Sant
Sant ist als Sankt, Sant wie nhd. vor Heiligennamen, it. als San, zu lat. sanctus ‘heilig’ (ID. 7, 1215 f.) zu stellen. In Orts- und Flurnamen ist oft ein Patrozinium einer Kirche oder Kapelle gemeint, manchmal auch ein Bildstock oder ein Heiligenbild (für den Bezirk Goms dienen die drei Bände von W. RUPPEN (1976; 1979; 1991) als Nachweis, sofern möglich. An anderen Orten bedeutet das HL ein Stück Land, dessen Ertrag für eine Kirche oder Kapelle bestimmt war. Gelegentlich stellt fromme Umdeutung einen Heiligennamen her, wo nur ein Vorname gemeint war.
Das Adjektiv erscheint zunächst als Attribut in der lateinischen Form Sanctus oder der deutschen Form Sant, so etwa als Abkürzung in cappella ‘S. S. Anna’ et Jacobj ‘die Kapelle der Heiligen Anna und Jakobus’ (1672, Zwischbergen), (lat. prata sancti Theoduli) ‘die Wiese des Heiligen Theodul (Landespatron)’ (1531, Münster), St. Anna ‘das Gebiet der heiligen Anna (heute Bildstock, früher Kapelle, vgl. W. RUPPEN 1979, 146)’ (SK, Ausserbinn), St. Anna ‘die Kapelle der heiligen Anna; W. RUPPEN 1979, 337 ff.)’ (Bellwald), St. Annakapälla ‘die Kapelle der heiligen Anna’ (FLNK, Raron; LT St. Anna), St. Anton ‘Sankt Anton (die dort bestehende Antonius-Kapelle wurde am 24. 2. 1970 durch eine Lawine zerstört; heute erinnert ein Bildstock daran; W. RUPPEN 1976, 324 ff.)’ (SK, Reckingen), St. Barbara Felsen ‘der Felsen bei St. Barbara (Kapelle auf dem Weg nach Leukerbad und Weiler von Leuk)’ (1794, Leuk), St. Barbarae Strasse ‘die Strasse nach St. Barbara (Kapelle auf dem Weg nach Leukerbad und Weiler von Leuk)’ (1794, Leuk), Sankt German ‘Sankt German (Weiler von Raron)’ (SK, LT und FLNK, Raron), St. Georgy ‘(die Kapelle) des Heiligen Georg’ (1698, Zermatt), Sankt Jakob ‘Sankt Jakob (früher stand hier eine Kapelle, vgl. W. RUPPEN 1979, 236)’ (FLNK, Blitzingen), St. Johanneslitzi ‘der Schattenhang des Heiligen Johannes’ (LT, Zermatt), St. Josefsheim ‘das St. Josefheim (heute Oberwalliser Alters-, Pflege- und Behindertenheim)’ (FLNK u. LT, Leuk), Sankt Martiniplatz ‘der Platz vor der Kirche St. Martin’ (FLNK, Visp). Die Kurzform Sant erscheint als Sannt Jodren Lüschenn ‘der sumpfige Boden mit Riedgras des Heiligen Joder (um 1446 ist eine Kapelle des Hl. Theodul erwähnt, laut PH. KALBERMATTER)’ (Geschinen), die Kapellen Sant Jodren ‘die Kapelle des Hl. Theodul (Landespatron)’ (1542, Törbel), z Sant Jodrumacher ‘beim Acker des heiligen Theodul (Landespatron)’ (1695, Ausserberg), Sant Johannshöüpt ‘das Haupt des heiligen Johannes des Täufers (Bildstock in Naters laut R. PFAMMATTER (Foto, p. c.); vgl. Mt 14, 1-12)’ (FLNK, Naters), Sant Josef ‘Sankt Josef’ (unklar, Teil des Weilers Hegdorn) (FLNK, Naters), Sant Joosopsch Kapälli ‘die kleine Kapelle des Heiligen Josef’ (Visperterminen), ts Sant Josopsch Kapälliwägji ‘der kleine Weg bei der kleinen St- Josefs-Kapelle vorbei’ (Visperterminen), Sant Michelsch Brunne ‘die Quelle / der Brunnen des heiligen Michael’ (Münster), Sant Niclaus ‘von St. Niklaus her (fehlender Kontext, wohl ein Ort mit einer St. Nikolaus-Kapelle)’ (1662, Geschinen), Sant Peters Matta ‘die Wiese des heiligen Petrus’ (1573, Ulrichen), ts Sant Peetersch Fäld ‘das Feld des Heiligen Peter (laut Gwp. nach einem Peter Josef Zurbriggen benannt)’ (Saas-Fee). Nur einmal ist die it. Form San in San Marco ‘San Marco (heute Pfarrei Sankt Markus; auch Gebiet an der Landesgrenze zu Italien bei Gondo)’ (FLNK, Zwischbergen; SK St. Marco, LT S. Marco). Ungewöhnlich ist Tschanta Maria Flüe ‘die Fluh der heiligen Maria (unklar)’ (FLNK, Albinen). Eine doppelte Attributform findet sich in der Alt Sant Antoni ‘der alte Sankt Anton (Bildstock)’ (Ergisch).
Als Bestimmungswort (häufig nur geschriebene Variante) tritt das HL mit den folgenden Grundwörtern in zweigliedrigen Komposita auf: Anton (PN), Gedersch (Genitiv zu Joder), Jaakob (PN), Nikolaus (PN), Peter (PN) und Wändeliin (PN). Komplexere Konstruktionen sind Sanktjodernkwel ‘die Quelle des Hl. Joder (Theodul, Landespatron)’ (Unterbäch), der Sannikloisbodu ‘der Boden im Wald mit dem Bild des St. Nikolaus’ (Oberems), Sannikloiswald ‘der Wald mit dem Bild des St. Nikolaus’ (Oberems; FLNK Saniklöiswald, LT Sanikloiswald), ts Santantoniwaldji ‘der kleine Wald mit einer Kapelle des Heiligen Antonius’ (Naters), der Santiglaisgade ‘der Gaden (Stall) beim St. Nikolaus (Pfarrei ist zwar dem Hl. Nikolaus geweiht (W. RUPPEN 1976, 218 ff.), die Flur ist aber weit entfernt (ev. Pfarreigut?)’ (Ulrichen), Tsangkatriine Bode ‘der Boden, der zum Altargut der Heiligen Katharina gehörte (zum Altar der Hl. Katharina vgl. W. RUPPEN 1979, 28 ff.)’ (Ernen), Zangeedersch Bord ‘das Bord’ (Abhang, Böschung) bei Zangeedersch (wohl: Sank Joders, Patrozinium von Törbel), Zanmartisch Bletschu ‘die Bletschu (Ebene) des Heiligen Martin’ (Steg, LT Martischpletschu; Zan ‘Sankt’ scheint eine fromme Umdeutung zu sein (G. IMBODEN, p. c.)), Zanpeetersch Gaarte ‘der Garten des Heiligen Peter’ (Oberwald, FLNK St. Petersch Garte) (die Flur befindet sich im Gerental, weit von einer Siedlung entfernt), di Zanpärtlameehaaltu ‘die Halde, die erst am Tag des Hl. Bartholomäus (24. August) beweidet werden durfte’ (Ergisch), Zantanne Lammelti ‘die kleine Lamme (Felstobel) der Heiligen Anna (laut Gwp. weder Statue, noch Bild oder Bildstock)’ (Oberwald), der Zantiglaischeer ‘der Cheer der Strasse bei der Kapelle des St. Nikolaus (Furkastrasse)’ (Oberwald), t Zantiglaisschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung beim St. Nikolaus (unklar)’ (Reckingen, FLNK Santiglaischlüecht), Zantmärjelebieu ‘der Hügel der Heiligen Maria’ (Binn; SK Marienbiel), vermutlich zum PN Maria zu stellen, die Deutung Zant ‘Sankt’ ist wohl fromme Umdeutung, di Zantpeterschchilchu ‘die Kirche des Hl. Petrus (heute Feuerwehrlokal)’ (Leuk), di Zäntgermaanerstraass ‘die Strasse nach St. German (von der Rottenebene aus)’ (Raron, FLNK St. Germanerstrass).
Einen Sonderfall bildet das 1435 in Albinen belegte sub saxo sentýmarýz ‘unter dem Felsen des Heiligen Moritz’. G. PANNATIER sieht hier den Namen der Heiligen Maria und PH. KALBERMATTER mit R. PFAMMATTER nehmen an, dass der Beleg identisch sei mit dem späteren Beleg Tschanta Maria Flüe (FLNK, Albinen). Wenn das stimmt, müsste das auslautende /-z/ von marýz erklärt werden. Bei der Deutung wurde entschieden, dass marýz zu Mauritius zu stellen sei; diese Deutung kann aber mit MEYER (1914, 62) als verstummtes /z/ gedeutet werden, dem kein Lautwert mehr entsprach. Dann wäre damit tatsächlich Maria gemeint.
VSNB, Bd. 4, Sp. 25
Vorkommen
san
- San Marco Zwischbergen
- Sannikloiswald Oberems
sani
- Saniklöis Oberems
sankt
- Kapälla St. Anna und St. Jakob Zwischbergen
- Sankt Anna Ausserbinn
- Sankt Anna Kapälla Raron
- Sankt Anton Reckingen
- Sankt German Raron
- Sankt Jakob Blitzingen
- Sankt Martini Platz Visp
- Sanktjodernquell Unterbäch
sanni
- Sannikloisbodu Oberems
sant
- Alt Sant Antooni Ergisch
- Kappellen Sant Jodren Törbel
- Sant Jodern Lischa Geschinen
- Sant Jodruachra Ausserberg
- Sant Johannshöüpt Naters
- Sant Joosopsch Kapälli Visperterminen
- Sant Josef Naters
- Sant Josopsch Kapälliwägji Visperterminen
- Sant Michelsch Brunne Münster
- Sant Niclaus Geschinen
- Sant Peetersch Fäld Saas-Fee
- Sant Peters Matte Ulrichen
- Sant Theodul Matte Münster
- Santantoni Ried-Brig
- Santantoni Oberwald
- Santantoniwaldji Naters
- Santjohansch Litzi Zermatt
- Santuntooni Saas-Balen
- Santwendeli Naters
sante
- Santeglais Mühlebach
santi
- Ober Santiglais Münster
- Santi Claus Ritzingen
- Santiglais Münster
- Santiglaisgade Ulrichen
- Santigleis Binn
- Unner Santiglais Münster
senty
- Sentymaryz Albinen
st
- St. Anna Bellwald
- St. Barbara Felsen Leuk
- St. Barbarae Strass Leuk
- St. Georgy Zermatt
- St. Johannslitzi Zermatt
- St. Josefsheim Leuk
tsang
- Tsangkatriine Bode Ernen
tschanta
- Tschanta Maria Flüe Albinen
zan
- Zangedersch Törbel
- Zangeedersch Bord Törbel
- Zanmaartisch Bletschu Steg
- Zanpärtlameehaaltu Ergisch
- Zanpeetersch Gaarte Oberwald
- Zanpeter Reckingen
zani
- Zaniglaas St. Niklaus
zant
- Zant Anna Saas Grund
- Zant Barbara Leuk
- Zant Joseffkapälli Saas Grund
- Zant Maartisch Brunnu Leuk
- Zant Martisch Brunne Oberwald
- Zantanne Lammelti Oberwald
zänt
- Zäntgermaanerstraass Raron
zant
- Zantjaggob Blitzingen
- Zantjakob Fieschertal
- Zantjakob Mühlebach
- Zantmärjelebieu Binn
- Zantnikolaus Oberwald
- Zantpeterschchilchu Leuk
- Zantuntooni Saas Grund
zanta
- Zantatoni Selkingen
zanti
- Zantigglaischeer Oberwald
- Zantiglaisschlüecht Reckingen