Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Flüö

Flüö ‘Fluh, Felswand’ ist zu schwdt. Flueh, Fluech, Flue f., Pl. Flüe, Fluhe, Dat. Pl. Flüenen ‘Felsabsturz, Felswand’, vereinzelt noch als Appellativ lebendig, ahd. fluoch, fluoh, mhd. vluo (ID. 1, 1184 f.; ZINSLI 1984, 564) und wdt. Flüe, Fluä (Lötschtal), Flüö, Flüo ‘Fluh, Fels’ (GRICHTING 1998, 80) zu stellen. In den Deutungen wird ‘Fluh’ verwendet (vgl. AMMON ET AL. 2016, 239).

Das Lemma kommt in rund 890 Fällen vor; vom einfachen Simplex Flüe bis zum komplexen in der unteren Warpflüe Wildin ‘in der unteren Wildi (unfruchtbares Gebiet) bei der Wartfluh’ (1821, Mund). Die Formenbildung zeigt drei unterschiedliche Prozesse: zum einen Palalatalisierung zu Flüö, die aber in Lötschental und Simplon unterbleibt (Typ: Fluä), zum zweiten Umlaut mit anschliessender Entrundung (Typ: Flie), zum dritten die Bildung des Diminutivs, meist mit gleichzeitigem Umlaut; hier interessiert vor allem die Tilgung des Hiatus, da Flüe vokalisch auslautet: Flieji, Flieli, Fliegi, Flietgi und Flieti sind belegt; Plurale werden meistens mit der Endung /-ni/ gebildet (z. B. Fliejini). Die 1723 in Naters bezeugte Wasserfuhr das Fluerli wird 1760 das Flieherli genannt; da Flur sonst im Dialekt nicht existiert, muss hier eine Diminutivableitung auf /-ERLI/ angenommen werden (zur Problematik insgesamt siehe die Diminutivbildungen in SDS 3, 155 f.). Nur selten belegt ist die Kollektivbildung Gflie ‘das Geflüh’ (Oberwald) und der dazu gehörige Diminutiv Gflieli (Obergesteln).

Das Simplex Flüö f. im Singular tritt etwa fünfundzwanzig Mal auf, häufig mit einer Präposition, meistens uf der Flüö, aber auch unner der Flüö (nicht zu verwechseln mit t Unner Flüö ‘die untere Fluh’). Das gilt auch für den Plural Flie f., der rund zwanzig Fälle aufweist; die Präposition mit Dativ führt zu Flienu, etwa in unner du Flienu (Täsch), in Bratsch sogar zu Flielu, insgesamt rund zehn Belege. Von den Diminutiven ist vor allem der Typ Flieli häufig (rund zwölf Belege), die andern kommen nur vereinzelt vor; Plurale sind selten, etwa Fliejini (Mund).

Häufig sind Konstruktionen mit attributiven Adjektiven und Flüö / Flie; besonderes hervor sticht die rund fünfzig Mal belegte Kombination mit Ho / Hee ‘hoch’ wie in t Hoflüe ‘die hohe Fluh’, deren wohl bekannteste die Kapelle Ze Heeju Flienu ‘bei den hohen Flühen’ (Bitsch, Ried-Mörel) zwischen Bitsch und Mörel ist. Weitere häufig bezeugte Adjektive sind die Farbnamen Wiiss ‘weiss’ (38 Belege), Rot (16 Belege), Schwarz (10 Belege) und Blau (3 Belege). Weitere Adjektive sind Leng / Läng ‘lang’ (gut 20 Belege), Grooss (8 Belege), Spitz (8 Belege), Beesch ‘böse (im Sinn von steil)’ (4 Belege) und einmal Blind, wobei hier nicht nur Konstruktionen mit Simplizia vertreten sind, sondern auch komplexere, wie etwa der Länguflüerüüs ‘die Wasserleitung, die an der langen Fluh vorbeifliesst’ (Niedergesteln). Die relativen Angaben Ober und Unner sind ebenfalls häufig, aber auch bei komplexeren Namen vorkommend; weitere solche Angaben sind vereinzelt belegt. Eine besonders interessante Form zeigen t Wasigu Flie ‘die Flühe mit Wasen (Grasbewuchs)’ (Saas-Fee) oder t Wasmig Flüe ‘die Fluh mit Wasen (Grasbewuchs)’ (Staldenried), die ein Adjektiv auf /-IG/ vom Nomen Wase ‘mit Gras bewachsener Boden’ (cf. HL WASE) aufweisen; auch t Chrütiguflüö ‘die Fluh mit Krautbewuchs’ (Eisten) kennt ein solches Adjektiv zum Nomen Chrüt ‘Kraut’, t Holzige Flie ‘die Flühe mit Holz (Wald)’ (Randa) eines zu Holz und t Miesig Flüe ‘die mit Moos bewachsene Fluh’ (Täsch) eines zu Mies ‘Moos’. Auch t Sunnigu Flie ‘die besonnten Flühe’ (Randa) gehört hieher. Ein Partizip als attributives Adjektiv findet sich in di Gspalte Flüe ‘die gespaltene Fluh’ (Oberwald und weitere fünf Belege) und in an der Knakten Flŭh (1895, Embd), wo wohl ein Partizip Passiv von ggnage ‘nagen’ (GRICHTING 1998, 90) vorliegt. Ein besonderer Fall ist zer Gellondon Fluͤ ‘bei der jähen, steilen Fluh’ (1374, Stalden) zum Partizip gellend ‘jäh, schroff, nackt’ (ID. 2, 209).

Als Grundwort kann Flüe mit vielen anderen Nomina auftreten. Ein besonders häufiger Typ ist Wandflüe ‘die Fluh, die wie eine Wand aussieht’ (rund 50 Belege) – hier ist das Namenmotiv die Ähnlichkeit einer senkrechten Fluh mit einer Wand (URNB 1, 1099 zum Typ Wandflue). Eine ähnliche Doppelbenennung ist uf der Tschuggflüo ‘auf der Felsenfluh’ (Naters), wo in Tschugge ‘Felsen’ und ‘Fluh’ kombiniert sind, ohne dass klar ist, ob es sich um einen Felsen bei einer Fluh handelt oder um eine Fluh, die wie ein Felsblock aussieht.

Tiernamen sind als Bestimmungswort in Adlerflüo (Turtmann) und dem gleichbedeutenden Aariflüo (Eisten), resp. Aruflüe (Zermatt) belegt. Unsicher ist bei Eihoruflüe ‘Eichhornfluh’ (Hohtenn), ob wirklich das Eichhörnchen gemeint ist. di Geissinuflüo ‘die Fluh mit Ziegen’ (Mund), Gemsfluh (St. Niklaus) sprechen für sich; Graageflüe ‘die Fluh mit Dohlen / Raben’ (Oberwald) bezieht sich wohl auf Bergdohlen, die um die Fluh kreisen, während t Hüwweneflie ‘die Fluh bei den Hüwwene (Eulen)’ (Oberwald) auf einen anderen Flurnamen mit Tiermotivation Bezug nimmt. Bockflüe ‘die Fluh, wo Böcke weiden’ (Zwischbergen und andere) kann sich auf irgendwelche männlichen Weidetiere beziehen. Ob Bärufluä ‘Bärenfluh’ (Ferden) etwas mit dem Tier oder seiner Form zu tun hat, ist unklar. Das Gleiche gilt für t Schwiiflüo ‘die Schweinefluh’ (Naters). Und bi der Taksuflüo ‘bei der Fluh, wo es Dachse hat’ (Glis) verweist auf eine sonst selten erwähnte Tierart.

Auch Baum- und Pflanzennamen sind als Bestimmungswörter geläufig: t Aarbflüä ‘die Fluh mit Arven’ (Steg) (auch als Adjektiv beÿ der Arfinen Fluho ‘bei der Fluh mit Arven’ (1753, Bister)), t Aspflüo ‘die Fluh mit Espen’ (Mund) (auch als Adjektiv t Aspini Flüo ‘die Fluh mit Espen’ (Oberems)), t Hasolflüe ‘die Fluh mit Haselstauden’ (Eisten), Heimiflüe (die Fluh mit Gutem Heinrich) (Gampel), t Chrüterflüe ‘die Fluh mit Kraut’ (Zermatt), die Lerchfluͤo ‘die Fluh mit Lärchen’ (1776, Naters), Mälböumflüe ‘die Fluh beim Weiler Mälböum (Mehlbaum)’ (Naters) – etwas irreführend, da der Weiler nach dem Baum heisst, nicht die Fluh; die Bürchflien ‘die Flühe mit Birken’ (1558, Zeneggen), auch als Adjektiv di Birchini Flüo ‘die Fluh mit Birken’ (Ergisch), ts (e)Ramschflüö ‘bei der Fluh mit Löwenzahn’ (Eisten) und das nur einmal belegte in den Waldflühen ‘in den Flühen beim Wald’ (1837, Mund) und Wurzflüe ‘die Fluh beim Wurzwald (Ergisch).

Das Material der Fluh spielt eine Rolle bei zer Giltfluä ‘bei der Fluh mit Giltstein (Ofenstein)’ (Blatten und öfter), auch als Giltsteinflúo (1785, Naters); vermutlich gehört auch Ofeflue ‘Fluh mit Ofenstein’ (Simplon) hieher. Material nennt auch Chriiduflüe ‘die Fluh aus Kreide’ (Salgesch und öfter), Chalchuflüe ‘Fluh aus Kalk’ (St. Niklaus) und biner Tufflüe ‘bei der Fluh aus Tuffstein’ (Oberwald); unsicher dagegen ist t Straalflie ‘die Flühe mit Bergkristallen’ (Zwischbergen).

In einer Reihe von Namen sind Besitzer- oder Nutzer genannt: Eggerschflüo ‘die Fluh der Familie Egger / des Egger’ (Birgisch), etwas unklar ist Hergotts Fluo ‘die Fluh des Herrgott’ (1693, Gampel) – ob hier an Gott gedacht ist oder nur ein Übername vorliegt, bleibt unsicher. Clawieflúh (Varen) verweist auf die Besitzer namens Clavien oder Clavioz, Lambers Flue (Ried-Brig) auf einen Lambert (PN), t Nigguflüo ‘die Fluh des Niggi / der Familie Niggi (Nikolaus)’ (Embd) auf einen Niggi oder ähnlich, Nägerschflieji ‘die kleine Fluh des Näger (PN)’ (Mund) auf einen Näger und aúff Bergersch Flúo (1748, Steg) auf einen FaN Berger. t Pfaffuflüo (Mund) heisst nach einer FaN Pfaffen (und nicht nach dem Pfarrherr). t Schalbetterflüe (Zermatt) enthält den FaN Schallbetter und in ts Siithofischflüo (Birgisch) ist vermutlich ein FaN Hofer versteckt, die Siithofi genannt wurde. Im Fall der St. Germanerflüe (Raron) sind die Einwohner von St. German bei Raron gemeint. Mehrfach erwähnt ist Wengerschflů (1548, Turtmann), wo entweder der FaN Wenger oder der gleichlautende Herkunftsname (von den Wengen) gemeint sein kann. Im Fall der Wängerschflüo (Ergisch) zeigen historische Belege, dass ein romanischer Familienname (Wangyer) zu Grunde liegt, der wohl später deutsch interpretiert wurde. In Zimmermasch Flieji ‘die kleine Fluh des Zimmermanns / der Familie Zimmermann’ (Glis) bleibt unklar, ob es sich um einen Berufs- oder Familiennamen handelt.

Vermutlich die Form der Fluh spielt eine Rolle in t Kruchtuluflue ‘die Fluh in der Form eines Fasnachtsgebäcks’ (Simplon), wo das frpr. Lehnwort Chruchtela ‘Fasnachtsgebäck’ auf die Form verweist. Ähnlich ist Chroonuflüe ‘die Fluh mit einer Bekrönung’ (Ausserberg) zu verstehen.

Bei einer grossen Zahl weiterer Namen mit Flüö als Grundwort ist das Bestimmungswort die Benennung einer nahegelegenen Flur, eines Gletschers, eines Sees oder eines Weilers. Sie im Einzelnen aufzuzählen, ist hier nicht möglich. Besonders auffällig ist der Name t Waartflüe ‘die Fluh mit Aussicht’ (Randa), mit Assimilation zu t Waarbflie ‘die Flühe mit Aussicht’ (Mund) – Waart ist hier als Aussichtspunkt zu verstehen, von dem aus man eine gute Aussicht über die Gegend hat. Ein anderer Typ mit einem Adverb ist Obfluh (St. Niklaus), also das Gebiet oberhalb einer Fluh (kommt auch in Obflie (1764, Obergesteln) und in der Ableitung Obfliejer (Naters) vor).

In einigen Fällen ist die Motivation für die Bestimmungswörter nur schlecht erkennbar. Das gilt insbesondere für die Namen, die in lateinischer Form als SAXUM überliefert sind und ein nachgestelltes Bestimmungswort enthalten wie etwa a saxo de laz Paryz (1490, Varen), das vermutlich zum lat. PARIET- ‘Wand’ gestellt werden kann, also etwa der Wandfluh entspricht. Nicht in jedem Fall ist sicher, dass SAXUM hier ein Namensbestandteil ist; es kann sich auch einfach um ein lateinisches Appellativ handeln; dabei ist zu bedenken, dass die lateinische Form SAXUM im Patois etwa scex oder sei lauten müsste.

Neben den zweigliedrigen Konstruktionen mit Flüö als Grundwort gibt es mehrgliedrige Konstruktionen, die zusätzlich modifiziert sein können. Ein komplexes Beispiel dafür ist t Voorder Holzig Flüe ‘die vordere Fluh mit Holz (Wald)’ (Täsch) oder bis aŭf des Kolplatzes Flŭh ‘bis auf die Fluh beim Kohlplatz’ (Obergesteln).

Als Bestimmungswort kommt Flüö in zweigliedrigen Konstruktionen mit den Grundwörtern Acher, Alp, Bach, Balm, Bodu, Brigga, Cheer, Fad, Gartu, Gletscher, Güed, Gufu, Hitta, Hooru, Hubel, Hüs, Kapälla, Läger, Sand, Schleif, Spitz, Stadel, Ture, Wald, Wang, Wasser, Wäg und Weid vor.

Darüber hinaus gibt es einige komplexere Fälle, in denen Flüe entweder Bestimmungswort oder Grundwort eines Kompositums ist, das selbst Bestimmungswort sein kann: der Fooder Mässflüegrabu ‘der vordere Graben bei der Mässflüe (Fluh beim Ort, wo der Milchertrag gemessen wurde’ (Hohtenn), der Lengflüegletscher ‘der Gletscher bei der langen Fluh’ (Täsch) oder t Lenguflüoüowender ‘die Magerwiesen bei der langen Fluh’ (Saas-Balen).

VSNB, Bd. 2, Sp. 166

Vorkommen

fliä

fliäli

fliälin

fliänn

flie

fliegi

flieier

fliejer

flieji

fliejini

flieli

flielini

flieltino

flieltli

flielu

flien

fliene

flienen

flienu

fliero

flietgi

flieti

flietschi

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fluo

flüo

fluotschin

füe

gflie

gflieli

pflüe