Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Wasser

Wasser n. ‘das Wasser’ ist zu schwdt. Wasser n., ahd. wazzar, mhd. wazzer, wesentlich wie nhd. und wdt. Wasser, Wassr (Lötschental), Wassär ‘Wasser’ (ID. 16, 1789 ff.; GRICHTING 1998, 237) in der Bedeutung ‘fliessendes oder stehendes Gewässer, Wasserlauf’ zu stellen. Häufig ist das Grundwort Wasser als ‘Wasserleitung’ zu verstehen (BELLWALD/WÜRTH 2006, Abschnitt 6.1.1.). Von den rund 700 Belegen betreffen rund 400 das Kompositum Wasserleita (cf. HL LEITA und den Eintrag WASSERLEITA (Verweis)). Komposita dieses Typs werden hier nicht gesondert behandelt.

Das Simplex im Plural ist in Zwisched de Wasser ‘zwischen den Wassern’ (Binn) belegt, wo ein Stafel zwischen zwei Bächen gemeint ist, und in t Wassra ‘das wasserreiche Gebiet’ (Törbel) belegt. Plurale ohne Umlaut bezeichnen wasserreiche Gegenden, Quellen oder Felsen, über die Wasser strömt.

Ein Diminutiv im Plural hat ze Wasserlinu ‘bei den kleinen Wasserquellen’ (Eisten).

Attributive Adjektive zum Grundwort sind: ts Glinguwasser ‘der klingende (tosende) Bach’ (Fieschertal, LT Glingulwasser), ts Gross Wasser ‘das grosse Wasser (Bach im Zwischbergental)’ (Zwischbergen; JORDAN (2006, 531) hat im Register dreimal Grossus Wassär), aus dem Hei=Wasser ‘aus dem hohen Wasser’ (1766, Ried-Brig; 1390 Heynwasser deutet aber darauf hin, dass hier nicht das HL HOCH, sondern Heyn vorliegt, das eventuell zum HL HEIM gestellt werden kann; dann läge hier kein Attribut, sondern ein Heimwasser vor, das später als hohes Wasser interpretiert wurde). Weitere Belege: Chalt Wasser ‘das kalte Wasser’ (Grächen), Chaltu Wasser ‘das kalte Wasser’ (Bürchen), bim Chaalte Wasser ‘beim kalten Wasser’ (Oberwald) und die Plurale t Chaaltu Wasser ‘die kalten Wasser’ (Ried-Brig, St. Niklaus), Chalti Wasser ‘die kalten Wasser’ (Grengiols). In Ried-Brig bildet sich hier ein eigentliches Namennest mit Chaltwassergletschter, Chaltwasserhitta, Chaltwasserpass, Chaltwasserseewji und Chaltwassertälli. Schwer zu verstehen ist das Partizip in ze Kcheerete Wasser ‘zu den gekehrten Wassern’ (Grengiols) zum Verb cheere, cheerä (Goms), cheern (Lötschtal), cheeru ‘drehen, wenden’ (GRICHTING 1998, 47), wo unklar ist, ob Cheerwasser oder umgekehrtes Wasser gemeint ist. Das sonst mehrfach belegte Cheerwasser ‘Wasser, das von den Geteilen im Turnus (Kehr) gebraucht wurde’ (Bitsch, Mühlebach, Naters, Niederwald) ist sonst als Terminus gebraucht und hier wohl am ehesten gemeint. im Lauw Waser ‘im lauen Wasser’ (1711, Mörel) ist nur einmal belegt, ebenso ts Lägund Wasser ‘der eben hinfliessende Bach’ (Embd) und aús dem Längiwasser ‘aus dem Längiwasser (im Kontext wohl Wasserleitung)’ (1763, Mörel). ts Mittelwasser ‘die mittlere Wasserleitung’ (Mund) steht neben ts Nider Wasser ‘die untere Wasserleitung (unterer Teil des Miliwassers)’ (Bratsch) und ts Ober Wasser ‘die obere Wasserleitung’ (Visperterminen), historisch als im Obren Wasser ‘im oberen Wasser (wohl Wasserleitung)’ (1763, Betten), vber daz Wasser ‘über das Wasser’ (1304, Törbel), wohl eine Wohnstätte, ts Unner Wasser ‘die untere Wasserleitung’ (Leuk) und die Siedlung Unnerwasser ‘Unterwasser (gmeint ist: zwischen den Wassern)’ (Oberwald, LT Unterwassern), resp. ts Unnerwassere (Oberwald, FLNK Unnerwassere). bim Waarme Wasser ‘beim Warmen Wasser’ (Blitzingen) und Warme Wasser (FLNK, Niederwald) stehen neben beim Schwarzen Wasser ‘beim schwarzen Wasser’ (1841, Baltschieder), di Treiffundu Wasser ‘die triefenden Wasser’ (Täsch) mit Partizip Präsens zum Verb trauffen ‘triefen’ (ID. 14, 357 f.), Wiisswasser ‘das Weisswasser (wohl Wasserleitung)’ (Naters), ts Wiiswasser ‘das Weisswasser (Talbach im Fieschertal)’ (Fieschertal), Wysswasser ‘das Weisswasser (Talbach im Fieschertal)’ (LT, Fiesch; FLNK Wiiswasser) (es handelt sich in Fieschertal und Fiesch um den gleichen Bach), das Aŭsser Wasser ‘die äussere Wasserleitung’ (1633, Martisberg). Ausser den Adjektiven Chaalt und Waarm und den Farbadjektiven Schwarz und Wiiss sind es vor allem die Lagebezeichnungen Ober, Mittel und Unner, die häufig vorkommen. Die übrigen Adjektive und Partizipien sind nur selten belegt.

Vorangestellte Genitive des Besitzers oder Nutzers sind sehr selten und im Allgemeinen unsicher: jm Heÿ- den Wasser ‘in der Wasserleitung der Heiden (vorgeschichtliche Bevölkerung)’ (1611, Visperterminen; 1553 nur ex dem Heÿdenn), Beetschwasser ‘der Bach / die Wasserleitung beim Gut des Peter (PN)’ (Naters), Bremen Wasser (1306, Eggerberg) (ist wohl zum PN Bremo im Genitiv zu stellen), der Smido Wasser ‘das Wasser der Schmiede / des Schmieds’ (1307, Törbel), Visperro Wasser ‘die Wasserleitung der Leute von Visp’ (1309, Visperterminen; 1338 (lat.: sub aqueductu illorum de Vespia ‘unter der Wasserleitung der Leute von Visp)).

Häufig sind dagegen zweigliedrige Komposita mit dem HL als Grundwort. Der häufigste Fall sind Komposita, die den Ausgang- oder Zielort des bewässerten Gebietes angeben, wie z. B. ts Alpwasser ‘das Wasser (Wasserleitung) aus der Alpe’ (Mund), ts Eiuwasser ‘die Wasserleitung zur Aue’ (Randa), ts Flüewasser ‘die Wasserleitung zur Fluh’ (Randa), ts Furewasser ‘die Wasserleitung zur Fura (Furche)’ (Blitzingen) und viele andere. Tiernamen kommen nur sehr selten vor: Gaagguwasser ‘das Wasser für die Krähen / Raben (unklar, auf LT kein Wasser erkennbar)’ (Birgisch), ts Chalberwasser ‘der Bach für die Kälber / mit Fadenwürmern (?)’ (Leukerbad), wohl eher nach der Chalberweid benannt, t Rosswasser ‘die Wasser aus dem Rosszigji’ (St. Niklaus). Auch Baumnamen finden sich, meist als Zielorte von Wasserleitungen: Hasulwasser ‘der Bach beim Weiler Hasul (wo es Haselstauden hat)’ (FLNK, Naters), ts Lärchwasser ‘das Wasser zum Weiler Lärch’ (Blitzingen), ts Roorwasser ‘die Wasserleitung zum Rooracher (Acker beim Röhricht)’ (Blitzingen), ts Stockenewasser ‘die Wasserleitung zur Stockena (bestocktes Gebiet)’ (Blitzingen). Wohl eine Tageszeit, zu der das Wasser dort floss, meinen ts Aabuwasser ‘das abends genützte Wasser (Bach, Wasserleitung)’ und Morguwasser ‘das morgens genützte Wasser (Bach, Wasserleitung)’ (beide Unterems); die Jahreszeit ist in beÿ dem Winterwasser ‘das Wasser (Bach) auf der Schattseite (?)’ (Mund) belegt.

Komplexere Konstruktionen sind nicht selten: ts Alt Diichilwasser ‘die alte Wasserleitung in Holzkänneln’ (Niedergesteln), Bacheggewasser ‘die Wasserleitung an der Bachegge vorbei’ (FLNK, Ulrichen), ts Baläggschgadewasser ‘das Wasser für den Gaden (Stall) des Balägg (PN) / Balet (PN)’ (Blitzingen), ts Chiebobmuwasser ‘die Wasserleitung zum Gebiet Chiebobmu (Kühboden)’ (Randa) und ts Unner Fliewasser ‘das untere Wasser (Bach) bei den Flühen’ (Saas-Grund) nebst vielen anderen.

Als Bestimmungswort kommt das HL Wasser zunächst als Wasserfuor oder Wasserfuhr (sechs historische Belege) vor, das einer der selten gebrauchten Namen für Wasserleitungen ist (BELLWALD/WÜRTH 2006, 5.1.1). Weitere häufiger belegte Typen sind: der Wasserfall ‘der Wasserfall’ (Leukerbad und sechs weitere Belege), t Wasserfassig ‘die Wasserfassung’ (Zwischbergen und weitere drei Belege, die Fassung von Wasser für ein Kraftwerk), ts Wasserschloss ‘das Wasserschloss’ (Grächen und weitere drei Belege, Tunnel oder Druckleitung), t Wasserschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit Wasser (Quellen)’ (Obergesteln und fünf weitere Belege). Weitere Grundwörter sind: Balma, Bodu, Chrache, Chromu, Ägine, Galerii, Grabu, Hee (hoch, heej), Loch, Matta, Stei, Teil, Ture und Zubu.

Eine mehrfach auftretende Ableitung ist Wässer, das wohl zum Verbum wässeren ‘bewässern’ zu stellen ist (ID. 18, 1648). Wässer tritt als Bestimmungswort mit den Grundwörtern Balma, Bodu, Flüe, Hee (hoch, heej), Matta, Mieta und Zug auf. Dazu kommt historisch Wessermatta ‘die Wässerwiese’ (1448 u. später, Termen).

VSNB, Bd. 4, Sp. 523

Vorkommen

biwässrigs

wassär

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wässer

wasser

wassere

wasserli

wasserlinu

wassra

wassre

wesser