Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Driest

Driest m. ‘unfruchtbares Gebiet’ ist seit dem Ende des 13. Jahrhunderts in rund 120 Namen belegt. Die ältesten Formen zeigen durchwegs Driest, am Drieste und in dien Driesten. Das HL fehlt in dieser Form sowohl in ID. wie bei GRICHTING (1998). Für das HL gibt es eine romanische und eine deutsche Deutung. Die romanische stammt von HUBSCHMIED (1940, 10). Er kennt den Namen in Frutigen und deutet ihn als altrom. *triedžə > *Triesch, afrz. triège, aus gall. *trebio-, ‘Weg, Spur’, in den Mundarten ‘Durchgang’, in der Westschweiz auch ‘Pfad, Viehweg, Spur’ (FEW 13, 2, 233 zu *TREBARE ‘wohnen’). Das auslautende /t/ hält er für sekundär. Eine zweite romanische Deutung gibt JACCARD (1906, 475) für Triège bei Salvan mit ‘Weggabelung, Kreuzung von drei Wegen’. Eine deutsche Deutung skizziert MEYER (1930, 9), der es von Driesch m. ‘Acker, der brach liegen bleibt’ auch Weiden, alemannisch driesch ‘brach’ ableitet. Die Verbreitung von Driest im Oberwallis mit Belegen im ganzen Oberwallis und seit dem 13. Jahrhundert würde eine romanische Bildung nur als Lehnappellativ (GLATTHARD 1976) erlauben. Dagegen kann das deutsche Driesch m. ‘unangebautes, brach liegendes Land, ungepflügter Acker’ (GRWB 2, 1408; KLUGE / SEEBOLD 252011, 216 s. v. Driesch) eher als Grundlage dienen. Das HL erscheint durchwegs mit /t/ im Auslaut und ist ursprünglich maskulin. Das Suffix /-T/ wird aber nach SONDEREGGER (1958, 556) zu einer verbalen Basis hinzugefügt und ist normalerweise feminin, obwohl der Autor mit der Literatur auch maskuline Bildungen annimmt. Die Deutung ‘unfruchtbares Gebiet’ bezieht sich im Oberwallis auf die meist steilen, felsigen und trockenen, schlecht zu bewirtschaftenden Gebiete, wie sie etwa auf der rechten Seite des Haupttales anzutreffen sind (ungefähr dem hdt. Leite ‘Berghang’ (KLUGE / SEEBOLD 252011, 571) entsprechend). Jüngere lebende Belege haben häufig anlautendes /t/, also Triescht.

Die feminine Form Drieschta f. (z. B. Birgisch, Lax) lässt sich am ehesten als Re-Analyse des Plurals verstehen, wie die historischen Belege für Birgisch und Lax zeigen. Eine eigentliche Ableitung auf /-A/ liegt kaum vor. Wenn Artikel fehlen, ist es nicht möglich zu entscheiden, ob ein Singular Feminin oder ein Plural vorliegt.

Das Simplex im Singular ist als dr Driäscht (Blatten, Ferden), der Driescht (Naters und weitere), der Triescht (Oberwald, Gluringen) und mit Präposition ufum Driescht (Zeneggen), bzw. unner dum Driescht (Zeneggen) und im Driescht (Visperterminen) belegt. der Driest ist historisch mehrfach bezeugt (1306, Lalden und weitere), am Drieste (1306, Eggerberg) einmal. Ein femininer Singular Driesten (1795, Feschel und Guttet) steht neben den lebenden di Drieschta (Erschmatt und drei weiteren Belegen (Birgisch, Mund, Naters), die wohl Singular Feminin sind, aber historisch Plural aufweisen. Trieschta (FLNK, Lax) ist vermutlich auch Singular Feminin. Im Plural ist das Simplex sicher bezeugt in di Drieschta (Brigerbad), di Drieschte (Oberems, Randa), in den Driesten (1320 u. später, Glis; 1807, Mörel) und inter (zwischen) den Driesten (1297, Lalden), ze Trieschte (Fieschertal), an dien Triesten (1300–1330, Münster) und den Triesten (1717, Turtmann; Kasus durch Konstruktion).

Der Diminutiv im Simplex ist belegt als Drieschti (FLNK, Ernen), ts Drieschtji (Ausserberg, Embd, Hohtenn, Törbel), Triestji (FLNK, EK, Eggerberg) (wohl mit [sch] ausgesprochen. Der Plural erscheint in di Drieschtjini (Naters, zweimal) und Trieschtjini (EK, Eggerberg).

Attributive Adjektive zum HL sind wie folgt belegt: in den Endren Driesten ‘in den jenseitigen Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1547 u. später, Mund), in den Grauen Driesten ‘in den grauen Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1651, Mund), den Grawen Triest ‘(den) grauen Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1540, Naters, Kasus durch Konstruktion), in den Hindern Driesten ‘in den hinteren Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1865, Glis; 1399 u. später, Naters), aŭffŭm Hoodriest ‘auf dem hohen Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (1634 u. später, Zeneggen), Klein Driestgÿ ‘der kleine Driest (kleines, unfruchtbares Gebiet)’ (1768, Zeneggen), dr Ober Driäscht ‘der obere Teil des Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (Blatten), die Obern Driesten ‘die oberen Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1683, Erschmatt), t Ober Trieschta ‘die obere Driesta (unfruchtbares Gebiet)’ (Lax), Schwarz Trieschta ‘die schwarze Driesta (unfruchtbares Gebiet)’ (FLNK, Lax), der Under Driäscht ‘der untere Teil des Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (Blatten), die Vndrenn Driest ‘die unteren Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1577, Birgisch), in den Vndren Driesten ‘in den unteren Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1569 u. später, Mund), t Unner Trieschta ‘die untere Driesta (unfruchtbares Gebiet)’ (Lax) und Wiissu Trieschte ‘die weissen Driesten (unfruchtbare Gebiete’ (FLNK, Termen).

Vorangestellte Genitive des Besitzers oder Nutzers sind: ts Albregisch Driesta ‘die Driesta (unfruchtbares Gebiet) der Familie Albert’ (Mund), in den Birgischer Driesten ‘in den Driesten (unfruchtbare Gebiete) der Gemeinde Birgisch’ (1778 u. später, Birgisch), in den Gamsner Driesten ‘in den Driesten (unfruchtbare Gebiete) der Gemeinde Gamsen’ (1849, Glis), ts Gläisisch Drieschta ‘die Driesta (unfruchtbares Gebiet) des Gläis (Klaus) / der Familie Gläisen’ (Mund), des Gloden Driesta ‘die Driesta (unfruchtbares Gebiet) des Gloden’ (1714, Glis), Hirlymans Drieste ‘die Driesta (unfruchtbares Gebiet) der Familie Hirlymann’ (1859, Mund), ts Maadrisch Drieschta ‘die Drieschta (unfruchtbares Gebiet) der Familie Jossen, die Maadrini ‘Marder’ genannt wurde’ (Mund), ts Steihüötisch Drieschta ‘die Driesta (unfruchtbares Gebiet) der Familie Hüeter beim Stein’ und in des Tÿrolers Driesten ‘in der Driesta (unfruchtbares Gebiet) des Tirolers’ (1862, Glis). Die Formen Birgischer und Gamsner lassen sich als alte schwache Genitive Plural sehen, die heute als attributive Adjektive verstanden werden.

Als Grundwort ist das HL in zweigliedrigen Komposita selten belegt: Bischtrieschtu ‘die Driesten (unfruchtbares Gebiet) mit Büschen’ (Zeneggen), ts Chilchchrieschi ‘der kleine Driest (unfruchtbares Gebiet), der der Kirche gehörte (?)’ (Eggerberg, FLNK und EK haben Chilchtrieschtji), dazu kommen die komplexeren Ober Chilchtrieschtji (EK, Eggerberg) und Unner Chilchtrieschtji (EK, Eggerberg), Zwischdrÿesten ‘das Gebiet zwischen den Driesten (unfruchtbare Gebiete)’ (1558 u. später, Zeneggen) und dazu Obri und Unnri Zwischtrieschte (FLNK, Zeneggen).

Als Bestimmungswort verbindet sich das HL mit folgenden Grundwörtern zu zweigliedrigen Komposita: Acher, Bach, Balma, Bodu, Bord, Egg(a), Flüö, Gand, Gletscher, Matta, Sand, Schiir, Suon, Tiri, Wäg, Wald und Wanna. Mehrfach belegt ist auch die Verbindung mit Wasserleita. Komplexer ist etwa an den Obren Triestweg ‘an den Weg zum oberen Driest (unfruchtbares Gebiet)’ (1701 u. später, Feschel; 1796, Erschmatt).

Bemerkenswert sind komplexere Bildungen, die sich als syntaktische Gruppen verstehen lassen wie Alpen Uffem Triest ‘die Alpe auf dem Driest (unfruchtbares Gebiet) (1540, Naters), die allerdings auch einfach zem Drieste (1407) oder vffem Driest (1468) genannt wird – es handelt sich um eine hochgelegene Alpe im Bereich des Aletschi (Naters), oder ts Steihüötisch Hüs in der Drieschtu ‘das Haus der Familie Hüeter beim Stein in der Driesta (unfruchtbares Gebiet)’ (Mund).

Eine Ableitung auf /-ERIN/ für Wasserleitungen findet sich in die Driesterin ‘die Wasserleitung vom / zum Driest’ (1670, Mund) und als Weiterbildung Drieschtneri ‘(wohl) die Wasserleitung vom / zum Driest’ (FLNK, Naters).

Eine Adjektivbildung auf /-IN/ (SONDEREGGER 1958, 494, Adjektive mit Suffix ahd. /-ÎN/) ist belegt in der Drieschtinerwäg ‘der Weg, der durch den Driest (unfruchtbares Gebiet) führt’ (Visperterminen). Da in der Nähe kein HL als Flurname existiert, muss hier eine Adjektivableitung zu einem appellativ verstandenen ‘unfruchtbare, steile Gegend’ angenommen werden.

Kaum hieher gehört das 1740 in Bratsch belegte im drüest=tahl (zvahl?). Zwar lässt sich das als Driest-Tal verstehen, aber vermutlich liegt eine hyperkorrekte Form zum HL TRISCHTEL vor. Die unsichere Lesung legt nahe, dass der Schreiber selbst den Namen nicht mehr verstand. Das als Tiesch in Dieschacher (FLNK, Bürchen; Unterbäch) und Tÿescheggen (1620 u. später, Bürchen) sowie Tÿsch Matten (1713, Bürchen) belegte Etymon kann zum HL DRIEST gestellt werden, ist aber ohne /r/ sonst nicht belegt.

VSNB, Bd. 2, Sp. 31

Vorkommen

chrieschi

driäscht

driesch

driescht

drieschta

drieschte

drieschtgi

drieschti

drieschtiner

drieschtji

drieschtjini

drieschtneri

drieschtu

driest

driesta

drieste

driesten

driesterin

drisch

triesch

triescht

trieschta

trieschte

trieschtji

trieschtjini

trieschtu

triest

triesten

triestji