Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Rüüs

Rüüs m./f. ist zu schwdt. Runs, Rūs, Rūss m./n./f. ‘Gewässerstrom, Wasserlauf, Bach, Fluss, Rinnsal, Wildbach’ auch ‘Bachbett’ und vereinzelt ‘Schlucht, Graben’, in Namen teilweise noch halbappellativ im Gebrauch, und zu wdt. Rüüs, Ruiss (Lötschental) ‘Wasserfuhre’ (ID. 6, 1142 ff., bes. Anmerkung 1148 f; GRICHTING 1998, 165) zu stellen. Die ältesten Belege im Wallis weisen die Form Runs auf: 1297 Runsy (Grächen, Stalden), 1396 den Runs (Eischoll); solche Formen sind noch bis ins 19. Jahrhundert belegt (z. B. Baltschiedra Runss (1838, Baltschieder)). Das Staubsche Gesetz (Ersatzdehnung des Vokals für /n/ vor Reibelaut) ist seit Mitte des 15. Jahrhunderts belegt: antiquum Russ ‘der (lat.) alte Wasserlauf’ (1447, Raron). Die Palatalisierung zu Rüüs, Rüs und die Diphthongierung im Lötschental und in Simplon zu Ruis sind erst spät und meist nur mündlich belegt. Hyperkorrete Formen wie Teler Raús (1707, Eischoll) oder Rauss ‘alter Rottenlauf’ (1668, Brig) sind nur selten bezeugt.

Wie BELLWALD / WÜRTH (2006, Nr. 5.1.5.) zeigen, ist Rüüs ein geläufiger Ausdruck für eine Wasserleitung oder eine Wasserfuhr, wobei die Bandbreite der Bedeutungen sehr weit sein kann. Als Deutung wird im Folgenden meist ‘Wasserlauf’ angegeben, ausser wenn die Quelle eine klare andere Deutung kennt. Das HL ist rund 140 Mal belegt.

Das Simplex kommt im Singular nur selten vor: dỳ Runs (1414, Eggerberg) – das feminine Genus ist nicht unmöglich, könnte hier aber auch den Plural kennzeichnen –; in dem Rús ‘beim Wasserlauf’ (1754, Obergesteln) – der Text spricht von einem Stück Land, das die Gemeinde gekauft habe und gibt als alternativen Namen Mittlisten Hochÿ. Vermutlich handelt es sich hier um den Lauf des Rotten. bim Rŭss ‘beim Wasserlauf’ (1520 u. später, Geschinen; mit wechselnden Präpositionen); der Rüüs ‘der Wasserlauf’ (Baltschieder; historische Belege haben Runs(s)) – es handelt sich um einen Dorfteil von Baltschieder. Unsicher ist jn der Rvnson ‘beim Wasserlauf’ (1320, Ried-Brig); hier ist der Akkusativ eines Feminins vorausgesetzt.

Einen Plural des Simplex findet man in t Ruisa ‘die Wasserläufe’ (Simplon).

Als Diminutiv im Singular ist ts (e)Ruisji ‘der kleine Wasserlauf’ (Simplon), ein kleines Stück Schwemmland, belegt.

Mit attributiven Adjektiven kommen vor: antiquus Runs ‘(lat.) die alte Wasserleitung’ (1433, Raron), am Alten Rvns ‘an der alten Wasserleitung’ (1569, Raron), im Gabmer Rŭss ‘im Wasserlauf bei den Gadmen (Ställen)’ (1824, Oberwald), communem Runss ‘der Wasserlauf, der der Gemeinde gehört’ (1533, Raron), communem Runss ‘der Wasserlauf, der der Gemeinde gehört’ (1455 u. später, Steg), den Gmeinen Runs (Akkusativ wegen der Konstruktion) ‘der Wasserlauf, der der Gemeinde gehört’ (1748, Bürchen), den Gemeinen Russ (Akkusativ wegen der Konstruktion) ‘der Wasserlauf, der der Gemeinde gehört’ (1745, Visperterminen; 1619 als Communem Runss) und weitere drei ähnliche Belege (Eggerberg, Gampel, Grächen); den Grossen Rus ‘der grosse Wasserlauf’ (1740, Bratsch; Akkusativ durch Konstruktion bedingt), der Hee Rüüs ‘die hohe Wasserleitung’ (Niedergesteln), der Hinner Rüüs ‘der hintere Wasserlauf (Wasserleitung)’ (Randa), Niderrunsen ‘der untere Wasserlauf (Niederrunsen, frühere Gemeinde, heute Neubrück)’ (1593 u. später, Stalden; frühester Beleg 1297 de Runsy), t Voder Rüüs ‘der vordere Wasserlauf’ (Randa; scheint feminin zu sein, aber vam Foodru Rüüs zeigt maskulin). Ein attributives Partizip findet sich in zum Stotzundu Rüüs ‘zum steilen Wasserlauf’ (Visperterminen).

Vorangestellte Genitive sind sehr selten: Maxschinen Runss ‘der Wasserlauf der Familie Maxen’ (1689, Unterems) (der historische Beleg hat: “aqua’ductum communem aut …”, meint also eine Wasserleitung der Gemeinde, die auch nach der Familie Maxen (AWWB 165) genannt wird). Ob Teler Raús (1707, Eischoll) tatsächlich einen Besitzernamen Teler enthält oder ein Gebiet Teler, ist unklar.

Als Grundwort ist das HL in zweigliedrigen Komposita als Name für Wasserläufe mit den Namen von Fluren verbunden, an denen der Wasserlauf oder die Wasserleitung vorbeifliesst. Besonders interessant sind hier Orte, an denen der Rüüs aus einer grösseren Wasserleitung abgeleitet wird, wie in der Abschlacht(e)rüüs ‘der Wasserlauf, der von der Wasserleitung abgeleitet wird’ (Hohtenn, zweimal; Niedergesteln). In vielen Fällen wird aber einfach ein Rüüs nach einer Gemeinde oder einer Flur benannt: der Alpurüüs ‘die Wasserleitung von der (Fäsil-)Alpe her’ (Gampel), am Ehrbrúns ‘am Wasserlauf beim Erbgut’ (1719, Niedergesteln), der Eschruns ‘der Wasserlauf vom / zum Saatfeld / mit Eschen’ (1455, Eischoll), Feschel Rúss ‘der Wasserlauf bei Feschel’ (1736, Feschel), dr Fururuis ‘der Wasserlauf zur Furche’ (Kippel) und viele andere mehr.

Nur einmal ist der Typ mit der Verbpartikel Ab belegt in der Gemeine Abrus ‘die Ableitung aus dem Wasserlauf, die der Gemeinde gehört’ (1837, Unterems). Abrūs m. (ID. 6, 1150) bezeichnet eine ‘abwärts gehende Strömung’.

Komplexere Formen sind etwa den Alten Rotten Raŭss ‘der alte Rottenlauf’ (1668 u. später, Brig; Akkusativ ist durch Konstruktion bedingt; 1624 latinisiert als Cursum Antiquum Rodani), der Alte Rhodanrús ‘der alte Rottenlauf’ (1848, Oberwald), der Neue Rhodanrus ‘der neue Rottenlauf’ (1842, Oberwald), der Gmein Dorff Russ ‘die Wasserleitung zum Dorf, die der Gemeinde gehört’, der Chüolimatturüüs ‘die Wasserleitung von der / zu der Chüölimatte (Wiese für die kleinen Kühe)’ (Brigerbad) und viele andere.

Als Bestimmungswort kommt das HL in zweigliedrigen Komposita nur vor als Russ Boden ‘der Boden mit / bei einem kleinen Wasserlauf’ (1528, Brig) und t (e)Rüssacherlini ‘die kleinen Äcker beim Wasserlauf’ (Turtmann). Eine Art Koordinationskompositum findet man in die Rússaltina (1741, Termen) und die Ruͦssaltinen (1665 u. später, Mund). An beiden Stellen ist wohl eine Altina (die hochgelegene?) genannte Wasserleitung gemeint (cf. HL ALTANA). Eine komplexere Form stellt die Ruswasserleiten ‘die Wasserleitung mit Wasserlauf’ (1627, Grächen) dar, wo unklar ist, ob die Wasserleitung einfach Rus heisst, oder ob der Rus eine kleinere Wasserleitung ist.

Eine seltene Bildung ist das zweimal belegte Trusera (FLNK, Ernen; 1499, Grengiols). Beide Male ist eine Wasserleitung gemeint. Die Bildung scheint aus einer Ableitung auf /-ERA/ für Wasserleitungen und einem agglutinierten Artikel zu bestehen: t Rus+era, also die Wasserleitung Rus, wobei offenbar Rus ein Appellativ für einen Wasserlauf ist; Trusera ist dann die Wasserleitung, die aus einem Wasserlauf stammt.

VSNB, Bd. 3, Sp. 519

Vorkommen

(e)ruisji

(e)rüs

(e)rüüs

drüss

rauss

ruis

ruisa

runs

runsen

runson

runss

runsun

runtzun

rus

rüs

rus

rüs

rus

rüss

russ

rüss

russ

rüssi

rüüs

trusera