Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Wäg

Wäg ‘Weg’ ist zu schwdt. Wëg (bzw. -ää-, -ē-, -gg) m., Dim. -li, -ji, -ili, -elti, wesentlich wie nhd. ‘Weg, Strasse’, als 2. Glied in Zusammensetzungen ‘Zielort, Richtung’, ahd. wëg, mhd. wëc (ID. 15, 774 ff. bes. 814 f.; GRICHTING 1998, 236) zu stellen. Das Lemma ist häufig, es kommt in rund 900 Namen vor. Anders als Straass ‘Strasse’ und Gassa ‘Gassa’ ist der Wäg ‘Weg’ meist unbefestigt, manchmal sehr schmal und steil und nicht auf den Ortskern beschränkt. Der mehrfach belegte Plural Wägini ‘die kleinen Wege’ geht auf Wegspuren des Viehs zurück. Wege verbinden oft einen Ausgangs- und einen Zielort; die Benennung ist dabei vom Standort abhängig, sodass der gleiche Weg an zwei Orten verschiedene Namen tragen kann. Manchmal endet ein Weg und heisst dann Endwäg ‘Endweg’ (Eischoll, Embd, St. Niklaus, Zeneggen, Zermatt). In den Daten finden sich auch einige neuere Benennungen, die auf den Angaben der Flurnamenkommission beruhen (z. B. Erläbniswäg ‘Erlebnisweg’ (Saas-Almagell), Planetuwäg ‘Planetenweg’ (Stalden, Visperterminen), Europawäg (Randa, St. Niklaus, Täsch, Zermatt) oder (mehrfach) Höhuwäg ‘Höhenweg’, der schon durch die ungewöhnliche lautliche Form die hochdeutsche Herkunft verrät; nur selten umgesetzt zu Heejuwäg ‘Höhenweg’ (Saas-Balen)). Besonders zu erwähnen sind mehrere Militäärwäg / Militeerwäg ‘Weg, den das Militär baute’ (Ausserbinn, Oberwald, Saas-Almagell, Täsch, Visperterminen) und hier besonders der 36-er Militeerwäg ‘Weg, der vom Gebirgsbataillon 36 im 2. Weltkrieg gebaut wurde’ (Termen; in Ried-Brig nur 36er Wäg).

Das Simplex Wäg wird kaum als Name verwendet; eine Ausnahme ist der Plural t Wäga ‘die Wege’ (Wiler). Sonst tritt Wäg am ehesten mit einer Präposition wie ob dem Weg (1530, Ernen) oder häufiger zwischen den Wegen (Bellwald, Binn, Erschmatt, Gampel, Leukerbad, Münster, Reckingen, Unterbäch) auf. Mit Präposition finden sich inn Wägni ‘in den Wegen’ (Kippel) und das Diminutiv inne Wägeltinu ‘in den kleinen Wegen’ (Glis).

Syntaktische Verbindungen mit Adjektiven oder Partizipien sind: zum Altu Wäg ‘zum alten Weg’ (Betten), Hebene Wege ‘beim ebenen Weg’ (1200, Binn), dr Äbund Wäg ‘der ebene Weg’ (Niedergesteln), der Breit Wäg ‘der breite Weg’ (Glis, Mund), am Kleinen Wegi ‘am kleinen Weglein’ (Ulrichen), der Niw Wäg ‘der neue Weg’ (Betten und weitere fünfzehn Belege), dr Rot Wäg ‘der rote Weg’ (Ferden), Stotzund Wägji ‘der kleine steile Weg’ (Staldenried), dem Verborgenen Weglin nach ‘dem verborgenen kleinen Weg nach’ (1519, Visperterminen), Verbrochenne Weg ‘der gebrochene Weg’ (1341, Saas-Balen), der Wiiss Wäg ‘der weisse Weg’ (Ausserberg, Eggerberg).

Alte Genitive im Plural können auch Adjektive sein wie in Gorperro Wäg ‘der Weg der Leute vom Gorp’ (1307, Eggerberg) und Grecher Weg ‘der Weg der Leute von Grächen’ (1646, Grächen). Der Übergang zu Komposita mit Wäg als Grundwort und der Genitivform als Bestimmungswort wie in Riederwäg ‘der Weg nach Ried-Mörel’ (Mörel), Bodmerwäg ‘der Weg nach Bodme’ (Bellwald), Bewauderwäg ‘der Weg nach Bellwald’ (Niederwald) und andere mehr, ist fliessend.

Die Zahl der Komposita mit Wäg oder einer seiner Varianten als Grundwort ist sehr gross. Heraus stechen dabei die häufigen Alpwäg/Aupwäg/Alpuwäg ‘Weg auf die Alpe’ (rund zwanzig Belege), Bärgwäg ‘Weg auf den Berg (meist Alpe)’ (sieben Belege), Brandwäg ‘Weg in das Gebiet Brand’ (sieben Belege), Chilchwäg/Chiuchwäg/ Chirchwäg ‘Kirchweg’ (rund vierzig Belege, laut ID. 15, 829 f. halbappellativisch, d. h. nicht eigentlich ein Name), Endwäg ‘Weg, der nicht mehr weiterführt’ (sechs Belege), Füesswäg ‘Fussweg; Weg, den man zu Fuss geht’ (sieben Belege), Geisswäg ‘Weg für die Ziegen, von den Ziegen’ (acht Belege), Höhewäg / Heehiwäg / Heejuwäg ‘Höhenweg’ (sieben Belege), Menniwäg / Menwäg / Menweg ‘Weg mit Menn-Recht, d. h. dem Recht, Ladungen z. B. mit Maultieren zu führen)’ (zwölf Belege), Miliwäg ‘Mühlenweg (Weg zur Mühle, an dem die Mühle liegt)’ (sieben Belege), Rosswäg ‘Weg für Pferde, Maultiere’ (fünf Belege), Scheidwäg ‘der Ort, wo die Wege sich scheiden (Wegscheide)’ (zehn Belege), Schlittwäg / Schlittuwäg ‘Schlittenweg; Weg, der mit dem Schlitten befahren wird (Heu- oder Holztransport)’ (sieben Belege), Sennewäg ‘Weg des Sennen für das Tragen des Käses von der Alpe in den Keller’ (sechs Belege) Treichwäg / Trenckweg ‘Weg zur Tränkestelle (für das Vieh)’ (zehn Belege). Neben diesen häufigeren Namen sind sehr viele Einzelnamen zu finden, die hier nicht aufgeführt werden können.

Manchmal ist die Kenntnis von lokalen Bedingungen nötig, um einen Namen zu verstehen, so Stazionuwäg ‘Der Weg mit den vierzehn Kreuzweg-Stationen’ (Leuk) oder der Stockalperweg ‘der Weg, der der Strassenführung von Kaspar Stockalper zwischen Brig und Simplon-Dorf folgt’ (Ried-Brig), ein Weg, der das Konzept des Eco-Museums realisiert, mit einem Zentrum in Simplon-Dorf. Der Zuckmayerweg (Saas-Fee) geht auf den Schriftsteller Carl Zuckmayer zurück, der lange Jahre in Saas-Fee lebte. Unklar ist die Deutung von Volchwäg ‘Volkweg’ (Embd, Törbel); vermutlich liegt hier die Vorstellung vom Armen Volk zugrunde, also den Armen Seelen, die nicht zur Ruhe kommen.

Komplexere Fügungen können zwei oder mehr Bestimmungswörter und dazu noch Adjektive enthalten; sie sind manchmal mehrdeutig. So ist der Bitscherro Kirchweg ‘der Weg der Leute von Bitsch zur Kirche’ (Jahr unbekannt, Bitsch) vermutlich der Weg zur Kirche von Mörel, zu der Bitsch pfarrgenössig war, auch wenn die Gemeinde sich heute nach Naters und Brig orientiert. Der Brüederchlöiswäg ‘Weg, der zur Bruder-Klaus-Kapelle führt’ (Ernen) setzt voraus, dass der Bruder Klaus, also der Heilige Niklaus von Flüe, als Patron der betreffenden Kapelle Namengeber des Weges dorthin ist. Der Beleg beym alten Gobbiller Kirchweg ‘beim alten Kirchweg der Gobbiller (Leute von Goppisberg)’ (1818, Filet) muss so verstanden werden, dass dies der Weg war, auf dem die Leute von Goppisberg vor ungefähr 1845 nach Mörel zur Kirche gingen; um diese Zeit wurde Goppisberg ein eigenes Rektorat. Der Ober Klebodowäg ‘der Weg vom / zum oberen Kleeboden’ (Staldenried) ist nicht zu verstehen als der obere Weg im Gegensatz zum unteren Weg, sondern als der Weg zum oberen Kleeboden (im Gegensatz zum unteren Kleeboden: Unner Klebodowäg). Hingegen sind das Ober und das Unner Fuggshüswägji ‘der obere / das untere kleine Weg zum Fuchshaus’ (Gampel) zwei Wege, die zum gleichen Ort führen (hier vermutlich eine sog. Fuchshütte, in der die Jäger auf Füchse lauern, denen Köder ausgelegt wurden).

Deutlich weniger wird Wäg als Bestimmungswort gebraucht. Am häufigsten ist das Kompositum Wägscheite ‘Wegscheide’ (sieben Belege) belegt (vgl. ID. 8, 1504). Weitere Namen sind Wägmatta ‘Wiese am Weg’ (Grächen, St. Niklaus, Staldenried) und Zen Wegseitun (1300, Raron) ‘zu den Wegseiten’, sowie Wegseyton ‘Wegseite’ (1307, Bürchen), die aber beide aus lauthistorischen Gründen vermutlich verschrieben sind für ‘Wegscheide’ (mhd. sîte ‘Seite’ würde schreibsprachlich erst nach 1500 als Seyte belegt sein).

Ableitungen von Wäg sind selten. In Naters ist zweimal lebendig und einmal historisch ts Wägerli belegt, das als ‘kleines Gut am Weg’ gedeutet wird. Die -ER-Ableitung mit dem Diminutiv wird hier als Stellenbezeichnung interpretiert (nach SONDEREGGER 1958, 541). Wägerru (Hohtenn) enthält das Suffix -ERRA, -ERRU, das in den Namen häufig als Kollektiv verwendet wird, meistens mit Pflanzennamen, für die hier aber nur der Wegerich (ID. 15, 952) in Frage käme. Die Gwp. gibt “mehrere Parallelwegspuren” an, bezieht sich also auf Wäg. Da weitere Belege fehlen, kann die Frage nicht entschieden werden. Wäglätä (Gampel) enthält ein Kollektivsuffix -(L)ETÄ (Plural) (SONDEREGGER 1958, 482 s. -ATA); das anlautende /l/ wurde wohl von l-haltigen Formen her falsch abgetrennt (vgl. Hublete (Unterbäch) zu Hubel). H. THELER (1995) verwendet Wäglätä als “Fusswege” im Titel seines Gedichtbandes; die Bildung wird auch hier als Kollektiv verstanden.

VSNB, Bd. 4, Sp. 487

Vorkommen

wääg

wäg

wäga

wäge

wägelti

wägeltinu

wägen

wägeni

wägerli

wägerru

wägi

wägilti

wägini

wägji

wägjini

wäglätä

wäglein

wägli

wäglin

wägni

wägu

wägun

weg

wega

wegelti

wegen

weggin

wegginen

wegi

wegij

wegji

weglein

wegli

weglin

wegünen