Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

Datenbank (Webversion)
Hauptlemma

See

See m. ‘See’ ist zu schwdt. Sē(w) m., Dim. wdt. Sēwji, Sēwi ‘See, auch für stehende Gewässer kleinen und kleinsten Umfangs’, ahd. sē(o), (Pl. sēwi, gew. sēwa), mhd. (Pl. sēwe) m. und wdt. See, Seewji, Seeji (Mattertal), Seeli (Lötschental), Seelji (Leuker Berge), Seewji ‘See, Seelein, Weiher’ (ID. 7, 1479 ff.; GRICHTING 1998, 187) zu stellen. Das Oberwallis verfügt über keinen der grösseren Seen, aber über viele relativ kleine Alp- und Stauseen. Das /-w-/ in vielen Formen entspricht dem Ahd. Rund 360 Belege sind für das Oberwallis bezeugt.

Das Simplex See ist als der See (Naters, LT Bitschjisee; Fieschertal; Niedergesteln; Saas-Balen, mehrfach), bim See (Ulrichen, Zwischbergen), ob dum See (Zermatt), zem See (Zermatt, Siedlung ohne See), zum See (Martisberg, Saas-Balen), historisch jm See (1611, Visperterminen) belegt; einige Fälle weisen lateinische Formen auf: subtus lacum ‘unter dem See’ (1751, Reckingen), ultra lacunam ‘jenseits des Sees’ (1716, Visp). Formen mit /w/ sind ts Seew ‘bei den Seen’ (Grächen, Visperterminen), die kollektive Bedeutung aufweisen. Plurale sind t Seewe ‘die Seen’ (Eischoll), bine Seewe ‘bei den Seen’ (Bellwald, Reckingen), zu Seewe ‘bei den Seen’ (Obergesteln), ze Seewu ‘bei den Seen’ (Zwischbergen). Das Diminutiv im Singular ist als ts Seewji ‘der kleine See’ (Termen) bim Seewji ‘beim kleinen See’ (Binn, Münster, Reckingen), ts Seewlin ‘der kleine See’ (Blatten), am Sewji ‘am kleinen See’ (1850, Mund), am Sewi ‘am kleinen See’ (1555 u. später, Eggerberg) belegt. Der Plural des Diminutivs erscheint in t Seewjini ‘die kleinen Seen’ (Ausserberg, Eggerberg, Eyholz, Mund, St. Niklaus, Visp, Zeneggen, Zwischbergen), bine Seewjene ‘bei den kleinen See’ (Ulrichen), ze Seewjinu ‘bei den kleinen Seen’ (Baltschieder, St. Niklaus, Zermatt), zu Seewjinu ‘bei den kleinen Seen’ (Varen). Für Simplon und Zwischbergen verweisen wir global auf JORDAN (2006, 540 und passim), der im Register eine Reihe von Namen mit dem HL SEE aufweist.

Attributive Adjektive zum HL sind der Blaaw See ‘der blauen See’ (Grengiols, Obergesteln, Visperterminen), ts Blaaw Seewji ‘der kleine blaue See’ (Obergesteln), ts Blau (w) Seewji ‘der kleine blaue See’ (Niederwald), ts Blau Seewji ‘der kleine blaue See’ (Ernen, Simplon), zim Blaawi See ‘beim blauen See’ (Ferden), zem Blaawi Seelin ‘beim blauen See’ (Blatten), zŭm Blaúen See ‘zum blauen See’ (Münster), im Blawen Se ‘im blauen See’ (1571, Reckingen), ts Blind Seewji ‘der kleine, blinde (= trübe?) See’ (Törbel), ts Chlei Seewji ‘der kleine See’ (Oberems), der Chrumm See ‘der krumme See’ (Unterbäch), ze Dri Seewjinu ‘bei den drei kleinen Seen’ (Saas-Balen), Dritte See ‘der dritte See (von vier Alpseen)’ (Zwischbergen), Erschte See ‘der erste See (von vier Alpseen)’ (Zwischbergen), der Giteilt See ‘der geteilte See (bei Niedrigwasser in zwei Teile geteilt)’ (Oberems), der Gross See ‘der grosse See (Alpsee)’ (Unterbäch), ts Gross Seewji ‘der grosse kleine See (im Pfynwald)’ (Leuk), zum Grossu See ‘beim grossen See’ (Naters), ts Indroscht Seewji ‘der innerste kleine See’ (Törbel), zem Kleinen See ‘beim kleinen See’ (1433, Ulrichen), ts Läng Seewji ‘der lange kleine See’ (Oberems, zwei Belege), Lenge See ‘der lange See (Alpsee)’ (Blitzingen), bim Lenge Seewji ‘beim langen kleinen See (LT Lenge See)’ (Niederwald), der Leng See ‘der lange See (LT u. 1:10000 Lengsee) ‘der lange See’ (Obergesteln), ts Leng Seeli ‘der lange kleine See’ (Oberwald), der Mittlescht See ‘der mittelste See (einer von drei Alpseen)’ (Bellwald), ts Mittloscht Seewji ‘der mittlere kleine See (von mehreren Alpseen)’ (Törbel), bim Oberschte Seewji ‘beim obersten kleinen See’ (Niederwald), der Oberscht See ‘der oberste See’ (Bellwald, Ulrichen), Oberscht Seewji ‘der oberste kleine See’ (FLNK, Törbel), ts Ober Seeli ‘der obere kleine See’ (Oberwald), Oberst Seewji ‘der oberste kleine See’ (FLNK, Ulrichen), t Obru Seewe ‘die oberen Seen’ (Simplon), ze Rote Seewe ‘bei den roten Seen’ (Selkingen), der Rund See ‘der runde See (auf SK Tittersee (der See, der einem Ei-Dotter gleicht)’ (Obergesteln), der Schwarz See ‘der schwarze See’ (Guttet, Oberems, Zermatt), ts Schwarz Seewji ‘der kleine schwarze See’ (Binn), ts Stiichund Seewji ‘der stinkende kleine See’ (Gampel), der Tot See ‘der tote See’ (Oberwald, unklar), t Undru Seewe ‘die unteren Seen’ (Simplon), Unnerscht Seewji ‘der unterste kleine See’ (Törbel), ts Unner Seeli ‘der untere kleine See’ (Oberwald), ts Üssroscht Seeli ‘der äusserste kleine See’ (Törbel), Vierte See ‘der vierte See’ (FLNK, Zwischbergen), der Wiiss See ‘der weisse See’ (Guttet), Zweite See ‘der zweite See’ (FLNK, Zwischbergen). Unklar ist Wiss Kuei Sewlin ‘der kleine See, der wie eine weisse Kuh aussieht (?)’ (1580, Guttet). Latinisiert ist ad lacum ceruleum ‘beim blauen See’ (1668, Reckingen). Zwei Attribute sind in in der Mitte der obristen zwei Seen ‘in der Mitte der obersten zwei Seen’ (1681, Blitzingen) vertreten, doch ist hier unklar, ob einfach ein Appellativ vorliegt.

Vermutlich einen Genitiv Plural enthält der Bonig See (Törbel; FLNK u. LT Boniger See; SK Bonigersee), als ‘der See der Leute des Boner / der Familie Boner (?)’ zu deuten. Ein FaN oder PN ist in ts Josch See ‘der See der Familie Jost / des Jost’ (Obergesteln; FLNK Joschtsee; LT Jostsee) vertreten.

Als Grundwort ist das HL mit einer Reihe von Bestimmungswörtern in zweigliedrigen Komposita vertreten. Einen Sondertyp bilden Namen mit einem Adjektiv als Bestimmungswort: der Blausee ‘der blaue See’ (Greich, Ritzingen), Griesee ‘der grüne See’ (FLNK, Ried-Mörel; LT Grünsee), der Griensee ‘der grüne See’ (Zermatt; LT Grüensee; SK Grünsee), der Lengsee ‘der lange See’ (Blitzingen; FLNK u. LT Lengsee; SK Langen See), Längseewji ‘der kleine lange See (LT, Oberems; 1:10000 Meidsee), der Mittelsee ‘der mittlere See (von mehreren Alpseen)’ (Ulrichen), der Mittusee ‘der Mittelsee (von drei Alpseen)’ (Blitzingen), Schwarzsee ‘der schwarze See’ (FLNK, Birgisch; FLNK, Ferden; Leuk) und Trübensee ‘der trübe See’ (SK, Blitzingen; wohl identisch mit ts Trüebuti ‘die kleine, trübe Gegend’ (Niederwald)), Vordersee ‘der Vordersee (Stausee auf Märjela)’ (Fieschertal). Auf die Farbe bezieht sich auch der Sirwoltusee ‘der Sirwoltusee (See, dessen Wasser trübe ist wie Molke)’ (Simplon).

Einige Namen enthalten ein Bestimmungswort auf /-er/, das wohl ein ursprünglicher Genitiv Plural von Nutzern oder Besitzern ist. In einigen Fällen ist auch einfach die nahegelegene Alp oder Flur gemeint: der Bättmersee ‘der (Stau)-)See auf der Bettmeralp’ (Betten), ts Bätzlärseeli ‘der kleine See im Gebiet der Bätzla’ (Wiler), der Bruchersee ‘der See beim Bruchi (kleiner Bruch)’ (Naters), Geschinersee ‘der See bei Geschinen (Gemeindename) im Rottental’ (FLNK, Geschinen), der Goornersee ‘der See beim Gornergletscher’ (Zermatt), ts Imigerusee ‘der See der Leute von Imine’ (Hohtenn; der Ort befindet sich etwas tiefer), Lüsgersee ‘der See auf der Alpe Lüsga’ (FLNK, Naters), ts Müeterseeli ‘der kleine See beim Gebiet Mutt (Hügel) / der Familie Mutter’ (Oberwald), Wasmerseewji ‘der kleine See auf der Wasenalp’ (Ried-Brig).

In einigen Fällen wird der Stausee als solcher benannt: der Stausee (Grengiols (zweimal), Zwischbergen), bim Stausee (Oberems), Stausee Gibidum ‘der Stausee (der Massa) im Gebiet Gibidum (Böden (Kollektiv))’ (Bitsch, Naters, Ried-Mörel), Stausee Mattmark ‘der Stausee Mattmark (umgedeuteter romanischer Name)’ (Saas-Almagell), wobei das Bestimmungswort Stau aus dem Hochdeutschen übernommen wurde.

Der grösste Teil der Komposita nimmt im Bestimmungswort Bezug auf die nächstliegende Alp oder Flur. Einige Belege: dr Aanusee ‘der See auf der Aana (Alp bei Blatten)’ (Blatten), der Faflärsee ‘der See auf der Fafleralp’ (Blatten), Fahsee ‘der (Stau-)See im Gebiet Fa’ (Zwischbergen), Finilusee ‘der See beim Heuschober (im Finiltelli)’ (FLNK Visperterminen; LT Findlesee), Fleschsee ‘der See im Gebiet Flesch (Wasserstelle)’ (Blitzingen), ts Fleschseewji ‘der kleine See auf der Alpe Flesch (Wasserstelle)’ (Binn) und viele andere mehr.

Tiernamen oder davon abgeleitete Namen sind: ts Fischerseewji ‘der kleine See, wo Fische gefangen werden’ (Leuk), der Hobschulsee ‘der Hopschelsee’ (Simplon, See bei den Hobsche ‘Gebiet mit Fröschen’), der Lämmerasee ‘der See auf der Alpe Lämmera’ (Leukerbad), ts Mugguseewji ‘der kleine See mit Mücken’ (Leuk), der Buäbusee ‘der See für die Buben’ (Ferden) meint wohl einen See, in dem Buben gebadet haben. ts Müeterseeli ‘der kleine See beim Gebiet Mutt (Hügel) (LT und FLNK Mutterseewji) / der Familie Mutter’ (Oberwald) kann sowohl nach dem Flurnamen Mutt, wie nach dem FaN Mutter benannt sein. dr Üelisee ‘der See, der zu Ulrichen gehört’ (Ulrichen) übernimmt eine Kurzform der Gemeinde, zu der er gehört.

Ein Baumname ist verteten in der Aarbsee ‘der See mit Arven’ (Gampel); sonst fehlen Baumnamen.

Einen Sonderfall stellt Baggersee ‘der Baggersee’ (FLNK, Raron) dar, der heute auf LT Steineji See ‘der See bei der Aue beim Weiler zum Stein’ heisst.

Komplexere Fälle sind der Fäudbachsee ‘der See am Fäldbachgletscher’ (FLNK, Binn), der Geisfadsee ‘der See beim Geissfad (LT Geisspfadsee)’ (Binn), ts Hockmatteseewji ‘der kleine See, der zur Hockmatta (Wiese mit einem Höcker) gehört’ (Binn), ts Chaltwasserseewji ‘der kleine See beim Kaltwassergletscher’ (Ried-Brig), ts Merezebachseewji ‘der kleine See des Merezenbachs’ (Münster), der Ober und der Unner Märetschisee (Agarn), sowie der damit identische der Ober und der Unner Märetschusee ‘der obere und der untere See auf der Märetschi-Alpe (Sumpfgebiet)’ (Leuk) und andere mehr.

Umschreibungen sind: an der Eggu mim See ‘an der Ecke beim See (wohl Umschreibung: zwischen Weiler Egga und See (Ausgleichsbecken)’ (Simplon), Nufene bim See ‘auf dem Nufenen(pass) beim See’ (Ulrichen).

Als Bestimmungswort kommt das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern vor: Bach, Bäärg, Biel, Bodu, Bord, Brunnu, Egg(a), Fäld, Flüö, Fura, Gassa, Gletscher, Haalta, Hooru, Licka, Lischa, Löuwina, Mad, Matta, Mettle - Mettja, Saass, Sattel, Schleif, Schluocht, Stafel, Stutz, Suon, Tal, Tola, Wald und Wang. Komplexer ist das mehrfach belegte Seebachtala (FLNK, Grächen), die Sebachtellen (1666, St. Niklaus), Seebachtillen (1732, Visperterminen), t Seebachtola (Visperterminen, zweimal), Seebachtulen (1802, Embd), alle ‘Wasserrinne’.

Komplexere Fälle sind ts Seetalhoru ‘das Seetalhorn (Gipfelname, oberhalb des Seetal)’ (Grächen, Eisten), ts Seetaltreii ‘der kleine Weg ins Seetal (Niedergestler Gebiet)’ (Hohtenn) und Seetaltreiju ‘der Weg ins Seetal (Niedergestler Gebiet)’ (FLNK, Hohtenn) und t Obru und t Undru Seemattä ‘die oberen und die unteren Wiesen beim See (Schwarzsee)’ (Blatten) und andere.

Als Genitiv erscheint das HL in Seewlisch Bord ‘das Bord (Abhang, Böschung) des kleinen Sees’ (Blatten), das dort auch Siiwlisch Bord heisst; nicht auszuschliessen ist jedoch, dass es hier nicht um den Grundsee geht, der sich in der Nähe befindet, sondern um den Übernamen eines Besitzers. am Seúisbiell ‘am Hügel beim kleinen See (unklar)’ (1717, Eggerberg) enthält wohl einen Genitiv Seewis ‘des kleinen Sees’, kann aber wohl auch ein Besitzername sein.

Rätsel gibt einerseits dr Kaffesee ‘der Kaffee-See (laut Gwp. holten dort Hirten Wasser für Kaffee) (Ferden) und anderseits Seen mit zwei Namen wie Majingsee (LT, Leukerbad), der bei FLNK Hoslisee heisst (so auch bei R. GRICHTING 1993, Blatt 21, Nr. 17); während der erste Name von der Lage unterhalb des Majinggrabu herstammt, ist die Deutung des zweiten unklar. Es könnte sich um einen PN oder Übernamen handeln.

VSNB, Bd. 4, Sp. 145

Vorkommen

scheewjisch

se

see

seeli

seelin

seelinu

seew

seewe

seewen

seeweri

seewi

seewini

seewinu

seewjene

seewji

seewjini

seewjinu

seewjisch

seewlin

seewlisch

seews

seewu

seuis

sewen

sewji

sewlin

siiwlisch