Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Fad

Fad m. ist zu schwdt. Fad, Fatt, Fāt, Fēd, Pfăd m./n., Pl. Fäder, Pfäder, Fed, Fād (ID. 1, 670; GRICHTING (1998) kennt es nicht) zu stellen. Das Wort gehört zum typisch alpinen Namengut und bezeichnet einen engen steilen Felsdurchgang oder auch einen schwer zugänglichen Weideplatz in den Felswänden. Es ist umstritten, ob es sich bei Fad um eine Eigenprägung der Bergmundarten handelt oder ob das Wort von ‘Pfad’, mit Auflösung des Verschlusslautes am Anfang, abgeleitet ist. Siehe dazu auch Färrich, ahd. pfarrih, pferrih ‘Pferch’ (ZINSLI 1963, 318 ff; ID. 1, 670 f.; BENB 1, 1, 106) und cf. HL PFAD. Das HL ist in mehr als 250 Flurnamen belegt.

Als Simplex im Singular ist das HL als Fad (7 Gemeinden), Fat (3 Gemeinden), Fatt (2 Gemeinden) vertreten, im Plural als Fed (Täsch), Fedd (Saas-Almagell), Veden (1304, Saas-Fee), Fet (Zwischbergen), Fett (3 Gemeinden), Fäd (LT, Zermatt). Der Diminutiv erscheint im Plural als Fedjini (2 Gemeinden) und Fettiltini (Visperterminen).

Mit einem attributiven Adjektiv oder einem Partizip sind belegt: t Afftru Fet ‘die hinteren Felsbänder’ (Saas-Almagell), der Grie Fad ‘das grüne Grasband’ (Eisten), des Grünen Fad ‘das grüne Felsband’ (1833, Grächen, Genitiv konstrutionsbedingt), t Hangundu Fet ‘die hängenden (steilen) Grasbänder’ (Saas-Balen), der Hibsch Fat ‘das hübsche (schöne) Grasband’ (Saas-Almagell), t Hibschu Fet ‘die hübschen (schönen) Grasbänder’ (St. Niklaus), der Hofad ‘das hohe Felsband’ (Randa und drei weitere Gemeinden), auch der Hofat (Simplon und Naters), der Holzig Fad ‘das Felsenband mit Holz (Wald)’ (Täsch und 2 weitere Gemeinden), der Ibjufad ‘das üble (schlechte) Felsband’ (Randa), t Inn(d)ru Fed ‘die inneren Felsbänder’(Zermatt), der Kleÿnen Veden ‘die kleinen Felsbänder’ (Täsch, Genitiv konstruktionsbedingt), t Chleinu Fet (Saas-Almagell), t Kurzu Fedjini ‘die kleinen kurzen Grasbänder’ (Saas-Almagell), der Leng Fad ‘das lange Felsband’ (Randa, Saas-Almagell), auch der Läng Fad (St. Niklaus), t Mittlu Fed ‘die mittleren Feslbänder’ (Randa; FLNK Mittleru Fed), t Obru Fet ‘die oberen Felsbänder’ (Zwischbergen), der Breit Fad ‘das breite Felsband’ (Randa und zwei weitere Gemeinden), ‘das schmale Felsband’ der Schmal Fad (Eisten, Randa), t Schmalu Fed ‘die schmalen Grasbänder’ (Zermatt), der Spitz Fad ‘der spitze Felsdurchgang’ (St. Niklaus), der Steinig Fad ‘das Felsband mit Steinen’ (Täsch), t Steinigu Fed ‘die Felsbänder mit Steinen’ (St. Niklaus, auch FLNK), der Dirrgänd Fat ‘der durchgehende Felspfad’ (Simplon), di Diru Fet ‘die dürren (trockenen) Felsbänder’ (St. Niklaus), der Verbrunnu Fad ‘das verbrannte Felsband’ (Randa), dr Wit Fad ‘der weite Felsdurchgang’ (Glis) und t Üssru Fed ‘die äusseren Felsbänder’ (Zermatt). Die Farbe Gelb ist in der Älu Fad ‘das fahlgelbe Felsband’ (Randa, St. Niklaus) belegt. Komplexere Formen finden sich vor allem mit den Typen Ober und Unner, z. B. in der Ober Breit Fad ‘das obere breite Felsband’ (Saas-Almagell) und der Unner Rinnerfad ‘das untere Felsband für die Rinder’ (Täsch).

Vorangestellte Genitive sind selten. Sie beziehen sich entweder auf die Umgebung oder einen Besitzer / Nutzer: Hebrigschfad ‘das Felsband bei der Herberge (Weiler Herbrigg)’ (St. Niklaus; FLNK Herbriggschfad) (M. S. schreibt Hebrigschfad, meint aber nicht eine hohe Brücke, sondern den Weiler Herbrigg), ts Hoipmasch Fat ‘das Felsband des Hauptmanns / der Familie Hauptmann’ (Simplon) (JORDAN 2006, 272 berichtet, hier sei einst ein Geist als Hauptmann in Uniform und mit Degen herumgeganen), ts Korjobsch Fet ‘die Grasbänder der Familie mit dem Beinamen Korjob’ (Saas-Almagell), wobei Gwp. die Information gibt, eine Familie habe <ts koriersch> geheissen, was direkt nicht mit Korjob übereinstimmt, t Magunärufet ‘die Felsbänder der Leute von Macugnaga / Richtung Macugnaga’ (Saas-Almagell), ts Meischtersch Fad ‘das Felsband des Meisters / der Familie Meister’ (Randa), in dem Bilgerinsvede ‘im Felsband des Pilgers / der Familie Bilger’ (Törbel), Walkerschfed ‘die Grasabsätze der Familie Walker’ (St. Niklaus, FLNK Walkerschfad) (der FaN erklärt sich vom benachbarten Walkerschmatt), der Weginer Fadt ‘das Felsband der Familie Wegener’ (1762, Simplon).

Als Grundwort erscheint das HL mit einer Reihe von Tiernamen wie der Geisfad ‘das Felsband für die Ziegen’ (Saas-Almagell), auch ts Geisfad (Oberwald), jm Geissfadt (1576, Zwischbergen) und der Geissfad (Täsch), der Gitzifad ‘das Felsband für die kleinen Ziegen’ (Randa), auch der Gitzufad (Saas-Almagell, Randa) und der Plural di Gitzufet (Eisten), di Glirfet ‘die Felsbänder mit Siebenschläfern’ (Simplon), der Gämschfad ‘das Felsband mit Gämsen’ (St. Niklaus), auch Plural di Gämschfed (Täsch), di Güogufet ‘die Grasbänder mit Käfern’ (Eisten), t Hanufet ‘die Felsbänder mmit Auer- oder Birkhähnen’ (Simplon), t Hienerfet ‘die Felsbänder mit (Birk-)Hühnern’ (Glis), ts Hinner Oggsefad ‘das hintere Felsband für die Ochsen’ (Oberwald), Kalberfat ‘das Felsband für die Kälber’ (1833, Grächen), auch der Chalberfat (Eisten) und der Chalberfad (St. Niklaus), t Chiefett ‘die schwer zugängliche Weide für die Kühe’ (2 Gemeinden), der Chüefad ‘das Grasband für die Kühe’ (St. Niklaus), der Bockfad ‘das Felsband, wo (Schaf-)Bökce weiden’ (Randa, Saas-Almagell), Bärefad ‘das schmale Felsband, wo es Bären hatte’ (FLNK, Ernen und 2 weitere Gemeinden), auch ts Bärfett (Fiesch), der Bärufatt (Naters und 2 weitere Gemeinden) und di Bärufett (Simplon), der Rossfat ‘das Felsband für die Pferde’ (Zwischbergen) und Plural t Rossfed (St. Niklaus, unsicher), der Tierfad das Felsband mit Gämsen’ (St. Niklaus), auch di Tierfett (Randa, zwei Namen) und Plural in dien Tierveden (1437, Baltschieder), der Vogelfad ‘das Felsband mit Vögeln’ (Täsch) und der Wolffad ‘das Grasband im Gebiet mit Wölfen’ (Randa).

Etwas weniger verbreitet sind Baum- und Pflanzennamen: der Ahorifad ‘das Felsband beim Ahorngehölz (laut Gwp. kein Ahorn)’ (St. Niklaus), auch Plural t Ahorufet (St. Niklaus (laut Gwp. kein Ahorn)’ (seltsam, dass bei beiden Namen offenbar kein Ahorn-Baum vorhanden ist; woher dann der Name?), der Aspig Fad ‘das Felsband mit Espen’ (St. Niklaus; die Form Aspig ist ein Adjektiv zu Asp ‘Espe’), t Hasolfett ‘die Felsbänder im Gebiet, wo es Haselstauden hat’ (Törbel), Heiperfad ‘das Felsband mit Heidelbeersträuchern’ (FLNK, St. Niklaus), t Holzfet ‘die Felsbänder mit Holz (Wald)’ (Eisten), der Holzi Fat ‘der Weideplatz in den Felsen mit Holz (Wald)’ (Simplon; kein Eintrag bei JORDAN (2006)), der Holzig Fad ‘das Felsband mit Holz (Wald)’ (Täsch und zwei weitere), t Koorufet ‘die Grasbänder, wo es Korn hatte (unklar)’ (St. Niklaus), der Chriterfad ‘der Fad (Felsband) mit Kraut’ (Saas-Almagell), der Löübfad ‘das Felsband mit Laub’ (Randa, Eisten), der Birchfad ‘das Grasband mit Birken’ (St. Niklaus), auch der Birchufad (Eisten), Tafad ‘das Felsband mit Tannenwald’ (St. Niklaus), Tannufad ‘das Felsband mit Tannen’ (Randa), der Ärbisfad ‘das Grasband, wo Erbsen angepflanzt wurden ?(?)’ (St. Niklaus). Dieser letztere Beleg ist etwas seltsam, da normalerweise in einem Fad keine Nutzpflanzen angebaut wurden.

Eine Reihe von Flurnamen geben Fluren an, die sich in der Nähe befinden oder ähnlich wie solche Fluren aussehen: Acherfed ‘die Felsbänder bei den Äckern’ (FLNK, St. Niklaus), auch t Acherfett ‘die Felsbänder, die Äckern gleichen’ (Eisten), der Attermänzfad ‘das Felsband bei den Attermänzen (dunkle Gebiete’ (Randa; FLNK Attermänzufad), die Eifetschfäd ‘die Eifetsch-Felsbänder’ (St. Niklaus, wohl zu Geifetsch ‘Eisnebel’ zu stellen), di Gennerfet ‘die Felsbänder unterhalb der Genner (Geröllhalden, Plural zu Gand)’ (Eisten), der Goldfad ‘das goldene Felsband’ (St. Niklaus), t Hostettfed ‘die Felsbänder bei den Hofstätten’ (Randa; FLNK Hofstettfed); die Flur befinde sich oberhalb von Hostett), t Kilchufet ‘die Grasoder Felsbänder unterhalb der Kirche’ (Simplon; bei JORDAN (2006, 122) als Çhillchufet, der es als „Eigengut der Kirche“ bezeichnet), t Chippfet ‘die Felsbänder bei der Kipfe (wohl: Kuppe)’ (Täsch), t Chisifet ‘die Felsbänder oberhalb der Chisine’ (Saas-Balen), t Kummufedjini ‘die kleinen Grasbänder bei der Chumma (Mulde)’ (Täsch), t Mattfed ‘die Grasbänder bei der Mähwiese’ (St. Niklaus), ts Mattufad ‘das Felsband bei der Alpe Matte (Wiese)’ (Raron), der Mettie(n) Fadt ‘das Felsband bei der Mettle’ (1757, Simplon), t Nieschfed ‘die Grasbänder mit dem Gelecktrog für die Schafe’ (St. Niklaus), t Nolufet ‘die Felsbänder beim Nollen (rundlicher Felsgipfel)’ (Saas-Almagell), die Bockfluͦfatt ‘der Felsdurchgang bei der Fluh, wo die Böcke weiden’ (Zwischbergen; Problem mit dem Artikel, der wohl einen Plural anzeigt; JORDAN (2006, 373) führt den Namen so nicht an), Reeschtifat ‘das Felsband bei der Reschti (Raststelle)’ (FLNK, Grächen), auch t Reschtifet (Grächen), t Riederfett ‘die Grasbänder oberhalb des Weilers Ried’ (St. Niklaus), t Rifelfed ‘die Felsbänder im Gebiet der Riffelalpe’ (Zermatt), t (e)Risigu Fet ‘die Felsbänder mit Steingeröll’ (Randa, Risigu ist ein attributes Adjektiv), der Roggifad ‘das Felsband des Roggi / der kleinen roten Stelle’ (Randa), der Rudufat ‘das Felsband bei Ruden (Gondo)’ (Zwischbergen; auch FLNK, LT Rudefad; bei JORDAN (2006, 312 als Rudufat), Schoberveden ‘das Grasband / die Grasbänder beim (Heu-)Schober’ (1389, Täsch), der Seilfad ‘das Felsband, das wie ein Seil aussieht’ (Saas-Almagell, Saas-Fee), t Stockfet ‘die gestuften (gestockten) Felsbänder’ (St. Niklaus, formal Nomen und kein Adjektiv), der Stollufad ‘das Felsband in den Stollen (Felsformationen)’ (Randa), der Sänggfad ‘der Felsdurchgang bei den Sänggini (kleine, durch Sengen gerodete Gebiete)’ (St. Niklaus), der Tschingelfad ‘das Felsband zum Tschingel (Felsband, Bergwiese) hinauf’ (Saas-Almagell), Tschuggfet ‘die Felsbänder bei den Felsen (Tschuggen)’ (FLNK, Randa), di Twärfet ‘die quer verlaufenden Felsbänder in den Felsen’ (Täsch), auch der Twärufad (St. Niklaus) und der Plural di Twärufet (Eisten), t Wiissuflüefet ‘die Grasbänder bei der weissen Fluh’ (St. Niklaus), der Zagelfad ‘der schmale Grasabhang’ (Täsch, auch FLNK; Zagel ‘Schwanz am Tier’)), di Zugfett ‘die Felsbänder beim Zug (Hangrinne)’ (Randa), Ämbdfad ‘das Felsband bei Embd (Gemeinde)’ (FLNK, Embd).

Neben diesen inhaltlich zusammengehörenden Bildungen mit Bestimmungswörtern sind einige weitere mit Einzelbedeutungen belegt: der Fleeckfad ‘das Grasband beim Fleeck (?)’ (Saas-Almagell), wo Gwp. hinzufügt: Schöner Graspfad zum <chrütu>, also zum ‘Gras gewinnen’. 1852 ist Fletzfad (Saas-Almagell) erwähnt, von uns als ‘das nasse Grasband’ zu Flȫtz (ID. 1, 1240 ‘nasse Stelle im Boden, wo immer Feuchtigkeit durchsickert’ gestellt. der Gänu(d)sfad ‘das Felsband des Gänu (?)’ (Täsch) würde Gänu als einen Besitzer oder Nutzer meinen. di Gattlafet ‘die Felsbänder der Familie Gattlen’ (Törbel) meinen die Familie Gattlen als Besitzer. Hannischfädt ‘die Felsbänder der Hannigalp’ (1738 Grächen, 1738 Stalden; beide Texte identisch) beziehen sich wohl auf Felsbänder bei der Hannigalp. Harnischfet ‘die Felsbänder der Familie Harnisch’ (Eisten) hat auch den historischen Beleg unter Hannischfädt, wahrscheinlich zu Unrecht. Hertzen Faad ‘unter dem Felsband in Herzenform’ (1699, St. Niklaus), der Howattritt ‘(vermutlich) der Tritt unter dem Hofathorn (kaum zu Höüweta zu stellen)’ (Mund), der Pútzfadt ‘das Felsband beim Tümpel’ (1744, Simplon; JORDAN (2006, 187) hat den Flurnamen lebend als Putzfat), der Tirbilfat ‘das Felsband unterhalb der Alpe Tirbje’ (Eisten).

Komplexere Konstruktionen mit dem Grundwort Fad sind schon erwähnt worden. Hinzu kommen etwa t Unnru Leerchfett ‘die unteren Felsbänder oberhalb des Leerch (Lärchengehölz)’ (Randa), t Nassu Brunnufet ‘die nassen Felsbänder im Gebiet Brunne (Brunnen / Quellen)’ (Saas-Balen) und uf de Nassu Brunnufedu ‘auf den nassen Felsbändern im Gebiet Brunne (Brunnen / Quellen)’ (Saas-Balen), der Mittluscht Brigifat ‘das mittlere Felsband mit einem Bretterboden’ (Eisten) und andere mehr.

Als Bestimmungswort ist das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern belegt: Äbi, Acher, Färich, Flüö, Hooru, Stafel, Tritt und Wäg. Komplexere Formen sind der Bärfettgrabe ‘der Graben beim Bärfett (Felsbänder, wo es Bären hatte)’ (Fiesch) und weitere.

Genitive des HL sind belegt in Faatsch Chriz ‘das Kreuz beim Fat (Felsband)’ (FLNK, Betten) und ts Breitu Fatsch Mälig ‘des breiten Felsbandes Mällig (Felskopf über dem Fad)’ (Saas-Fee).

Eine Kollektivbildung mit dem Präfix G(I)- ist in ts Gfätt ‘das Gebiet mit Felsbändern’ (Simplon), wobei nur der Beleg von 1757 sicher ist; vorher belegt sind 1391 Gývat und 1554 Gfodt (unsicher) und di Gifett ‘die Felsbänder (Kollektiv)’ (Saas-Almagell).

Eine Ableitung (?) auf /-ER/ ist in ts Faderhoru ‘das Horn mit den Felsbändern’ (Saas-Almagell) und t Fäderschlüecht ‘die Geländeeinbuchtung mit Felsbändern’ (Ausserbinn) belegt. In beiden Fallen ist aber wohl eher ein Plural auf /-ER/ gemeint.

VSNB, Bd. 2, Sp. 101

Vorkommen

faatsch

fad

fäd

fad

fäd

fad

fader

fäder

fads

fadt

fädt

fadt

fat

fät

fat

fatsch

fatt

fed

fedd

feden

fedjini

fedu

fet

fett

fettiltini

gfätt

vatt

vede

veden

watt