach der Jegi ‘Jagdgebiet’ benannt) (Baltschieder, Niedergesteln), Jolihoru (nach dem Jolital benannt) (Niedergesteln). Manche dieser Namen sind durchsichtig, manche nicht, wie z. B. Alelliihoru / Allalinhorn (Saas-Almagell), das nach einer selbst unklar benannten Alpe Allalin benannt ist. Keinen Gipfelnamen meint Trubhoori in Ergisch; es ist nach einem Blasinstrument aus Horn, das Schaf- und Ziegenhirten mit sich tragen, benannt (ID. 2, 1624). Das Hirsihoru (Oberems) ist wohl nach dem Hirschhorn ‘Hirschgeweih’ benannt (ID. 2, 1621), die beiden Gipfel gleichen einem solchen Geweih.

Eine Sondergruppe bilden die Hooru-Namen mit Personennamen (wozu Näheres bei WERLEN 2008, 579 f. gesagt ist): Agassizhorn (Fieschertal), Dübihorn (Raron), Ulrichshorn (Saas-Fee, St. Niklaus) und andere. Solche Benennungen sind heute in der Schweiz unüblich.

Manchmal werden die Komposita weiter modifiziert mit Paaren wie Grooss / Chlii, Inner / Üsser, Foder / Hinner usw. So gibt es das Chlei Aletschhoru (Naters), das Grooss und das Chlii Fiescherhore (Fieschertal), das Inner und das Üsser Barrhoru (St. Niklaus, Oberems).

Auch komplexe Bestimmungswörter zu Hooru sind belegt, wie Finschteraarhore ‘das Horn über dem Finsteraargletscher’ (Bellwald), Finschteraar Rothore ‘das rote Horn über dem Finsteraargletscher’ (Bellwald), Mattwaldhoru ‘Horn oberhalb der Alpe Mattwald’ (Visperterminen) oder Grienbärghoru ‘Gipfel oberhalb Grienbärg’ (Saas-Almagell). Zu solchen Konstruktionen können auch adjektivische Bestimmungen gestellt werden, wie etwa in ts Gross Driiegghore ‘das grosse Dreieckhorn’ (Betten).

Hooru als Bestimmungswort ist deutlich weniger vertreten. Zum Simplex Hireli gibt es Hirelisee und Hirelistock (alle Ulrichen), zum Hiri den Hiribode (Obergesteln), zum Hori Horiläger (Ferden), Horischnuär (Blatten), Horisuän (Blatten) und Horiwang (Kippel). Horebode (Ulrichen), Horegletscher (Zermatt), Horelamme (Ulrichen), Horengufer und Horenpfeed (beide Ferden) sind weitere Bildungen, wozu die Konstruktonen mit Horu wie in Horualpa, Horufat, Horulicka, Horumatta, Horuschlüocht, Horustafel, Horutal und Horuwäg kommen.

Komplexere Bildungen können weitere Bestandteile enthalten: der Horuschlüochtstafil (Oberems) und der Horumattewald (Mund) sind zwei Beispiele dafür.

Einen Sonderfall bilden Konstruktionen mit frpr. oder it. Bestandteilen wie Torrenthoru (Guttet, Leukerbad), Nuseyhorn (Varen), Leeshoru (Leukerbad), Aubrunhoru (Binn, zu Albrun) und Wairuhoru (Zwischbergen), die meist auf bestehende Orts- oder Flurnamen zurückgehen.

VSNB, Bd. 2, Sp. 499

Vorkommen

heerner

herner

hireli

hiri

hirilli

hirin

hirini

hirli

hirrle

hirrli

hirrlin

hirrlini

höörndli

hore

horen

hori

horli

horlini

horn

hörn(d)li

hörner

hörnli

horu

horun