Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Sand

Sand n. ‘das Sandgebiet’ ist zu schwdt. Sand n., auch m., Pl. Sänder, Sender wie nhd. ‘Sand’, ‘Stück sandigen Erdbodens, Sandbank’, amhd. sant m. (mhd. auch n.) (ID. 7, 1110 ff.) zu stellen. GRICHTING (1998, 167) kennt nur das maskuline Sand ‘Sand’. Neutrales Sand betrifft entweder sandige Ablagerungen von Flüssen und Bächen oder Moränen. Seltener sind Orte gemeint, wo Sand abgebaut wurde (z. B. für den Häuserbau) oder generell sandige Böden. Ganz selten sind Pflanzennamen für den Huflattich (TUSSILAGO FARFARA; Sandbletter, Sandblacke; vgl. LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 1114) oder für das Weisslaub (SALIX HELVETICA; vgl. LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 422).

Von den rund 270 Flurnamen mit diesem HL betreffen rund 50 das Simplex im Singular ts Sand ‘das Sandgebiet an der Vispe’ (St. Niklaus) und ähnlich; häufig sind Präpositionen wie im Sand ‘im Sandgebiet der Gamsa (Bach im Nanztal)’ (Visperterminen), ufum Sand ‘auf dem Sandgebiet (Schwemmgebiet des Walibaches’ (Simplon) oder zum Sand ‘beim Sandgebiet’ (Unterems) belegt. Einige dieser Namen sind nur historisch bezeugt oder das Gebiet ist inzwischen überbaut worden, etwa in Visp Sand ‘das Sandgebiet (der Vispe)’ (FLNK, Visp).

Das Simplex des Plurals ist viel seltener, meist mit Umlaut, als t Sändär ‘die Sandgebiete der Lonza (Talbach aus dem Lötschental)’ (Steg), t Senner ‘die Sandgebiete (der Saaser Vispe)’ (Saas-Almagell, mit dem Prozess inlautend nd > nn), ufe Sendru ‘auf den Sandgebieten’ (Saas-Grund; SK Sänder, FLNK Sendru), jn dien Sendern ‘in den Sandgebieten’ (1303 u. später, Visp).

Der Diminutiv des Simplex erscheint im Singular als im Sandji ‘im kleinen Sandgebiet (der Gamsa, Bach im Nanztal)’ (Visperterminen), ts Sangi ‘das kleine Sandgebiet’ (Lax; FLNK Sangji; ähnlich Mühlebach) und ts Sendji ‘das kleine Sandgebiet (des Hofergraben)’ (Stalden, heute Sportplatz); im Plural als t Senn(d)jini ‘die kleinen Sandgebiete’ (Randa) und t Sennjini ‘die kleinen Sandgebiete’ (Saas-Almagell; 1832 als Sändgÿ; ähnlich Randa).

Mit attributiven Adjektiven verbunden ist das HL vor allem im Typ Heesand ‘das hohe Sandgebiet’ (FLNK, Täsch), ts Hesand ‘das hohe Sandgebiet’ (Zermatt), der Hosand ‘der hohe Sand’ (Binn; Genus maskulin ist ungewöhnlich), ts Hosand ‘das hohe Sandgebiet’ (Niedergesteln), Hosand ‘das hohe Sandgebiet (Alpe)’ (LT, FLNK Ulrichen), wozu sich etwa in Binn eine ganze Reihe von Gipfel- und Jochnamen gesellen wie Hohsandhore, Hohsandgletscher, Hohsandjoch und Ober Hohsandjoch, in Ulrichen ein ganzes Namennest mit Hosandbärge (FLNK), t Hosandstüde ‘die Stauden im hohen Sandgebiet’, ts Minschtiger Hosand ‘der zu Münster gehörende Teil der Alpe hohes Sandgebiet’, Reckiger Hohsand ‘der zu Reckingen gehörende Teil der Alpe hohes Sandgebiet’ (FLNK), der Minschtiger Hosandstafel ‘der Stafel der Leute von Münster auf der Alpe Hosand (hohes Sandgebiet), der Reckiger Hosandstafel ‘der Stafel der Leute von Reckingen auf der Alpe Hosand (hohes Sandgebiet)’, t Reckiger Hosandbärge ‘die zu Reckingen gehörenden Berge bei der Alpe Hosand’, t Fodre Hosandwäng ‘der vordere Teil der Grasabhänge beim Hosand (hohes Sandgebiet)’, der Foder Hosandbärg ‘der vordere Teil des Berdes beim Hosand (hohes Sandgebiet)’, Vorder Hosandlöuwi ‘das vordere Rutschgebiet oberhalb des Hosand (hohes Sandgebiet)’ (FLNK), t Hinnre Hosandweng ‘der hintere Teil der Grasabhänge beim Hosand (hohes Sandgebiet)’, der Hinner Hosandbärg ‘der hintere Teil des Berges beim Hosand (hohes Sandgebiet)’, Hinner Hosandlöuwi ‘das hintere Rutschgebiet oberhalb des Hosand (hohes Sandgebiet)’. Das Namennest in Ulrichen zeigt sehr schön, wie – ausgehend vom Namen einer Alpe – die ganze Umgebung benannt wird.

Die übrigen attributiven Adjektive sind seltener: ts Inner und ts Üsser Sand ‘das innere (taleinwärts liegende) und das äussere (talauswärts liegende) Sandgebiet’ (Täsch), aúff dem Langen Sandt ‘auf dem langen Sandgebiet’ (1708, Brigerbad), ts Mittelsand ‘das mitten (im Rotten) gelegene Sandgebiet’ (Mörel und drei weitere), aúf dem Neúen Sant ‘auf dem neuen Sandgebiet’ (1836, Saas-Grund), ts Ober und ts Unner Sand ‘das obere und das untere Sandgebiet (der Vispe)’ (Visp), ts Pmei Sand ‘das Sandgebiet, das der Gemeinde gehört’ (Stalden; FLNK Gmeisand), ts Wiiss Sand ‘das weisse Sandgebiet’ (Naters; Oberems (hier mit Hinweis auf Weisslaub (SALIX HELVETICA)) und ts Wiit Sand ‘das weite Sandgebiet’ (Glis, Saas-Almagell).

Vorangestellte Genitive zum HL sind: ts Bifigersch Sand ‘das Sandgebiet, das der Familie Bifiger gehört’ (Baltschieder), ts Chempfusand ‘das Sandgebiet der Familie Kämpfen’ (Glis), ts Griinisch Sand ‘das Sandgebiet mit kaltem Wind (unklar)’ (Saas-Balen), ts Hälisch Sand ‘das Sandgebiet des Häli (hier wohl zu Wilhelm)’ (St. Niklaus), uf ts Heeresand ‘auf dem Sandgebiet des (Pfarr-) Herrn’ (Niederwald), ts Irmänzusand ‘das Sandgebiet bei Irmänze (wohl PN)’ (St. Niklaus), Kammers Sand ‘das Sandgebiet der Familie Kammer’ (1860, Eyholz), ts Mattjusch Sand ‘das Sandgebiet des Matthäus / Matthias’ (Baltschieder), ts Steinersand ‘das Sandgebiet der Leute von Gstei (Gestein)’ (Zwischbergen), Triegerro Sand ‘das Sandgebiet der Familie Zen Triegen’ (1692, Niedergesteln), vff Wÿestinerro Sandt ‘auf dem Sandgebiet der Familie Wiestiner’ (1597, Visp). Unsicher ist ts Seilersand ‘das Sandgebiet der Familie Seiler’, wo der FaN Seiler ist und ein formaler Genitiv Seilersch lauten müsste, und der Beleg aúf Belzers Glareto seu Sand (1751, Raron), wo unklar ist, ob Sand einfach die Übersetzung des latinisierten Glaretum ‘Kiessand’ ist, oder ob es Belzers Sand ‘das Sandgebiet der Familie Belzer’ als Flurname gab.

Als Grundwort kommt das HL in zweigliedrigen Komposita vor. Häufig sind dabei Fluss- und Bachnamen als Bestimmungswörter: ts Bietschisand ‘das Sandgebiet beim Bietschbach’ (Raron), Bietschisänder ‘die Sandgebiet beim Bietschbach’ (Niedergesteln), Blinnesand ‘das Sandgebiet bei der Einmündung der Blinne in den Rotten’ (FLNK, Reckingen), Gambsensandt ‘das Sandgebiet der Gamsa’ (1673, Brigerbad), ts Gamsusand ‘das Sandgebiet der Gamsa’ (Glis, mehrfach), ts Giessersand ‘das Sandgebiet beim Weiler Giesse’ (Binn; Giesse ist Wassername), ts Ielisand ‘das Sandgebiet beim Jolibach’ (Niedergesteln, FLNK Jolisand), das Lodentzen Sand ‘das Sandgebiet bei der Lonza (Talbach aus dem Lötschental)’ (1522, Steg), ts Melisand ‘das Sandgebiet beim Mellichbach’ (Täsch), ts Rhonesand ‘das Sandgebiet des Rotten (früherer Verlauf des Rottens links vom heutigen Bahnhofsgelände)’ (Brig; ältere Leute sagen Rottesand), ts (e) Rottusand ‘das Sandgebiet beim Rotten’ (Naters), ts Rottusand ‘das Sandgebiet beim Rotten’ (Mörel, Leuk) und aúf dem Salti Sand ‘auf dem Sandgebiet der Saltina’ (1795 (ca.), Brig). Nahegelegene Flurnamen sind ebenfalls vertreten: ts Bildernusand ‘das Sandgebiet gegenüber dem Bereich Bilderne (Zahnfleisch)’ (Mörel), ts Blattusand ‘das Sandgebiet beim Gebiet Blatten (Felsplatten)’ (Saas-Almagell), ts Bordsand ‘das Sandgebiet beim Bord (Abhang, Böschung)’ (Saas-Almagell), ts Chummusand ‘das Sandgebiet bei Ze Chummu (bei der Mulde)’ (Raron), under dem Driest Sand ‘unter dem Sandgebiet beim Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (1676, Zeneggen) und viele weitere. Besitzer- oder Nutzernamen sind selten, am ehesten mit vorangestellten Genitiven. Am klarsten ist ts Hügsand ‘das Sandgebiet der Familie Hug’ (Glis), unsicher dagegen auff dem Bernersandt ‘das Sandgebiet des Bernhard (kaum FaN Berner)’ (1716, Visp), wo unklar bleibt, welche Motivation Berner hat. ts Guldersand ‘das Sandgebiet des Rottens bei der Guldernä’ (Grengiols) bezieht sich wohl auf den Flurnamen Guldernä ‘der Ort mit Türkenbund (LILIUM MARTAGON, vgl. WAGNER / LAUBER / GYGAX 52014, 1260)’ und nicht auf einen Besitzer oder Nutzer. Einen Problemfall stell ts Risand (Termen) dar; es ist vermutlich zum Verb rîsen ‘fallen’ (ID. 4, 1335 ff.) zu stellen und ist entweder das Partizip ‘das Fallende’ oder – mit Sand verbunden – ‘das gefallene Sandgebiet’ (cf. HL RI). Vermutlich auf die Farbe bezieht sich Silbersand ‘das silberne Sandgebiet’ (Ried-Mörel), laut Beschreibung eine Moräne mit feinem, hellem Sand.

Komplexere Konstruktionen sind etwa ts Ober und ts Unner Bietschisand ‘das obere und das untere Sandgebiet beim Bietschbach’ (Raron), das historische bim Kräytz vffum Sandt ‘beim Kreuz auf dem Sandgebiet’ (1655, Niedergesteln), Hinner und Vor dum Sandbank (FLNK) ‘das Gebiet hinter und vor der Bank aus (Fluss-)Sand’ (Täsch) und andere mehr.

Als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita ist das HL mit folgenden Grundwörtern belegt: Acher, Bank, Bodu, Egg(a), Eie, Gassa, Gilla, Grabu, Grüeba, Höupt, Hubel, Leeschi, Matta, Pletscha, Räb-, Riife, Stuba, Tola und Wasser.

Komplexer sind t Undru Sandmatte ‘die unteren Wiesen im Sandgebiet’ (Glis), der Sandblackuschleif ‘der (Holz-)Schleif, wo Sandblacken (Huflattich, TUSSILAGO FARFARA) wachsen’ (Gampel), t Sandbletterlamme ‘der Graben mit / bei den Sandblättern (laut Gwp. Sandblachte (Huflattich; TUSSILAGO FARFARA)’ (Münster), im Sandgillibiel ‘der Hügel im Bereich des Tümpels im Gebiet Sand’ (1743, Raron) und andere mehr.

Das Adjektiv sandig erscheint in der Sandig Bodu ‘der sandige Boden’ (Zermatt), Sandigbodu ‘der sandige Boden’ (FLNK, Saas-Grund), t Sandigen Grappä ‘die sandigen Murmeltiergrabstellen’ (Blatten), t Sandigu Tole ‘die Mulden mit Sand’ (Glis). Ebenfalls hieher zu stellen ist ts Santigufer ‘das sandige Steingeröll’ (Eyholz; FLNK Visp), das wohl in Anlehnung an Sant ‘Heilig’ ein /t/ erhalten hat.

Die Ableitung der Sander kann eine Stellenbezeichnung auf -ER (SONDEREGGER 1958, 541 ff.) zum HL SAND sein, also ‘das Sandgebiet, das Gebiet mit Sand’, aber auch einen PN Sander (cf. HL SANDER (PN)) vertreten; die Belege sind dort aufgeführt. Diminutive dazu sind: auffm Sanderli ‘auf dem kleinen Gebiet mit Sand’ (1651 u. später, Ried-Brig), im Sanderli ‘im Gebiet mit Sand’ (1809, Eischoll).

Die Ableitungen Sanderna und Sanderra weisen jeweils eine Kollektivableitung auf und meinen ein Gebiet mit Sand. Belegt sind: t Sanderna ‘das Gebiet mit Sand’ (Staldenried), Sandernen ‘das Gebiet mit Sand’ (1869, Stalden; Dativ ist konstruktionsbedingt), zer Sandernu ‘beim Gebiet mit Sand’ (Salgesch), z Sandernu ‘beim Gebiet mit Sand’ (Bratsch), zer Sanderrun ‘beim Gebiet mit Sand’ (Ergisch; FLNK Sanderu) und Ze Sanderu ‘beim Gebiet mit Sand’ (Visperterminen). Eine Ausnahme ist Ze Sandru ‘bei den Sandern (Sandfänge der Wasserleitung)’ (Saas-Fee), das sich zum Verb sanndre ‘Sand fangen’ stellen lässt; das Verb ist in ID. und GRICHTING (1998) so nicht belegt.

VSNB, Bd. 4, Sp. 20

Vorkommen

sand

sändär

sänder

sändern

sanderna

sandernen

sandernu

sanderrun

sanderu

sandig

sandigu

sandigun

sandji

sandt

sangi

sannd

sanndig

sanndru

sanner

sanngi

sant (Sand)

santi (Sand)

sendren

sendru

sendrun

senn(d)jini

senndji

senner

sennjini

senru