Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Schleif

Schleif m., ‘Rinne zum Schleifen’ ist zu schwdt. Schleiff, Schlīff, Schleipf, m. ‘das Schleifen, Schleppen, Gleite(lassen), auch die dabei entstehende Spur und die betr. Örtlichkeit, Bahn’, ‘von der Beförderung von Heu, Holz in den Bergen durch Hinabschleifen oder Hinabgleitenlassen’, ahd. *sleif m. (ID. 9, 129 ff.)., wdt. Schleif ‘Rinne, Schlittweg, Spur’ (GRICHTING 1998, 172) zu stellen. Schleife sind meist natürliche Rinnen in steilem Gelände, durch die Holzstämme und Heu, im Winter auch mit Schlitten befördert werden. Da heute andere Transportarten im Vordergrund stehen, wachsen viele Schleife zu; nur noch der Name erinnert an die frühere Funktion.

Schleif ist mit über 400 Belegen vertreten. Das Simplex Schleif m., manchmal mit einer Präposition wie Im, Zum, Am Schleif ist deutlich häufiger als der Plural Schleifa, Schleife oder Schleiffa, der mehrere zusammentreffende Schleife bezeichnet; nur einmal belegt ist der Plural Schleifna ‘die Schleife’ (Erschmatt). Die Diminutivform Schleiffji, Schleifji ‘der kleine Schleif’ ist selten, die Pluralform Schleifjini ‘die kleinen Schleife’ (Ergisch) kommt nur einmal vor. Eine Kollektivform stellt die GIPräfigierung Gschleyf ‘die Schleife (Kollektiv)’ (Visp, Baltschieder) dar; ähnlich ist wohl das Zirkumfix (GI - I) Gschleifi f. (Eggerberg) zu verstehen, das 1661 als in den Gschleiffen erscheint (beide so nicht im ID. s. v. Ge-schleiff 9, 136).

Bei den attributiven Formen mit Schleif als Grundwort sind Adjektive und Partizipien zu unterscheiden. Als Adjektive erscheinen etwa Breit, Eng, Fiischter, Glatt, Grie, Gross, Mittler, Obroscht, Unner, Unnerscht, Rot, Teiff und Wiit – also im Wesentlichen Eigenschaften, Farben und Lagebezeichnungen. Einen besonderen Fall bezeichnet der Gmeine Schleif, also ein der Gemeinde (im Sinn von öffentlicher Gemeinschaft) gehörender Schleif (Ausserberg, Termen, Naters). Als Partizipien finden sich Lägund ‘eben’ und Stotzund ‘steil’. Ebene Schleife sind mühsamer als steile: man muss die Holzstämme dort herausziehen.

Konstruktionen mit einem vorangestellten Genitiv bezeichnen meist Besitzer oder Nutzer wie etwa ts Ambortsch Schleifji ‘der kleine Schleif der Familie Ambort’ (Visperterminen), Broͤyerro Sleiff ‘der Schleif der Leute von Brei’ (1374, Ried-Brig) oder an Mattero Schleiff (1742, Ried-Mörel), wobei unklar ist, ob der Familienname Matter oder die Herkunft von einer Matta gemeint ist. Einen komplexen Genitiv zeigt dr Treesawisischleif ‘der Schleif des Treesawiisi (Alois, Sohn der Treesa (Theresa))’ (Steg).

Als Grundwort verbindet sich Schleif mit einer Reihe von einfachen oder selbst wieder zusammengesetzten Bestimmungswörtern, die den Ausgangs- oder Zielort des Schleifs bezeichnen, oder seine Lage in einem Wald, bei einem Felsen, unter einer Alp oder über einem Weiler. Auch Besitzer- oder Nutzernamen sind belegt, wie in Schüülischleif ‘der Schleif der Familie Julier’ (Visp). Die Beschaffenheit eines Schleifes ist in Sickerschleif ‘Schleif mit Sickerwasser, feuchter Boden’ (Ernen), Mossschleif ‘Schleif mit feuchtem Boden’ (Turtmann) oder Steischleif ‘Schleif mit Steinen’ (Selkingen, Ritzingen, Blitzingen, Törbel) enthalten. Was in den Schleifen transportiert wird, ist in Holzschleif ‘Schleif für Holz’ (Grengiols, Birgisch, Stalden, Ergisch), (e)Räbstäckuschleifji ‘kleiner Schleif für Rebstecken’ (Gampel) und Schlittschleif ‘Schleif für den Schlitten’ (Termen, Stalden) enthalten. Ungewöhnlich sind Pflanzennamen wie Häärperschleiffji ‘der kleine Schleif mit Erdbeeren’ (Gampel), Heiperschleif ‘der Schleif mit Heidelbeeren’ (Oberems) oder Schwiderschleif ‘der Schleif mit Moosbeeren / Sauerdorn’ (Eischoll, Niedergesteln); hier sind Pflanzen erwähnt, die im oder am Schleif wachsen. Ebenfalls auffallend sind Tiernamen wie Bäruschleif ‘Schleif des Bären’ (Leuk, Varen) oder Fuggsschleif ‘Schleif des Fuchses’ (Blatten, Wiler); ob dabei angenommen wird, dass solche Tiere hier lebten, oder ob FaNN vorliegen, ist nicht immer klar. Komplexere Bildungen können auch Adjektive enthalten, wie etwa der Fooder Rinderschleif ‘der vordere Schleif, wo Rinder weideten’ (Gampel), oder sie enthalten drei Bestandteile wie der Häischalpjischleif ‘der Schleif unterhalb der kleinen Alpe des Hans (oder des Hahns im Sinn von Auerhahn)’ (Visperterminen) oder der Zigerblattuschleif ‘der Schleif, auf dem man Zigerplatten holte’ (Gampel) – laut Gwp. sind Zigerplatten Steine, auf denen Zigerstöcke geräuchert wurden.

Als Bestimmungswort ist Schleif deutlich weniger vertreten. Grundwörter dazu sind etwa Acher, Egg(a), Tschuggu, Matta, Stafel, Wäg und Wald.

Einen seltenen Fall weist Zwischbergen mit der Schleifund Tschuggu ‘der Fels, der als Schleif diente’ auf; hier scheint das Partizip Präsens des Verbs schleifen ‘etwas zu einem Schleif machen’ (ID. 9, 136) verwendet worden zu sein. JORDAN (2006, 366) erwähnt den Flurnamen als Schleiffunds Tschuggi und sagt dazu, es handle sich um einen steilen Felsabsturz am Berghang; ob unsere Deutung das Gleiche ausdrückt, sei dahingestellt.

VSNB, Bd. 4, Sp. 88

Vorkommen

gschleifi

gschleyf

gschleyffen

schleif

schleifa

schleife

schleifen

schleiff

schleiffa

schleiffe

schleiffen

schleiffgi

schleiffgisch

schleiffi

schleiffji

schleiffu

schleifji

schleifjini

schleifli

schleifna

schleifund

schleipfe

sleyfe