Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Gassa

Gassa f. ‘Gasse’ ist zu schwdt. Gass f. ‘Gasse, Durchgang zwischen Häuserreihen (oder sonstige Erhöhungen), gepflastert oder nicht’, 1) wie nhd. 2a) ‘mit Rasen bewachsener Feldweg’ 2b) ‘tief ausgewaschener Weg, alter Hohlweg’ (ID. 2, 449 f.) zu stellen. Die wdt. Form Gassa, Gassu ist zweisilbig (GRICHTING 1998, 84) Daraus abgeleitet sind die FaN Gasner und Gasser, in latinisierter Form de Vico (cf. AWWB 105), sowie An der Gassen; es ist nicht immer klar, ob ein Familienname vorliegt oder nicht. Die Belege sind deswegen zusammengenommen.

Den lateinischen Appellativen strata ‘Strasse’, via ‘Weg, Strasse’ und vicus ‘Dorf, Gasse’ entsprechen die deutschen Ausdrücke Gassa, Straass und Wäg und deren Diminutive. Im Allgemeinen ist Straass eher gebraucht für die grosse Landstrasse (lat. VIA REGIA) und, in neuerer Zeit, für die breiten Strassen in grösseren Gemeinden, sowie für neuere Strassenverbindungen zwischen dem Tal und Bergdörfern. Gassen sind dagegen meist kleinere, manchmal gepflasterte, manchmal eingezäunte oder mit Einfriedungen versehene Verbindungswege zwischen oder innerhalb von Gemeinden oder Dorfteilen. Wege sind häufig schmaler, weniger breit und weniger ausgebaut als Gassen oder gar Strassen. Im Einzelfall können aber die Bezeichnungen auch ausgetauscht werden.

Das Simplex Gassa ist meist verbunden mit einer Präposition wie In, Zu, Unner, Ob mit einer obliquen Form im Singular oder Plural (was in der geschriebenen Form nicht immer unterscheidbar ist, wenn der Artikel fehlt); einen Sonderfall stellt Zwisched Gasse ‘zwischen den Gassen’ (Ulrichen) für ein Gebiet zwischen zwei Gassen dar. Als Diminutiv tritt Gässi auf, daneben Gässilti, Gässji mit den schriftsprachlichen Äquivalenten Gessin, Gessiltin oder Gässelte. Plurale des Diminutivs fehlen. Adjektivische Konstruktionen mit Gassa als Grundwort sind das häufige Alt Gassa ‘alte Gasse’, sowie Gmeine Gasse ‘Gasse, die der Gemeinde gehört’, zem Grossun Gässi (Raron), Engi Gassa, Holi Gassa ‘Hohle Gasse (Gasse, die in einer Höhlung oder Einbuchtung verläuft)’, Lengi Gassa, Ober Gassa, Undri oder Unner Gassa, Teiff Gassa ‘tiefe Gasse’, Voder Gassa ‘vordere Gasse’ und Wiit Gassa ‘weite Gasse’ (die Belege sind typisiert).

Sehr häufig sind Konstruktionen mit Gassa oder Gässi als Grundwort und Ortsbezeichnungen als Bestimmungswort, die angeben, woher bzw. wohin eine Gasse führt. Öfter kommen vor Alpgassa oder Aupgassa ‘der Weg zur Alpe’, Bärggassa ‘der Weg auf das bergwärts gelegene Gebiet’, Bielgassa ‘der Weg zum Hügel’, Bingassa ‘der Weg zur Bina (Pflanzplatz), Chrizgassa ‘Kreuzgasse’, wobei hier eine Gassenkreuzung ebenso gemeint sein kann, wie eine Gasse bei einem Weg- oder anderem Kreuz, Erilgassa ‘die Gasse zu / bei den Erlen’, Geissgassa ‘die Gasse, durch die man die Ziegen treibt’, Hergassa ‘die Gasse, an der der Pfarrher wohnt’, Miligassa ‘Gasse von / zu der Mühle’, Spitaal- oder Spittelgassa ‘Gasse vom / zum Spital / Spittel’, Treichgassa ‘Gasse, die zur Tränkstelle führt’ und viele andere mehr. Nicht ganz einfach sind Staaldgassa und Stutzgassa; sowohl Staald-, als auch Stutz bezeichnen steile An- oder Abstiege. Wenn es sich um sogenannte Kopulativkomposita handelt, dann ist die Gasse selbst so ein Stalden oder ein Stutz; wenn nicht, dann führt sie zu einem Stalden oder einem Stutz. Auf Grund der Angaben und auf der Karte lässt sich hier meist nichts Genaueres sagen. Selten sind adjektivische Erweiterungen wie ts Chlei Feitierugässi und ts Groos Feitierugässi (beide Leuk) ‘das kleine und das grosse Gässchen nach Feithieren (Ortsteil von Leuk)’. Geradezu ein Gegensatz scheint zunächst die Alten Junggassen (1653, St. Niklaus) zu sein, doch ist hier die Alte Gasse zur Alpe Jungen gemeint.

Einen seltenen Fall mit nachgestelltem Genitiv (wenn wir richtig sehen) ist zer Gassen Rubiltin (1633, Martisberg) ‘zur Gasse des kleinen Rubi’, wobei Rubi wohl ein PN oder ein FaN ist.

Seltener ist Gassa als Bestimmungswort. Belegt sind etwa Gassenmatte (1543, 1679 Birgisch) ‘die Wiese bei der Gasse’, in den Gasso Achra ‘in den Äckern (bei) der Gasse’ (1744, Erschmatt), Gassunachra ‘die Äcker im Gebiet Gassun’ (Blatten), Gassu Bodu ‘der Boden beim Dorfteil zer Gassu’ (Leukerbad) oder das Gassewägi ‘kleiner Weg zum Gebiet Gasse’ (Oberwald). Etwas unklar ist Gassen Schnitten (Bister) ‘die Streifen Landes bei der Gasse’. Auch in Oberwald ist belegt Gasseteil ‘das der Famile (an der) Gassen zugeteilte Gebiet’; hier ist also vermutlich ein FaN vertreten. In Gassero Ledi, Gassero Halta, Gassero Wier (alle Ried-Brig) sind die Einwohner der Gassa, eines Dorfteils von Ried-Brig, gemeint; ähnlich ist wohl Gasseraloch (Ried-Brig) zu werten. Bei Gassero Wald (Stalden) könnte ein FaN Gasser vorliegen, ebenso in Gasserwaaldji (Naters). Gässi als ‘enger Durchgang im Gebirge’ ist in Gässijoch und Gässispitz (beide Oberems und St. Niklaus) vertreten. Nur einmal ist ein vorangestellter Genitiv vom Typ Gassigo (Eischoll) zu finden, der Beleg ist sonst lateinisch: Alpem gassigo ‘die Alpe der Leute von Gassen / der Familie Gassen’.

VSNB, Bd. 2, Sp. 241

Vorkommen

gas

gas (Gassa)

gass

gassa

gassä

gassa

gasse

gässelte

gasselti

gässelti

gasselti

gässeltin

gassen

gasser

gassera

gassero

gässi

gassigo

gässilti

gassiltin

gässiltin

gässin

gässji

gässlein

gasso

gassu

gassun

gasun

gessi

gessiltin

gessin

gessy