Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Stei

Stei ist zu schwdt. Stein m., Dim. Stein(d)li, Steinji ‘Gestein, Mineral’, ‘Rohstoff, Bruchstein’, ‘loser Felsblock, Findling’, ‘Feldstein, kleines Geröll, Kies’, ‘Baustein, Pflasterstein’, ‘Marchstein’, ‘Stein als Stätte für Rechtshandlungen’, ‘Grabstein’, ‘Steinplatte’, ‘Mahlstein, Schleifstein’, amhd. stein (ID. 11, 754 ff.; GRICHTING 1998, 181) zu stellen. Stei kommt in rund 900 Namen vor (einzelne Namen sind mehrfach belegt). Die Umwelt des Oberwallis enthält Steine vom kleinen Kieselstein bis zu den grossflächigen Steinwänden; häufig sind auch einzelne grössere, auffallende Steine benannt.

Das Simplex Stei ‘Stein’ ist mit Präpositionen wie bei, am, zu, unter ungefähr dreissig Mal im Oberwallis belegt; gelegentlich mit erhaltenem /n/ im Lötschental. Der Plural Steina, Steinen ebenfalls mit Präpositioen wie ze oder in etwa zehn Mal.

Mit attributiven Adjektiven oder Partizipien sind u. a. belegt: dr Äbund Stei ‘der ebene Stein’ (Mund) und lateinisch dazu apud planum lapidem ‘beim ebenen Stein’ (1475, Visp), zum Altu Stei ‘beim alten Stein’ (Randa), zum Änggu Stei ‘beim engen Stein (enger Felsdurchgang)’ (Ergisch), zem Blaawu Stei ‘zum blauen Stein’ (Visp, Niedergesteln, Saas-Almagell (ohne zu)), zum Blätjuchtu Stei ‘zum platten Stein’ (Saas-Almagell), zum Breitu Stei ‘zum breiten Stein’ (Erschmatt, Fieschertal, Naters, Raron und im Plural Binn), zum Dirlochen / Durchglochet Stein ‘beim Stein mit einem Loch’ (Ulrichen, Ernen), zum Elwen Stein ‘beim fahlgelben Stein’ (1653, Ulrichen), zum Engen Stein ‘beim engen Stein’ (Ernen), aŭf den Gespaltenen Stein ‘der gespaltene Stein’ (1869, Törbel und Stalden), zum Gespaltenen Stein (Niedergesteln), bim Glatte Stei ‘beim glatten Stein’ (Blitzigen, historisch Feschel 1619), der Graw Stei ‘der graue Stein’ und ze Graawä Steinu ‘bei den grauen Steinen’ (Ausserberg, Gampel, St. Niklaus, Saas-Almagell, Obergesteln, Oberwald, Münster, Saas-Balen), bim Grosse Stei / bi de Grosse Steine (rund 40 Belege), beÿ dem hellen Stein (1699, Gluringen; unklar ob hell oder Höll), zum Holu Stei ‘beim Stein mit einer Höhlung’ (Bratsch, Erschmatt, Oberems, Turtmann), der Rot Stei ‘der rote Stein’ (Zermatt; die meisten anderen Belege sind lateinisch mit Konstruktionen wie super rubeo saxo ‘ob dem roten Stein’), zum Runu Stei ‘zum runden Stein’ (Saas-Almagell), t Schwarze Steine ‘die schwarzen Steine’ (Blitzingen), bim Spitze Stei ‘beim spitzen Stein’ (Blitzingen und rund dreissig weitere Belege im Singular und Plural), bim Stächende Stei ‘beim stechenden Stein (mit Spitze)’ (Bellwald und vier weitere historische Belege), den Thenenden Stein ‘der tönende Stein’ (St. Niklaus, Zermatt), beim Toossende Stei ‘beim tosenden Stein’ (Grengiols), mit de Drii Steinu ‘bei den drei Steinen’ (Simplon), ts Ubergändu Stei ‘beim übergehenden Stein’ (Mund), der Wiiss Stei ‘der weisse Stein’ (St. Niklaus) und bi de Wisse Steine ‘bei den weissen Steinen’ (Geschinen) (beides mehrfach).

Vorangestellte Genitive zum Grundwort Stei sind selten: ts Antlisch Stei ‘der Stein des Anton / der Anna’ (Zermatt, FLNK), bey Arblis Stein ‘der Stein des Arbli’ (1833, Zermatt; wohl identisch mit ts Antlisch Stei), ts Guggersch Stei (Simplon) kann entweder als ‘des Kuckucks Stein’ oder als ‘Stein bei der Alpe Guggina’ interpretiert werden. ts (e)Riedisch Stei ‘der Stein des Riedi (PN)’ (Gampel), wobei neben einem PN auch der Herkunftsname ‘jemand von Ried’ gemeint sein kann. Der klarste Fall ist z Witusch Stei ‘der Stein des Vitus (PN)’ (Törbel).

Zweigliedrige Komposita mit Stei als Grundwort sind sehr oft belegt. Inhaltlich reichen sie von der Lage bei einem Ort wie der Aarbstei ‘der Stein beim Aarb (wo es Arven hat)’ (Täsch) über Steine mit Sagengestalten wie der Boozustei ‘der Stein mit einem Gespenst’ (Stalden) oder der Tiifelstei / der Tiifolstei ‘der Teufelsstein’ (Münster, Unterbäch) bis zu Namen von Tieren, die beim Stein leben, zum Murgundstei ‘beim Murmeltierstein’ (Saas-Almagell), der Murmeltenstein ‘der Murmeltierstein’ (1697, Eisten) und der Fuggsstei ‘der Stein mit Füchsen / der Familie Fux’ (St. Niklaus, Täsch, Wiler und historische Belege), oder von Tieren, denen der Stein gleicht, wie der Bärustei ‘der Stein, der wie ein Bär aussieht / wo es Bären hatte’ (Ausserberg, Grächen, Saas-Balen und historische Belege). Manche Steine werden nach ihrem Material benannt: der Chalchstei ‘der Stein aus Kalk’ (Randa, St. Niklaus und historische Belege), Giltstei ‘der Giltstein (Ofenstein)’ (Obergesteln und mehrgliedrige Komposita), ts Duffstei ‘beim Tuftstein’ (Gampel), andere nach ihrer Funktion: der Marchstei ‘der Grenzstein’ (Zermatt), bim Kilometerstei ‘beim Stein, der einen Kilometer anzeigt’ (Oberwald), der Ribstein ‘der Reib-Stein’ (Albinen), der Karisierstei ‘der Stein der Liebespaare’ (Grächen) oder der Tässelstei ‘der Tessel-Stein’ (Randa) – ein Sein, an dem der Hirte die Tessel (Kerbholz mit Informationen zum Besitzer) aufhängen musste. Wieder andere nach ihrem Aussehen: der Milistei ‘der Mühlstein’ (Oberwald und weitere), der Rämistei ‘der schwarze Stein’ (Münster u. öfter mit lautlichen Variationen), t Wettsteina ‘die Steine, die wie Wetzsteine aussehen’ (Eischoll, Niedergesteln), Zigärstei ‘der Stein, der wie ein Ziger(stock) aussieht’ (Oberems) und der etwas komplexere Name der Wiwasserstei ‘der Stein mit einer Höhlung, der wie ein Weihwasserstein aussieht’ (Oberems). Ebenfalls religiös motiviert ist zum Lurdesstei ‘der Lourdes-Stein’ (Saas-Almagell), der sich auf den französischen Marien-Wallfahrtsort Lourdes bezieht. Manche Namen sind mehrdeutig: der Loostei (Ried-Mörel) wird von der Gwp. als ‘loser Stein’ interpretiert; gemeint sein dürfte aber Loo ‘Wald’, also der Stein beim oder im Wald. Und einige lassen sich nicht deuten, wie der Stammstei ‘der Stamm-Stein’, den die Gwp. als ‘Stein am angestammten Standort’ betrachtet; da das HL STAMM sonst in den Daten nie vorkommt, lässt sich das weder bestätigen, noch widerlegen.

Es gibt auch mehrgliedrige Komposita mit Stei als Grundwort. Während bim Drimarchstei ‘beim Stein, wo drei Gemeindegrenzen (Bürchen, Törbel, Zeneggen) zusammenkommen’ (Zeneggen) ernst gemeint ist, dürfte Driländerstei ‘der Dreiländerstein’ (Eggerberg) humoristisch für einen Stein gemeint sein, bei dem die Grenzen dreier Gemeinden (Baltschieder, Eggerberg und Lalden) sich treffen. Manchmal interpretieren auch die Quellen einen solchen Namen unterschiedlich: 1678 ist in Zwischbergen beÿ den Drÿlochrigen Steinen ‘bei den dreilöchrigen Steinen’ belegt, 1713 aber beÿ den Dirlochrigen Steinen ‘bei den durchlöcherten Steinen’ – stimmen dürfte der jüngere Beleg, da der gleiche Typ auch sonst vorkommt.

Stei kommt als Bestimmungswort zu einer langen Reihe von Grundwörtern vor. Dabei ist zunächst zu sehen das Bauen mit Stein, das sich in den öfters gebrauchten Typen Steigade ‘Steingaden’, Steihitta ‘Steinhütte’, Steihüs ‘Steinhaus’, Steischiir ‘Scheuer aus Stein’ und Steistadel ‘Steinstadel’ zeigt, aber auch in zum Steinmandli ‘zum (gemauerten) Steinmann (Wegzeichen)’ (Fiesch), in der Steihirt ‘der Steinhirt (Wegzeichen)’ (Binn, Ernen) oder in der Steifärich ‘Pferch aus Stein’. Aus Stein sind auch t Steibrigga ‘die Steinbrücke’ (Lalden, das Diminutiv in Glis) und t Steigassa ‘die Gasse aus Stein’ (Lalden, Stalden), Dass Steine in Wiesen oder Äckern herumliegen können, zeigen die Typen Steiacher, Steimatta und (seltener) Steiweidä ‘Weiden mit Steinen’, in allen Fällen kann auch ein Stück Land bei einem Felsstück gemeint sein. Herabfallende Steine bilden Steirischine und Steirufine und wo es viele davon gibt, befinden sich der Steinschlag (rund vierzig Namen) oder der Steibruch ‘Steinbruch’. Dazu kommen Steinegga ‘die Ecke mit Steinen’ (Glis, auch Hohtenn und Wiler), Steigrabo ‘Graben mit Steinen’ (Staldenried), iner Steihaalte ‘in der Halde mit Steinen’ (Münster, auch Gampel und Geschinen), Steilamma ‘die Schlucht mit Steinen’ (Naters), t Steilowwi ‘das Rutschgebiet mit Steinen’ (Raron), der Steischleif ‘der Schleif mit Steinen’ (Selkingen u. öfter), ts Steital (St. Niklaus), resp. ts Steinteli ‘das kleine Steintal’ (Saas-Almagell, Ergisch) und ts Steiziggi ‘der kleine Zug (Schleif) mit Steinen’ (Eisten). Weitere Grundwörter sind belegt, insgesamt mehrere Dutzend, die hier nicht alle aufgeführt werden können.

Komplexere Konstruktionen sind auch hier möglich, wie z. B. in der Milisteigletscher ‘der Gletscher oberhalb der Alpe Milistei (Mühlstein)’ (Oberwald) oder t Üsser Steilowwina ‘das äussere Rutschgebiet mit Steinen’ (Eisten). Der komplexeste Beleg ist wohl Restilsteinwasserleita ‘die Wasserleite vom / zum Restilstein’ (1392, Mund), wobei sich Restilstein wohl auf Resti ‘Raststelle’ bezieht, also den Stein bei der Raststelle.

Zu Stei gibt es zunächst als Ableitung eine Kollektivbildung Gstei ‘Gestein’, häufig mit einer Präposition wie zum oder im Ge-stei(n) (ID. 11, 924 ff.; zum Präfix SONDEREGGER 1958, 284 ff.). Das Wort wird einerseits für Steingeröll, anderseits für ein steiniges, felsiges, meist steiles Gebiet verwendet. Als Simplex kommt es rund zwanzig Mal vor. Es kann mit einem attributiven Adjektiv wie aúffem Obren Gesteÿn (1734, Naters), jm Vndren Gstein (1643, Reckingen) oder ts Rotgstei ‘das rote Gestein’ (Ferden, Gampel, Visperterminen) erscheinen; solche Konstruktionen sind eher selten.

Diminutive zu Gstei sind jm kleinen Gsteinlin (1640, Betten), ts Gsteindli ‘das kleine Gestein’ (Naters) und der Plural t Ggsteindlini ‘die kleinen Gesteine’ (Simplon).

Als Bestimmungswort ist Gstei(n)- etwas häufiger: Gsteigassa ‘die Gasse ins Gestein’ (Brigerbad), ts Gsteihüs ‘das Haus auf dem Gestein’ (Törbel), Gsteikapälli ‘die kleine Kapelle im Gstein’ (Mund), Gsteiwald ‘der Wald beim Gstein’ (Inden, Varen, Zeneggen) und Gsteiwildi ‘die Wildi (unfruchtbares Gebiet) beim Gstein’ (Mund).

Eine zweite Kollektivbildung ist Gsteini f. ‘das steinige Gebiet’ in Gampel, Steg und Randa (eine nominale -IAbleitung, bei SONDEREGGER 1958, 492 auf ahd. -în zurückgeführt), während Gsteini n. vermutlich ein Diminutiv darstellt (SONDEREGGER 1958, 509); es ist belegt in Ulrichen und historisch in Oberwald 1792. In Obergesteln kommt dieser Typ komplexer vor: im Gsteini am Rotte ‘im kleinen steinigen Gebiet an der Rhone’ und am Gsteinibach ‘am Bach im Gebiet, wo es viele Steine hat’.

Eine verwandte Ableitung ist ts Steini n. ‘das Gebiet mit Steinen’, das in Fiesch und Niederwald belegt ist. Es handelt sich um eine I-Ableitung, die nicht diminutiv zu sein braucht, aber sein kann. Sie kann mit einem attributiven Adjektiv verwendet werden: in dem Oberen Steini (1718, Niederwald) und jm Obersten Steÿnÿ (1678, Fiesch). Als Grundwort wird Steini sonst nicht verwendet, wohl aber als Bestimmungswort mit den Grundwörtern Bach, Gassa, Joch, Schleif, Schluocht und Wang. Ein Zirkumfix Gsteini n. ‘das steinige Gebiet’ ist in Gampel, Obergesteln, Oberwald, Ulrichen, Randa und Steg bezeugt; es kommt in Obergesteln auch als am Gsteinibach und im Gsteini am Rotte ‘im steinigen Gebiet an der Rhone’ vor.

Eine weitere kollektive Ableitung bilden Steinet n. (Eisten, Grächen) mit der -ET-Ableitung und Gsteinet n. (Eisten, Kippel, Wiler) mit dem Zirkumfix GE-ET (SONDEREGGER 1958, 284 ff. und 524). Beide Bildungen sind selten und bedeuten wiederum etwa ‘das steinige Gebiet’.

Ebenfalls selten ist die Ableitung Steineri n. mit dem um -I erweiterten -ER-Suffix (SONDEREGGER 1958, 551), hier wohl wieder als ‘steiniges Gebiet’ zu verstehen. Der Name kommt lebend nur in Reckingen und (historisch) in Steinhaus (1707, auf der Steinri) vor. In Reckingen sind auch t Hinner Steineri und t Voder Steineri belegt. Formal kann es sich auch um eine Ableitung vom FaN Steiner handeln, doch ist die Familie in Reckingen nicht belegt. Das nur einmal in einem rätselhaften Text belegte die Stetiner Steinera (1664, Varen) kann ähnlich verstanden werden; ein FaN ist hier kaum gemeint, da Steinera eine Übersetzung von frpr. pierra ‘Stein’ ist.

Adjektivische Ableitungen zu Stei sind steinern, steinig und steinin. Am häufigsten wird steinig verwendet, zumeist als Attribut mit Grundwörtern wie Bach, Biel, Bodu, Bord, Brigga, Chriz, Chumma, Chännel, Fad, Färich, Grabu, Lamma, Steg, Tisch, Wang und anderen. In Kippel und Ferden kommen auch komplexere Formen wie dr Inder Steinig Grabem oder dr Uister Steinig Grabem vor. Eine Substantivierung findet sich in t Steiniga f. (Bellwald, Fieschertal) und t Steinige f. (Steinhaus) und als ob Steinige (Fieschertal, bezogen auf t Steiniga).

Das Adjektiv steinern ist in t Steinernu Stäge ‘die steinernen Stiegen’ (Grächen) belegt. Und steinin findet sich dreimal in den Steinninen Faͤrrich ‘der steinerne Pferch’ (1548, Saas-Balen), im Steinino Ferrich ‘im steinernen Pferch’ (1718, Baltschieder) und bÿ dem Steininenwang ‘beim Grasabhang mit Steinen’ (1576, Zwischbergen).

Eine Monophthongierung zu Stenofärich ‘der Pferch aus Stein’ (Visperterminen), historisch belegt als Steinin Ferrich (1576) kann als Ergebnis des Brandstätterschen Gesetzes verstanden werden, mit einer Kürzung von Steino zu Steno. Unklar ist schliesslich der Belege zen Herichstene ‘zu (bei) den Erich-Steinen’ (1345, Gampel) (cf. HL ERICH).

VSNB, Bd. 4, Sp. 231

Vorkommen

gestein

ggsteindlini

gschtei

gstei

gstein

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gsteinet

gsteini

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stei

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steina

steine

steinen

steiner (Stei)

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steinet

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steinig

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steinige

steinigen

steinigi

steinigu

steininen

steinini

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steinn

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steyn

steyne