Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Brunnu

Brunnu kommt in rund 700 Namen vor. Es ist zu schwdt. Brunnen, wdt. Brunne, Brunnä, Brunnu (Saastal), Brunn (Lötschtal) m. ‘(aus dem Boden sprudelnde) Quelle, Quelle eines Flusses, Baches’, auch i. S. wie nhd. ‘Brunnen’, ahd. brunno, mhd. brunne (ID. 5, 653 ff.; GRICHTING 1998, 43) zu stellen. In den meisten Fällen ist mit dem Grundwort Brunnu eine Quelle gemeint, nur selten ein Brunnen mit einem Trog. An verschiedenen Orten sind solche Brunnen gefasst worden und dienen der Wasserversorgung von Siedlungen. Der Bau von Stollen hat andere Brunnen zum Versiegen gebracht; die Namen sind aber noch erhalten. Neben der Quelle selbst tragen auch die Gebiete, bei denen sie zu finden sind, den Namen (im, zum) Brunnu. Formal ist das Simplex im Singular Brunnu m. (mit Varianten wie Brunno, Brunne, Brunn) oder im Plural Brunne / Brunnä vertreten. Umgelautete (und dann entrundete) Plurale sind selten, z. B. Brinn ‘die Quellen’ (Ferden). Diminutive im Singular sind Brunnji, Brunntschi, Brungji und Brungi, im Plural Brunnjini und Brunntschini. Umgelautete (und dann entrundete) Diminutive sind Brinnlin, Brinnji und im Plural Brinnjini. Ableitungen anderer Art sind Brunnet mit einem /-ET/-Suffix (Stelle mit zahlreichen Quellen), dazu auch der Diminutiv Brunnetji (Oberems) und das häufige Brunni (nach SONDEREGGER 1958, 466 ff. eine ursprüngliche /-AHI/-Ableitung mit Kollektivbedeutung (‘Ort mit vielen Quellen’)). In Brunnig ist ein /-ING/-Suffix (SONDEREGGER 1958, 503) vorhanden, das ebenfalls ‘Ort mit vielen Quellen’ bezeichnet. Unklarer ist das einmal belegte Brunnil(acker) (Birgisch) – hier liegt wohl das Suffix schwdt. /-EL/ (SONDEREGGER 1958, 513) vor, das im Oberwallis mit wechselndem Vokal Verwendung findet, hier mit der Bedeutung ‘Ort, wo eine Quelle fliesst’.

Die Form Bru n. folgt einem andern Muster: ähnlich wie bim Typus Ta ‘Tann’ wird hier ein Kollektiv gebildet: ‘Gebiet, in dem es Quellen hat’.

Als Grundwort kann Brunnu (oder eine seiner Ableitungen) zunächst mit Adjektiven verbunden werden, vom Typ der Chaalt Brunnu ‘die kalte Quelle’; wie auch in anderen Fällen gibt es dazu das Kompositum der Chaltbrunnu; es ist nicht immer klar, ob ein attributives Adjektiv oder ein Kompositum mit Adjektiv als Erstglied vorliegt. Vorwiegend sind hier Adjektive wie chaalt und waarm vertreten; daneben gibt es auch einige Partizipien wie t Siedundu Brunne ‘die siedenden Quellen’ (Mund) oder ts Gsägnut Brunnji ‘die kleine, gesegnete Quelle’ (Saas-Almagell). Verbale Erstglieder von Komposita sind sehr selten, z. B. Triichbrunne ‘Trinkbrunnen’ (Zermatt); nominale sind dagegen häufiger, z. B. der Leffelbrunn ‘die Quelle in löffelförmigem Gelände’ (Blatten); öfters sind das aber Nutzerangaben (teilweise im Genitiv) wie ts Andreeasch Brun ‘des Andreas Quelle’ (Kippel) oder bim Elsibrunno ‘bei der Quelle des Elsi’ (Raron). Geläufig sind auch umgebende Ortsnamen wie Seematt Brunnen ‘Quelle bei der Seematte’ (Blatten). Mehrfach vertreten ist der Name ts Vogelbrungi ‘der Vogelbrunnen’ (Saas-Grund) – ist das eine Quelle, an der Vögel trinken, oder ein kleiner Brunnentrog für Vögel? Die vielen Komposita sind jeweils unter dem jeweiligen Bestimmungswort näher bestimmt.

Als Bestimmungswort steht Brunn- oder Bru- häufig mit Acher, Bach (Wasser), Matta und Tschugge. Gemeint sind meistens Gebiete oder Wasserläufe bei oder aus Quellen. Ein seltsamer Beleg ist ts Bronachi (Lalden), das laut Beschreibung ein Acker bei einer Quelle ist – es ist der einzige Beleg mit dem klaren Vokal /o/. Weitere Belege finden sich mit den HLL Biel, Bodu, Bord, Chriz, Flüö, Egg(a), Gassa, Gletscher, Grabu, Haalta, Hitta, Kapälla, Lee, Loch, Luss, Mad, Quell, Rüüs, Schiir, Schleif, Schlüche, Schluocht, Schnitta, See, Stadel, Stapfa, Steg, Strich, Stuba, Stüda, Stutt, Suon, Tola, Ture, Wäg, Wald, Wang, Wasser, Weid und Zudangna.

Einige der Namen sind schwer zu deuten: so ist unklar, was der Armuseelubrunnu ‘die Quelle der Armen Seelen’ (Ergisch) sein soll; die Armen Seelen spielen zwar in den Walliser Sagen eine grosse Rolle (z. B. beim sog. Gratzug), das allein erklärt den Namen aber nicht. Auch der Froibubrunnu ‘Frauenbrunnen’ (Leukerbad) ist unklar: haben hier die Damen gebadet? Oder spielt die Jungfrau Maria mit?

Die Form Brundegga (Ausserbinn) ist dissimiliert aus *Brunnegga. Die Form Brusch ist Genitiv Singular. Vorangestellte Genitive wie in ts Brunggisch Wang (auch: ts Brunnjisch Wang) ‘der Grasabhang mit einer kleinen Quelle / einem kleinen Brunnen’ (Simplon) weisen auf einen Grasabhang hin, wo sich eine kleine Quelle befindet.

VSNB, Bd. 1, Sp. 293

Vorkommen

brini

brinjini

brinn

brinnji

brinnjini

brinnli

brinnlin

brinnschti

brinnu

bron

bru

brujenu

brum

brumm

brun

brund

brundlin

brune

brunen

brungi

brungini

brungji

brungners

brunjini

brunlein

brunn

brunnä

brunndjini

brunne

brunnen

brunneni

brunner (Brunnu)

brunneri

brunnersch

brunnet

brunnetji

brunnetjini

brunnett

brunngi

brunngisch

brunngjeni

brunni

brunnig

brunnigge

brunnigine

brunnil

brunnini

brunnje

brunnjeni

brunnji

brunnjini

brunnjisch

brunno

brunnschini

brunntschi

brunntschini

brunnu

brunny

brunnynen

brunschi

bruntschi

bruntschini

brunu

bruon

brusch

prunu

zvrun